Die Stadtführung durch Neukölln, die von „CROSS ROADS – Berlin mit anderen Augen“ organisiert wird, hat sich als echter Publikumsmagnet erwiesen. Cornelia Dette, die seit zwei Jahrzehnten in Neukölln Führungen anbietet, begrüßte kürzlich 25 Teilnehmer vor dem Rathaus. Diese Veranstaltung markiert einen besonderen Meilenstein, denn sie thematisiert erstmals das jüdische Leben in Neukölln, das oft von den lebendigen türkischen und arabischen Gemeinschaften überlagert wird. Die Teilnehmer kamen aus verschiedenen Gründen, unter anderem um familiäre Wurzeln zu erforschen.
Zur Zeit der Weimarer Republik lebten rund 3000 Jüdinnen und Juden in Neukölln. Helene Nathan, eine bedeutende Persönlichkeit dieser Zeit, leitete von 1921 bis 1933 die Stadtbücherei und machte sie zur Ausbildungsbibliothek. Die erste Synagoge in Neukölln wurde 1907 errichtet, jedoch während der Novemberpogrome 1938 zerstört. Eine Gedenktafel erinnert heute an diese Synagoge sowie an Rabbiner Georg Kantorowsky, der von 1917 bis 1938 dort wirkte. Auch seine Frau Frieda Kantorowsky, eine moderne Feministin, die sich für die Abschaffung des Abtreibungsparagrafen einsetzte, wird in der Stadtführung gewürdigt.
Die Geschichte der jüdischen Gemeinschaft
Die Stadtführung beleuchtet die Erfolge und Schicksale der jüdischen Bürger in Neukölln. So trugen jüdische Menschen aktiv zur Gesellschaft bei, etwa als Schuldirektoren und Stadtbibliotheksleiter oder als Unternehmer im Bekleidungsgewerbe. Kurt Löwenstein, der von 1921 bis 1933 als Stadtrat für das Volksbildungswesen tätig war, setzte bedeutende soziale Maßnahmen um. Die Teilnehmer hatten die Gelegenheit, sich am Hermannplatz angeregt über diese Themen auszutauschen.
Ein besonders bewegendes Schicksal ist das von Georg Kantorowsky, der 1949 in San Francisco die Gemeinde Bʼnai Emunah für deutsche Holocaustüberlebende gründete. Sein Sohn Hans wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet; ein Stolperstein in Neukölln erinnert an ihn. Derzeit gibt es in Neukölln 276 Stolpersteine, und diese Zahl wächst kontinuierlich, was die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte unterstreicht.
Einblicke in das heutige Leben
Die Stadtführung endet am Maybachufer und bietet nicht nur einen historischen Rückblick, sondern thematisiert auch das heutige jüdische Leben im stark arabisch geprägten Neukölln. Ein weiterer Termin für diese faszinierende Tour ist bereits für den 10. Juli um 15 Uhr angekündigt, da das Interesse groß ist. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt und eine Anmeldung erforderlich.
Für weitere Informationen über die Stadtführung und zur Anmeldung besuchen Sie bitte die Webseite von CROSS ROADS. Die Veranstaltung bietet eine wertvolle Gelegenheit, das verborgene jüdische Erbe von Neukölln zu entdecken und mehr über die Geschichten, die mit diesen Orten verbunden sind, zu erfahren.
Insgesamt zeigt diese Stadtführung, wie wichtig es ist, die vielfältigen Schichten der Geschichte zu beleuchten und das jüdische Leben in Neukölln, das einst blühte, wieder ins Bewusstsein zu rücken. Es ist eine Erinnerung daran, dass Geschichte nicht nur in Büchern steht, sondern auch in den Straßen, an denen wir täglich vorbeigehen.






