Die Lage in den deutschen Apotheken spitzt sich zu. In Berlin warnen Apotheker vor einem akuten Mangel an wichtigen Medikamenten. Mehmet Hayrula, Eigentümer einer Apotheke in Reinickendorf, hat bereits jetzt nahezu 100 verschiedene Präparate als nicht verfügbar gemeldet. Besonders bei Antibiotika und Fiebersäften für Kinder zeigt sich eine besorgniserregende Engpasssituation. Angesichts des bevorstehenden Herbstes, in dem die Zunahme von Infekten erwartet wird, befürchten Apotheker, dass die Probleme sich weiter verschärfen könnten. Hayrula erwähnt, dass die aktuelle Versorgungslage bereits problematisch sei, selbst ohne den Druck durch akute Erkrankungen.[Berliner Zeitung]
Die Warnungen sind nicht unbegründet. Ein Bericht von der [Tagesschau] belegt, dass derzeit etwa 500 verschiedene rezeptpflichtige Medikamente von Lieferengpässen betroffen sind. Die Nachfrage nach Medikamenten könnte vor allem während der Erkältungssaison stark ansteigen. Ärzte und Apotheker haben daher große Bedenken hinsichtlich der Patientenversorgung. Die Lage betrifft nicht nur Antibiotika, sondern auch wichtige Diabetesmedikamente und Schmerztabletten. Diese Problematik wird durch wissenschaftliche Untersuchungen von Professorin Ulrike Holzgrabe von der Universität Würzburg untermauert, welche auf einen Rückgang der Herstelleranzahl hinweist und erklärt, wie der Rückzug eines Herstellers zu ernsthaften Versorgungsproblemen führen kann.
Ursachen der Engpässe
Die Gründe für die Engpässe sind vielfältig. Ein erheblicher Teil der Arzneistoffproduktion, etwa 60-70%, findet in China und Indien statt, wodurch Deutschland anfällig für internationale Produktionsprobleme ist. Bei einem Produktionsausfall kann die weltweite Versorgung gefährdet sein. Der Geschäftsführer des Interessenverbands Pro Generika, Bork Bretthauer, erläutert, dass Generika zwar 90% des Grundbedarfs an Arzneimitteln abdecken, diese jedoch nur 10% der Arzneimittelkosten ausmachen. Aus diesem Grund ist es für viele Hersteller unattraktiv, in Europa zu produzieren. Aktuelle Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Engpässe sind das Lieferengpassgesetz, das eigentlich die Arzneimittelversorgung sichern und die Produktion nach Europa zurückholen sollte, jedoch nur geringe Fortschritte erzielt hat. Gesundheitsminister Karl Lauterbach versprach zwar Verbesserungen, jedoch sind konkrete Erfolge auf diesem Gebiet bislang ausgeblieben.[Apotheken Umschau]
Die Herausforderungen im deutschen Gesundheitssystem verschärfen sich weiter, da Apothekerinnen und Apotheker täglich mit den Folgen der Lieferengpässe konfrontiert sind. Laut ABDA verbringen Apothekenteams im Durchschnitt 23,7 Stunden pro Woche mit dem Management dieser Engpässe. Ein neues Frühwarnsystem, das im Herbst eingeführt werden soll, könnte zwar helfen, Apotheken früher über mögliche Lieferengpässe zu informieren, doch Kritiker, wie Professorin Holzgrabe, warnen, dass dies allein das Gesamtproblem nicht löst. Die Notwendigkeit besteht darin, die Produktion wichtiger Arzneimittel nach Europa zu verlagern, um eine dauerhafte und verlässliche Versorgung sicherzustellen.[Tagesschau]