Heute ist der 8.04.2026, und im Gesundheitskollektiv in Neukölln steht eine wichtige Teambesprechung auf der Agenda. Levent Öztürk, ein engagierter Community Health Nurse, stellt dabei Patienten vor, die häufig mit chronischen Erkrankungen wie Long Covid, Diabetes mellitus, Asthma, Rückenschmerzen und Depressionen zu kämpfen haben. Diese Erkrankungen sind nicht nur medizinische Diagnosen, sondern auch soziale Herausforderungen, die tief in den Lebensumständen der Patienten verwurzelt sind. Das Gesundheitskollektiv, das 2021 eröffnet wurde, bietet einen Raum für interdisziplinäre Zusammenarbeit, in dem neben Öztürk auch eine Sozialberaterin, eine Psychologin, zwei Allgemeinärztinnen und eine Studienpflegerin anwesend sind. Diese Vielfalt im Team ermöglicht eine umfassende Betrachtung der Patienten und ihrer Bedürfnisse. [Quelle]
Die Bedeutung solcher integrativen Ansätze wird besonders deutlich, wenn man die Entwicklungen in der Versorgungsforschung betrachtet. Im März 2024 hat das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) den Ausbau der Forschung zu Long COVID und ähnlichen Erkrankungen angekündigt. In diesem Rahmen werden 30 Projekte mit einem Gesamtvolumen von 73 Millionen Euro gefördert, die sich der Versorgung, Diagnostik und Erforschung von Long COVID widmen. Diese Projekte werden voraussichtlich eine Laufzeit von drei bis vier Jahren haben und beginnen Ende 2024 oder Anfang 2025. Das BMG hat bereits im Februar ein Auftakttreffen unter Leitung des Ministeriums durchgeführt, um den Startschuss für diese wichtigen Initiativen zu geben. [Quelle]
Vielfältige Module der Versorgungsforschung
Die Projekte des BMG gliedern sich in vier Module, die verschiedene Aspekte der Versorgung und Forschung abdecken. Im ersten Modul werden neun Modellprojekte zur integrierten Versorgung in mehreren Bundesländern, darunter auch Berlin, erprobt. Hierbei wird telemedizinische Diagnostik und Versorgung getestet, lokale interdisziplinäre Netzwerke werden aufgebaut, und die soziale sowie berufliche Teilhabe durch Rehamaßnahmen und psychotherapeutische Begleitung gefördert. Im zweiten Modul liegt der Fokus auf Innovationen in der Versorgung, wie etwa mobilem Monitoring mit tragbaren Fitnesstrackern und der Entwicklung laborbasierter diagnostischer Tests. [Quelle]
Im dritten Modul wird die Versorgungslage und das Krankheitsgeschehen detailliert untersucht. Hierzu gehören die Analyse bestehender Behandlungsempfehlungen und die Erfassung von Änderungen in der Häufigkeit und Schwere der Symptome. Diese umfassende Herangehensweise zeigt das Bestreben, die Behandlung und Unterstützung für Patienten mit Long COVID zu verbessern. Schließlich wird im vierten Modul eine übergeordnete Koordinationsstelle eingerichtet, um die verschiedenen Projekte zu vernetzen und deren Synergien zu nutzen. [Quelle]
Integrative Ansätze für eine bessere Versorgung
Die Deutsche Gesellschaft für ME/CFS hat den Start dieser Projekte begrüßt, weist jedoch darauf hin, dass ME/CFS in der Forschung stärker berücksichtigt werden sollte. Nur sechs der 30 Projekte erwähnen ME/CFS in ihrer Kurzbeschreibung, was auf eine bestehende Lücke in der Forschung hinweist. Die Historie von ME/CFS zeigt die Notwendigkeit, empirische Befunde zu berücksichtigen und psychosomatische Sichtweisen zu vermeiden. Dies könnte möglicherweise auch dazu beitragen, das Verständnis für die Komplexität von Long COVID und verwandten Erkrankungen zu vertiefen und die Versorgung zu verbessern.
Die Entwicklungen in der Versorgungsforschung und die integrativen Ansätze, die im Gesundheitskollektiv in Neukölln verfolgt werden, sind wichtige Schritte in die richtige Richtung. Sie zeigen, dass die Gesundheitsversorgung zunehmend als ein Zusammenspiel von medizinischen, sozialen und psychologischen Faktoren betrachtet wird. Nur so kann eine umfassende und nachhaltige Unterstützung für Patienten mit chronischen Erkrankungen gewährleistet werden.