Marzahn, eine Plattenbausiedlung in Berlin, hat sich im Laufe der Jahre von einer oft als „Betonwüste“ bezeichneten Nachbarschaft zu einem Ort mit vielen positiven Merkmalen entwickelt. Eine Dokumentation von Anja Widell, die am 16. Juni 2020 auf rbb ausgestrahlt wurde, zeigt nicht nur die historischen Wurzeln dieser Siedlung, sondern auch die heutigen Vorzüge. Gegründet in den 70er Jahren, war Marzahn die größte Plattenbausiedlung der DDR. Die ersten Hochhäuser wurden Ende der 70er Jahre bezogen und boten damals Annehmlichkeiten wie Fernwärme, ein Bad in der Wohnung und Aufzüge.

Heutzutage schätzen die Bewohner vor allem das grüne Umfeld, die gute Anbindung und die Freiräume, die Marzahn zu bieten hat. Die Doku hebt zahlreiche positive Aspekte hervor, darunter den beeindruckenden Großen Chinesischen Garten, den alten Dorfkern Alt-Marzahn und den lebhaften Wochenmarkt am Helene-Weigel-Platz. Auch der Magerviehhof Friedrichsfelde, wo Kreative und Handwerker in historischen Gebäuden arbeiten, wird in der Dokumentation gewürdigt. Weitere Informationen zur Doku finden sich hier.

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Vorurteile und Realität

Trotz dieser positiven Entwicklungen bestehen weiterhin Vorurteile gegenüber den Plattenbausiedlungen in Marzahn. Viele Menschen bezeichnen die Gegend nach wie vor als „Betonwüste“. Doch die Realität sieht anders aus: Marzahn ist grün und bietet breite Straßen, genügend Parkplätze und intakte Gehwege. Ein besonderes Merkmal ist die Unübersichtlichkeit des Berliner Hausnummern-Systems in Marzahn, das Ortsunkundige oft vor Herausforderungen stellt. Manchmal verläuft eine Straße zweigleisig und hat nur 55 Hausnummern, da sie häufig von Plätzen und Grünflächen unterbrochen wird.

Die Schriftstellerin Katja Oskamp thematisiert in ihrem Buch „Marzahn, mon amour“ die Themen Älterwerden, soziale Umbrüche und das Wohnen in Plattenbauten. Für Interessierte bietet die Stadtbibliothek Pankow in Zusammenarbeit mit dem VÖBB umfangreiche Medien zu deutscher Architekturgeschichte und den sozialen Hintergründen, die diese Siedlungen geprägt haben. Ein Filmtipp aus dieser Zeit ist „Die Architekten“ von Peter Kahane, ein DEFA-Spielfilm von 1990, der sich mit dem Entwurf eines soziokulturellen Zentrums in einem Neubaugebiet in Marzahn auseinandersetzt, wie in der Quelle hier erwähnt.

Architektur und Stadtplanung

Die Architektur der Plattenbausiedlungen ist ein faszinierendes Thema, das tief in der Geschichte der DDR verwurzelt ist. Die DDR-Bauakademie, gegründet 1951, hatte über 4.300 Mitarbeiter und war verantwortlich für zahlreiche Bauprojekte, die sowohl funktional als auch ästhetisch ansprechend sein sollten. Architekt Wolf R. Eisentraut gilt als einer der herausragenden Vertreter dieser Zeit und entwarf unter anderem das Rathaus Marzahn, das mittlerweile unter Denkmalschutz steht. Eisentraut war bekannt für seine Fähigkeit, individuelle Plattenbauten zu schaffen, die den Bewohnern ein Gefühl von Heimatlichkeit vermitteln sollten.

Ein flexibler Plattenbautyp der DDR, bekannt als WBS 70, fand in vielen Projekten wie dem Nikolaiviertel und dem Kino Sojus in Marzahn Anwendung. In der Zeit nach der Wende wurden viele dieser Bauten abgerissen, da Nachhaltigkeit damals nicht priorisiert wurde. Dennoch gibt es heute Bestrebungen, den Wert dieser Architektur zu erkennen und zu bewahren. Ein Forschungsprojekt des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) sowie der Bundesstiftung Bauakademie untersucht die Geschichte und den Einfluss der Bauakademie und ihrer Mitglieder. Es wird betont, wie wichtig es ist, die deutsch-deutsche Geschichte aus ostdeutscher Perspektive zu erzählen, um ein vollständiges Bild der Vergangenheit zu erhalten. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.