In Japan verschwinden jährlich etwa 100.000 Personen, ein Phänomen, das als Jōhatsu (蒸発) bekannt ist und wörtlich „Verdampfen“ bedeutet. Diese Menschen wählen aktiv, aus der Gesellschaft zu verschwinden und hinterlassen oft keine Spuren. Die Gründe für dieses drastische Vorgehen sind vielfältig: private und gesundheitliche Probleme, finanzielle Schulden, gesellschaftlicher Druck oder der Versuch, aus missbräuchlichen Beziehungen zu entkommen. Arata Mori und Andreas Hartmann beleuchten in ihrem Dokumentarfilm “Johatsu – Die sich in Luft auflösen“ die Motive und Hintergründe dieser Menschen.
Die Entscheidung, als Jōhatsu zu leben, hat weitreichende Konsequenzen für alle Beteiligten. Angehörige, Fluchthelfer und die Untergetauchten selbst sind in einem komplexen Netz aus Emotionen und rechtlichen Fragestellungen gefangen. Während in anderen Ländern Verschwinden oft mit Verbrechen oder Unfällen assoziiert wird, ist dies in Japan nicht der Fall. Hier sind es vor allem gesellschaftliche Normen und der individuelle Druck, die Menschen dazu bringen, ihre alte Identität abzulegen.
Die Gründe für das Verschwinden
Die Wurzeln des Jōhatsu-Phänomens reichen bis in die Nachkriegszeit Japans zurück und verstärkten sich besonders während der wirtschaftlichen Krisen der 1990er Jahre. Über zwei Millionen Japaner gelten als überschuldet oder bankrott, was bei vielen ein Gefühl der Ausweglosigkeit hervorruft. Zudem werden persönliche Misserfolge und der Verlust des Arbeitsplatzes oft als gesellschaftliches Versagen wahrgenommen, was zu einem hohen Schamgefühl führt. Auch Scheidungen sind mit einer Stigmatisierung verbunden, die viele Menschen dazu bringt, zu verschwinden.
In vielen Fällen brechen Jōhatsu-Personen den Kontakt zu ihren Familien ab und leben anonym weiter. Einige spezialisierte Unternehmen, die sogenannten „yonige-ya“ (夜逃げ屋), bieten dabei Unterstützung. Diese Firmen organisieren heimliche Umzüge und helfen bei der Schaffung neuer Identitäten. Ihre Dienstleistungen umfassen alles von der Suche nach neuer Unterkunft bis zur Entsorgung persönlicher Gegenstände. Die rechtlichen und ethischen Implikationen des Jōhatsu-Phänomens sind komplex, insbesondere da Japan strenge Datenschutzgesetze hat, die das Verschwinden schützen.
Gesellschaftlicher Druck und die Rolle der digitalen Ära
In der heutigen digitalen Ära wird es zunehmend schwieriger, sich vollständig aus der Gesellschaft zurückzuziehen. Dennoch gelingt es einigen, ihre Online-Präsenz zu löschen und anonym zu leben. Bestimmte Stadtteile in Japan, wie San’ya in Tokio oder Kamagasaki in Osaka, haben sich als sichere Zufluchtsorte für Jōhatsu etabliert, wo Menschen ohne offizielle Identität leben können. Diese Gegenden sind häufig von Armut und prekären Lebensbedingungen geprägt, und viele Jōhatsu arbeiten in schlecht bezahlten Tagesjobs, oft unter dem Einfluss von kriminellen Organisationen wie der Yakuza.
Das Thema Jōhatsu ist in der japanischen Gesellschaft stark tabuisiert. Für zurückgelassene Familienmitglieder ist es oft schwierig, über das Verschwinden zu sprechen. Es ist ein Thema, das in der Gesellschaft nur ungern angesprochen wird, obwohl es viele betrifft. Der Dokumentarfilm “Johatsu – Into Thin Air“ von Andreas Hartmann und Arata Mori wirft einen aufschlussreichen Blick auf die Herausforderungen, vor denen diese Menschen und ihre Familien stehen, und beleuchtet die gesellschaftlichen Strukturen, die Menschen zum Verschwinden treiben.