In Berlin-Mitte ist ein bemerkenswerter Verlust zu verzeichnen: Die Gedenktafel, die an die Berlin-Afrika-Konferenz von 1884 erinnerte, ist verschwunden. Diese Tafel, die 2005 in der Wilhelmstraße 92 installiert wurde, war nicht nur ein bedeutendes Erinnerungsstück, sondern auch ein beliebter Ort für Sightseeing und Teil der dekolonialen Stadtführung DeSta. Justice Mvemba, die Gründerin von DeSta, berichtete, dass die Tafel am 25. Januar 2023 noch vorhanden war, aber bereits am 29. Januar nicht mehr zu finden war. Trotz intensiver Nachfragen bei verschiedenen Vereinen gab es bisher keine Hinweise auf ihren Verbleib. DeSta plant, den Vorfall der Polizei zu melden und hat auf Instagram um Hinweise gebeten. Für hilfreiche Informationen wird sogar eine kostenlose Stadtführung angeboten, doch bislang hat sich niemand gemeldet.
Der Zeitpunkt könnte nicht ungünstiger gewählt sein, denn derzeit findet der Black History Month statt, was zusätzliche Veranstaltungen und einen Stadtlauf am 28. Februar 2023, der an der Gedenktafel Halt machen sollte, in den Fokus rückt. Mvemba hebt hervor, wie wichtig die Tafel als Beweis für die lange Geschichte der Schwarzen in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert ist. Zudem sieht sie die Berlin-Afrika-Konferenz als ein Zeichen der Verbindungen zwischen Deutschland und dem afrikanischen Kontinent. Die Entfernung der Tafel könnte die kollektive Amnesie im Umgang mit der Kolonialgeschichte weiter vertiefen.
Die Berlin-Afrika-Konferenz: Ein historischer Kontext
Die Berliner Afrika-Konferenz, die am 15. November 1884 im Palais des Reichskanzlers stattfand, ist ein Schlüsselmoment in der Geschichte des Kolonialismus. An dieser Konferenz nahmen Vertreter von zwölf europäischen Staaten, den USA und dem Osmanischen Reich teil, um nationale Interessen an kolonialen Besitztümern und Einflussbereichen zu verhandeln. Diese Konferenz markiert den Höhepunkt der europäischen Aneignung Afrikas, die bereits seit mehreren Jahrhunderten andauerte. Das Deutsche Reich stellte dabei Ansprüche auf Gebiete in den heutigen Staaten Namibia, Togo, Kamerun, Tansania, Burundi und Ruanda.
Die wirtschaftlichen Interessen der Konferenzteilnehmer führten zu Enteignungen und Unterdrückungen der betroffenen afrikanischen Bevölkerungen. In der europäischen Geschichtsschreibung wird die Berliner Afrika-Konferenz oft als weniger bedeutend betrachtet, was viele historische Zusammenhänge und deren Folgen, einschließlich kolonialer Verbrechen, verdrängt. In der Schwarzen Geschichtsschreibung hingegen wird sie als Schlüsselerereignis angesehen, das das Verhältnis zwischen Afrika und Europa bis heute prägt. Die Konferenz dient als Ausgangspunkt zur Analyse und Sichtbarmachung der komplexen Prozesse und individuellen Erfahrungen im Zusammenhang mit Kolonialismus und kolonialer Gewalt.
Der Einfluss der Kolonialgeschichte bis heute
Im November 2024 äußerte sich Entwicklungsministerin Svenja Schulze anlässlich des 140. Jahrestages der Afrika-Konferenz über die ungleichen wirtschaftlichen Entwicklungen in Europa und Afrika. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war der europäische Einfluss in Afrika gering. Doch ab dieser Zeit begann ein Wettlauf um den Kontinent, da europäische Mächte nach neuen Absatzmärkten und Rohstoffen suchten. In diesem Kontext trat Deutschland, unter der Leitung von Reichskanzler Otto von Bismarck, als eine der letzten europäischen Nationen in das koloniale Zeitalter ein.
Die Konferenz von 1884 stellte sicher, dass bestehende Kolonien unangetastet blieben, während neue Gebiete dem Staat gehörten, der sie zuerst in Besitz nahm. Bis 1914 hatten die Europäer nahezu den gesamten Kontinent besetzt, und die willkürliche Festlegung von Grenzen führte zu anhaltenden Konflikten und Ungleichheiten, die bis heute nachwirken.
Die Bedeutung der Gedenktafel in Berlin kann daher nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie erinnert nicht nur an historische Ereignisse, sondern fordert auch dazu auf, sich mit der kolonialen Vergangenheit auseinanderzusetzen und deren Folgen für die Gegenwart und Zukunft zu reflektieren. Der Verlust dieser Tafel ist ein bemerkenswerter Rückschlag in der Erinnerungskultur und im Kampf gegen die kollektive Amnesie, die im Umgang mit der Kolonialgeschichte vorherrscht. Für weitere Informationen zu diesem Thema sei auf die ausführliche Berichtserstattung verwiesen, etwa in der Berliner Zeitung, aber auch auf die Living Archives und Planet Wissen.