Heute ist der 19.02.2026. In Pankow, einem Ort mit historischer Bedeutung und politischer Relevanz aus der DDR-Zeit, fand jüngst eine Lesung von Karsten Krampitz statt. Der Autor stellte sein Werk „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ vor, das im Herbst 2022 veröffentlicht wurde und sich mit einem besonders vielschichtigen Thema auseinandersetzt: der Dissidenz in der DDR, insbesondere dem Leben von Menschen mit Behinderungen. Der Roman umfasst knapp 200 Seiten und erzählt die fiktionalisierte Geschichte einer Gruppe von Menschen mit Behinderungen, die in Thüringen eine autonome Kommune gründen.

Die Ereignisse des Buches spielen sich ab den späten 1970er Jahren in der DDR ab. Die Kommune, die Krampitz beschreibt, wird von Menschen mit Behinderungen bewohnt, die trotz staatlicher Drangsalierung ein selbstbestimmtes Leben führen. Ein bemerkenswerter Aspekt ist der Begriff „Latscher“, der sich auf Nichtbehinderte bezieht, die als Pfleger in die Kommune eintraten. Die Finanzierung der Kommune erfolgte durch die Zusammenlegung von Renten und Pflegegeldern, was die Gemeinschaft in die Lage versetzte, ihren eigenen Lebensstil zu gestalten. Zudem fand die Band Mischpoke, inspiriert von der realen Band Freygang, Asyl in dieser Kommune.

Ein Blick auf Matthias Vernaldi

Ein zentraler Charakter in der Geschichte, Gruns, wurde aufgrund seiner Behinderung von der Kirche abgelehnt, wobei das Haus in Hartroda von der Kirche bereitgestellt wurde. Diese Ablehnung spiegelt die realen Konflikte wider, die Menschen mit Behinderungen in der DDR oft erleben mussten. Einfluss auf das Thema der Lesung hatte auch Matthias Vernaldi, ein echter Aktivist, der 2020 verstarb. Vernaldi war nicht nur Schriftsteller, sondern auch ein bedeutender Behindertenrechtsaktivist, der den „Matthias-Vernaldi-Preis für selbstbestimmtes Leben“ erhielt.

In der kommenden Woche, vom 20. bis 22. Oktober, findet in Wiepersdorf ein Gruppenstipendium für frühere Wegbegleiterinnen von Vernaldi statt, bei dem Texte von ihm für einen Sammelband gesichtet und aufbereitet werden sollen. Vernaldi hatte in seinem Leben politische Reflektionen, Prosatexte und Lyrik verfasst und war Mitgründer der Zeitschrift Mondkalb – Zeitung für das organisierte Gebrechen. In seiner Kommune in Hartroda bot er Schutz für Menschen mit Behinderungen und Aussteigerinnen vor Verfolgung nach dem sogenannten „Asozialenparagraphen“ (§ 249 StGB der DDR).

Kunst und Aktivismus in der DDR

Die Kommune, die Vernaldi und seine Mitstreiter*innen aufbauten, war ein Ort kultureller Ausdrucksformen. Konzerte, Theateraufführungen und Performances fanden dort statt, stets unter der strengen Überwachung der Staatssicherheit. Nach der Wiedervereinigung war Vernaldi ein Wegbereiter der persönlichen Assistenz und lange Zeit im Vorstand eines der ersten Assistenzvereine in Berlin tätig, was sein Engagement für die Rechte von Menschen mit Behinderungen verdeutlicht.

Das Thema Behinderung in der DDR wird auch weiterhin diskutiert. In der kommenden Ausgabe 1/2025 der Zeitschrift für Disability Studies wird das Thema „Behinderung und behinderte Menschen in der DDR“ behandelt. Die Ausgabe enthält Fachbeiträge, Debattenbeiträge und künstlerische Arbeiten aus den Disability Arts and Culture. Diese Diskussionen sind wichtig, um das Bewusstsein für die Herausforderungen und Errungenschaften von Menschen mit Behinderungen in der Vergangenheit und Gegenwart zu schärfen.

Die Lesung von Krampitz war nicht nur eine literarische Veranstaltung, sondern auch eine wichtige Erinnerung an die Geschichten, die oft im Schatten der Geschichte stehen. Mit humorvollen Anekdoten und tiefen Einblicken in die Thematik bereicherte Krampitz den Abend und ermöglichte den Zuhörern, einen neuen Blick auf die Geschichte der Dissidenz und der Selbstbestimmung in der DDR zu werfen. Weitere Informationen finden Sie in dem Artikel auf der taz.

Wer mehr über die Texte von Matthias Vernaldi und die aktuelle Diskussion um Behinderte in der DDR erfahren möchte, kann sich auf die Seite der Mondkalb begeben, die sich mit der Aufarbeitung seines Werkes beschäftigt. Auch die Zeitschrift für Disability Studies bietet spannende Einblicke und Diskussionen zu diesem wichtigen Thema.