Hamburg. Im Herzen von Barmbek-Nord gibt es Wirbel um die jüngsten Baupläne der Stadt: Anstelle des ursprünglich geplanten Bezirksamts soll auf dem Gebiet nun eine Unterkunft für 396 Flüchtlinge und Wohnungslose entstehen. Diese Entscheidung sorgt bei den Anwohnern für Unmut.
Kaum zu glauben, aber wahr: Das Grundstück am Wiesendamm, eigentlich für ein neues Verwaltungsgebäude vorgesehen, wird jetzt einer gänzlich anderen Nutzung zugeführt. Grund hierfür sind steigende Baukosten und hohe Zinsen, die das Prestigeprojekt des Bezirksamts schlichtweg unfinanzierbar gemacht haben. Stattdessen zieht die Behörde in die City Nord um.
Anlieger kritisieren Entscheidung scharf
Die künftige Nutzung des ehemaligen Bezirksamtsgrundstücks löst bei den Anwohnern unterschiedlichste Reaktionen aus. Ingrid Schnackenbeck, eine 84-jährige Anwohnerin, die seit 1962 im Witthof lebt, zeigt sich enttäuscht: „Warum nicht normale, bezahlbare Wohnungen bauen? Gerade für ältere Menschen wie mich, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind, wäre das eine große Erleichterung.“
Auch ihre Tochter Sabine Mücke fällt aus allen Wolken: „Ich wohne im vierten Stock und wünsche mir genauso wie meine Mutter, dass die Stadt auch Menschen mit kleinerem Budget bedenkt.“
Weitere Nachbarn äußern ähnliche Sorgen
Brigitte und Günter Kraiczi, die ebenfalls am Witthof wohnen, beklagen die schwierige Wohnungssuche in Hamburg. „Wir haben uns bei vielen Genossenschaften erkundigt, aber niemand nimmt mehr neue Mitglieder auf“, erzählt Brigitte Kraiczi. Besonders das Thema Barrierefreiheit beschäftigt das Ehepaar, das sich den Umzug in eine altersgerechte Wohnung derzeit schlichtweg nicht leisten kann.
Ein weiteres Problem stellt die Unsicherheit über die künftigen Nachbarn dar. „Wir hatten hier schon mal eine Flüchtlingsunterkunft, und da musste die Polizei ständig eingreifen“, erinnert sich Günter Kraiczi.
Sozialbehörde verteidigt die Pläne
Wolfgang Arnhold, Sprecher der Hamburger Sozialbehörde, entgegnet den Vorwürfen: „Es handelt sich um zwei unterschiedliche Zielgruppen. Am Wiesendamm geht es darum, geflüchteten Menschen ein Dach über dem Kopf zu bieten. Der Wohnungsbau für Einheimische steht weiterhin im Fokus.“
Die neuen Pläne am Wiesendamm sehen vier dreigeschossige Modulhäuser vor. Dazu kommen Nebengebäude für spezifische Funktionen, wie ein Waschhaus, eine Werkstatt, Abstellflächen für Fahrräder und Kinderwagen sowie ein Gemeinschaftshaus. Die Bewohner sollen in Zweibettzimmern unterkommen und sich in Gemeinschaftsküchen und -sanitärräumen selbst versorgen können. Geplanter Start ist das erste Quartal 2025.
Vorbereitende Arbeiten auf dem Gelände haben bereits begonnen, obwohl die offizielle Baugenehmigung noch aussteht. Die Stadt drängt auf eine rasche Fertigstellung, um dem hohen Bedarf an Unterkünften gerecht zu werden. Details hierzu auf www.abendblatt.de.
Die Anwohner beklagen nicht nur die mangelnde Information, sondern auch, dass die ursprünglichen Pläne für das Bezirksamt Nord abrupt geändert wurden. „Ich fühle mich von der Politik hinters Licht geführt“, sagt Brigitte Kraiczi, verwundert darüber, dass sie von den neuen Plänen nur aus der Zeitung erfahren hat.
Ob sich noch ein breiterer Protest formieren wird, bleibt abzuwarten. „Viele wissen wahrscheinlich noch gar nicht, was hier wirklich geplant ist“, meint Sabine Mücke.