Am vergangenen Samstag demonstrierten etwa 250 Neonazis der rechtsextremistischen Kleinstpartei „Der Dritte Weg“ durch Berlin-Hellersdorf. Laut Berichten von der Berliner Zeitung zeigten die Teilnehmer mehrfach den Hitlergruß, griffen Medienvertreter an und attackierten Polizeikräfte, was zu mehr als 20 Festnahmen führte. Polizeisprecher Florian Nath berichtete von „erheblichen Gewalttätigkeiten“ gegen die Polizei und bestätigte Angriffe auf Journalist:innen während der Versammlung.
Die Polizei konnte den Aufmarsch der Neonazis nahezu ungehindert zulassen, dennoch kam es zu Zusammenstößen bei Festnahmen am U-Bahnhof Hellersdorf und in einem Zug der Linie U5. Der Anlass der Demo war das zehnjährige Bestehen des „Stützpunkt Berlin-Brandenburg“ der Partei. Obwohl die Neonazis nicht öffentlich mobilisiert hatten, wurde der Aufmarsch nur wenige Tage zuvor bekannt. Teilnehmer reisten aus nahezu dem gesamten Bundesgebiet sowie aus Dänemark an und skandierten unter anderem Parolen wie „Berlin erwache“.
Ermittlungen und Vorwürfe
Im Zusammenhang mit der Demonstration geriet ein Auszubildender der Lebensmittelkette Bio Company in den Fokus der Öffentlichkeit. Er wird beschuldigt, an der Demo teilgenommen zu haben und soll Mitglied der Jugendorganisation des „Dritten Wegs“, der Nationalen Revolutionären Jugend (NRJ), sein. Laut Berichten von „Antifa Berlin“ nahm er aktiv an der Demonstration teil und rief mit einem Megafon Parolen. Plakate im Kiez rund um die Filiale in der Boxhagener Straße zeigen seinen Namen und kennzeichnen ihn als „gewalttätigen Neonazi“.
Er wird auch mit einem brutalen Angriff am Ostkreuz im Juli 2022 in Verbindung gebracht, bei dem mehrere Personen verletzt wurden. Während Bio Company sich schockiert über die Vorwürfe zeigte und ihre Haltung für Weltoffenheit und Toleranz betonte, bleibt unklar, welche Konsequenzen das Outing für den jungen Mann haben wird. Die Firma plant, schnellstmöglich zu handeln, hat sich jedoch bislang nicht dazu geäußert, ob der Auszubildende als rechtsextrem bekannt ist.
Rechtsextremismus in Deutschland
Der „Dritte Weg“, gegründet von Matthias Fischer im Jahr 2013, gilt als eine der aktivsten Gruppierungen des traditionellen Rechtsextremismus in Berlin mit etwa 80 Mitgliedern im Berliner „Stützpunkt“. Im Jahr 2023 lag das gesamte rechtsextremistische Personenpotenzial in Deutschland bei 40.600 Personen, was einem Anstieg um 1.800 Personen im Vergleich zum Vorjahr entspricht, wie der Verfassungsschutz berichtet. Dabei stieg die Anzahl der rechtsextremistischen Gewalttaten um 13,0 % auf 1.148 im Jahr 2023.
Die Aktivitäten des „Dritten Wegs“ sind besonders in den Bezirken Marzahn-Hellersdorf zu beobachten, wo die meisten Neonazi-Aktivitäten in Berlin verzeichnet werden. Trotz ernsthafter Anstrengungen, Jugendlichen zu gewinnen, stößt die Partei nur auf begrenzte Rekrutierungserfolge. Ein bereits erfolgter Neonazi-Großaufmarsch in Berlin-Friedrichshain zeigte das Potenzial und die Mobilisierungsfähigkeit solch extremistischer Gruppierungen, was das Geschehen in der Hauptstadt alarmierend macht.