Berlin

Zum Tod von Hans-Christian Ströbele: Er war Bürgerkönig von Kreuzberg

Hans-Christian Ströbele hat seinen letzten politischen Kampf unmittelbar vor seinem Tod geschlagen, unerschütterlich, friedliebend und geradlinig wie immer, und immer ohne Angst vor massivem Gegenwind. Diesen Kampf konnte er nicht gewinnen, weil seine rigorose Haltung in der eigenen Partei nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine erneut keine Mehrheit erringen konnte – die Grünen stimmten Waffenlieferungen an die Ukraine zu.

Aber er gab Interviews, als wäre er noch Bundestagsabgeordneter und noch immer als Dolmetscher für eine Partei gefragt, deren bisweilen sanfte Kurswechsel er oft kritisiert hatte. Ja, er war schmal, wackelig und alt, ging am Stock und litt sichtlich unter dem körperlichen Verfall, der vor Jahren mit einer Krebserkrankung begonnen hatte. Aber er war noch da – bis Sonntag, als er im Alter von 83 Jahren in seiner Wohnung am Spreeufer in Moabit starb.

Wenn es darum ging, politische Gegner zu erzürnen, spielte Ströbele in einer Liga mit Leuten wie Wehner und Strauss. Dass ihm das sogar innerhalb der eigenen Partei gelang, etwa mit dem Wahlspruch „Ströbele wählen heißt Fischer quälen“, war wohl exklusiv ihm vorbehalten.

Aber er hat es auch geschafft, in allen Diskussionsstürmen für seine Integrität und Unbestechlichkeit geschätzt zu bleiben. Die fast eitle Eitelkeit, mit der er durch die Stadt und zwischen Menschen radelte, bestimmte sein ganzes Leben, dessen Leitlinie der Kampf gegen alles war, was er als ungerecht empfand.

Stets antikapitalistisch, aber dennoch immun sowohl gegen die Verirrungen des Maoismus als auch gegen die Ideen des real existierenden Sozialismus ostdeutscher Prägung, war er einige Jahre sogar Mitglied der SPD. Die marxistische Theorie mit ihren damals hitzigen dogmatischen Debatten und Kapitalkursen interessierte ihn zeitlebens wenig, Agitatoren ärgerten ihn.

Sohn eines NSDAP-Mitglieds und eines Anthroposophen

Genau genommen hat Ströbele als Jurist und Politiker zwei Leben gelebt, aufbauend auf einer Jugend, die alles offen ließ. Er wurde während der NS-Zeit 1939 in Halle/Saale als Sohn eines der NSDAP angehörenden Drogisten und einer anthroposophischen Mutter geboren. Großen Einfluss hatte auch sein Onkel Herbert Zimmermann, auf den später noch eingegangen wird.

Einen Schock erlebte er in früher Kindheit, als sich ein Spielkamerad – er selbst war auf der Toilette – mit einer gefundenen Granate in die Luft sprengte. Möglicherweise bestimmte dieses Trauma später sein Leben.

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Er war kein guter Schüler, schwärmte vom Rock ’n‘ Roll und kam mit 18 Jahren zum Luftwaffenstandort Aurich, wo er anfing zu rebellieren, aber auch einen Helikopterflug bei einem Schießwettbewerb gewann. Das Jurastudium, das er 1960 in Heidelberg begann, erschien zunächst wie eine Notlösung. Seine immer noch bürgerliche Lebensweise spiegelt sich darin wider, dass er 1967 sogar heiratete: Die Schauspielerin Juliana Gregor, die bis zuletzt an seiner Seite blieb.

Der Wendepunkt, so sahen es alle Biographen, kam mit der Fortsetzung seines Studiums in West-Berlin. Die Schah-Demonstration mit dem Tod von Benno Ohnesorg wies dem Referendar seinen Weg: 1967 trat er in die Kanzlei von Horst Mahler ein, der rebellische Studenten verteidigte, dessen politisierter Stil Schlagzeilen machte.

Ströbele verteidigte die RAF-Mitglieder Mahler, Baader, Meinhof und Ensslin

Ströbele verteidigte Dieter Kunzelmann, dann Mahler, der sich der Roten Armee Fraktion (RAF) angeschlossen hatte, und schließlich Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin. Er selbst hat immer bestritten, das Ziel überschritten zu haben. Doch 1982 verurteilte ihn das Landgericht wegen Unterstützung einer kriminellen Vereinigung zu einer Bewährungsstrafe von zehn Monaten und sprach in der Urteilsbegründung von einem besonders schweren Fall, knapp vor dem Verlust der Anwaltszulassung.

Wenn wir einen schlimmen Streit hatten, kam er regelmäßig vorbei, morgens mit einer großen Tüte Brötchen oder nachmittags mit einem Tablett Kuchen.

Michael Sontheimer, einer der Gründungsredakteure der „taz“

Die Anwaltskanzlei wurde 1979 aufgelöst, Ströbele praktizierte weiter als Anwalt, aber die Politik wurde zu seinem wesentlichen Lebensinhalt. Er machte sich einen Namen als Mitbegründer der „Alternativen Liste“, die später in die Grünen überging, und als Pionier und Vaterfigur der „taz“, die dem vermeintlich bürgerlichen Journalismus der Stadt entgegenwirken sollte mit linker Alternative.

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„Immer wenn wir einen fürchterlichen Streit hatten“, berichtet Michael Sontheimer, einer der Gründungsredakteure, „dann kam er regelmäßig vorbei, morgens mit einer großen Tüte Brötchen oder nachmittags mit einem Blech Kuchen“.

Das große Thema des Tages in Berlin waren die Hausbesetzer, deren Aktivitäten er akribisch verfolgte und heftig mit CDU-Innensenator Lummer über seinen harten Kurs stritt. In der Alternativliste machte er sich als maßgeblicher Führer des linken Flügels der Partei einen Namen, war aber pragmatisch genug, um 1989 die Chance für einen Regierungswechsel zu ergreifen: als einer der drei Sprecher der Grünen Bundespartei wurde er Mitarchitekt des ersten rot-grünen Senats unter Walter Momper, der Ende 1990 wieder zerbrach, als die Räumung besetzter Häuser in der Mainzer Straße die Koalition spaltete.

Als wenige Monate später die Grünen nach der Wahl aus dem Bundestag geschmissen wurden, musste auch Ströbele seinen Posten an der Parteispitze räumen, weil er bei einem Besuch in Israel erklärte, die irakischen Raketenangriffe auf das Land seien es gewesen „die logische, fast unvermeidliche Folge der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern und den arabischen Staaten“. Bereits in den 1980er Jahren sorgte er mit einem Spendenaufruf zur Bewaffnung der Rebellen in El Salvador für Aufsehen – als Pazifist wollte er nie gelten.

Hans-Christian Ströbele galt als „fundi“

Während der beiden Schröder-Regierungen von 1998 bis 2005 machte sich Ströbele im Bundestag einen Namen als „Fundi“ und Antipode des Oberrealos Joschka Fischer, der gegen große Widerstände die Regierungsbeteiligung der Grünen durchsetzte und durchsetzte den Einsatz der Bundeswehr im Ausland. Doch gerade die Niederlagen begründeten den Mythos Ströbele, der 2002 seinen Anfang nahm.

Er hatte den Spitzenplatz der Berliner Liste vor der Wahl an den Ost-Berliner Grünen-Chef Werner Schulz verloren und kandidierte dennoch für das Direktmandat in Kreuzberg-Friedrichshain-Prenzlauer Berg Ost. Zwei Tage vor der Wahl wurde er im Straßenwahlkampf von einem Rechtsextremen niedergeknüppelt, dennoch triumphierte er als erster Grüner, der direkt in den Bundestag gewählt wurde.

Er entschied sich für die Unabhängigkeit des Parlaments

Vier Legislaturperioden lang verteidigte er dieses Mandat souverän, bis er sich 2017 aus der Politik zurückzog. Ein Regierungsamt bekleidete er nie, wohl weil er befürchtete, sich unter den Zwängen der Macht untreu werden zu müssen. Er entschied sich für die Unabhängigkeit des Parlaments und zeichnete sich in mehreren Untersuchungsausschüssen als hartnäckiger, informierter Ermittler aus. Gelernt wurde gelernt.

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Die Arbeit im neuen Jahrhundert begründete seinen Ruf als Bürgerkönig von Kreuzberg. Obwohl er nie dort gelebt hatte, kannte er jeden Winkel und jeder kannte ihn. Er bestellte gerne Interviewer zum Kuchenkaiser auf den Oranienplatz, die taz-Redaktion war nicht weit entfernt und es gab immer genug Probleme, die er von seinem Bürgerbüro aus zu lösen versuchte.

Er, der den viel belächelten Satz „Gebt den Hanf frei!“ geprägt hat. rauchte aber selbst nie einen Joint, machte sich zum Beispiel für Cafés im Görlitzer Park stark, um den Händlern das Geschäft zu verderben. Auch nach zunächst überstandener Krankheit blieb er aktiv, kämpfte für Asylbewerber, verhandelte mit habgierigen Hausbesitzern, begleitete das schwierige „MyFest“.

2013 hatte er einen internationalen Knüller gelandet, als er in Begleitung handverlesener Journalisten den NSA-Überläufer Edward Snowden in Moskau besuchte – ein Stück spektakulärer Aktivismus, den er in seiner Partei zunehmend vermisste. Mit seiner kompromisslosen Haltung ging er vielen auf die Nerven, wurde aber auch von strengen Gegnern stets geschätzt.

Das Fussballwunder in Bern 1954 führte zu seinem kuriosesten biografischen Detail. Denn der legendäre Freak seines Onkels Herbert Zimmermann am Mikrofon – „Tooor! Hurra! Gooool!“ – wurde immer wieder aus dem Archiv geholt und die Rechte lagen bei der Familie Ströbele. Wer also den Originalton senden wollte, musste mit Hans-Christian Ströbele verhandeln. Er soll die nicht unerheblichen Summen gespendet haben. Mit jemandem wie ihm, es wäre anders undenkbar gewesen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Nachrufs haben wir den Mitbegründer der „Sozialistischen Anwaltsgemeinschaft“ fälschlicherweise als Horst Eschen bezeichnet. Richtig ist: Klaus Eschen. Wir entschuldigen uns für diesen Fehler.

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