Berlin

„Wir sind am Limit“: Berliner Pflegecampus ist vorbei – Gesundheitsstadträtin schlägt Alarm

Nach dem Ende des Berliner Pflegecampus von Charité und Vivantes ist die Enttäuschung in der britischen Brache in Berlin-Spandau groß. Manche sind sauer, weil Spandau wieder einmal nur gut für die Wohnungsbauziele der Berliner Politik zu sein scheint. Andere bauen öffentlichen Druck auf, damit sich das Land nicht wieder herauswindet. Wieder andere wollen den Frust festhalten.

Und der Vivantes-Chef eilt heute zum Spitzentreffen, um über die Pläne in Spandau zu sprechen. Auch der Wirtschaftssenator wird bekannt gegeben. Und die SPD fordert jetzt eine neue Machbarkeitsstudie im Spandauer Rathaus – und hat erste Mini-Ideen. Aber sind sie wirklich gut?

Das sagen Linke und CDU

Die CDU um Heiko Melzer übte nach der Entscheidung deutliche Kritik an der SPD: „Raed Saleh handelt gegen die Interessen seines eigenen Bezirks.“

Die Linke um Spandauer Fraktionschef Lars Leschewitz schüttelte den Kopf, weil Finanzsenator Daniel Wesener, Grüne, die Finanzierung des Vorhabens nicht gesichert hatte. „Die Entscheidung ist bitter für Spandau, der Campus hätte hier viel erreicht“, sagte Leschewitz. Seine Vorstellungen: „Neben dem Wohnungsbau sehen wir vor allem den Ausbau der sozialen, kulturellen und bildungsbezogenen Infrastruktur vor.“

Das sagt der Gesundheitssenator

Das Thema landete letzte Woche prompt auf der Tagesordnung des Berliner Abgeordnetenhauses – ab 1.33 Uhr hier zu sehen: Youtube-Link.

Gesundheitssenatorin Ulrike Gote, Grüne, verteidigte die Entscheidung, den Campus für bis zu 4.500 Menschen zügig im Krankenhaus Tempelhof Wenckebach zu errichten. Alles schön und gut und auch nachvollziehbar, aber es geht nicht um Tempelhof – es geht um eine riesige Gesundheitsbrache in Berlin-Spandau. Die dortigen Planungen seien „nicht ad acta gelegt“, sagte Gote, in Absprache mit dem Finanzsenator „kann eine bedarfsgerechte, angemessene Nutzung gefunden werden und …“ Konkreter wurde es allerdings nicht.

Das sagt der Gesundheitsrat der Stadt

Klartext spricht dagegen Spandauer Gesundheitsstadträtin. Ich habe mit Oliver Gellert, Grüne, über die vertane Chance, den medizinischen Bedarf in Spandau und seine Forderungen an das Land gesprochen. Hier die wichtigsten Sätze im Protokoll des Spandauer Newsletters vom Tagesspiegel.

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„Wir haben so viel Zeit auf dem Pflegecampus verloren. Das Projekt ist ein Kind der SPD und hat jahrelang gedauert, aber nichts ist passiert. Es gibt keine Finanzierung, keinen Fortschritt, jetzt stehen wir mit leeren Händen da.“

„Ich finde es schade, dass Spandau für die Wohnungsbaubilanz des Landes gut genug ist, aber alles andere eher ins Hintertreffen gerät.“

„Wir sind nicht Eigentümer des Grundstücks. Wir können es natürlich als Quartier entwickeln, aber wir wissen nicht einmal, ob der Bund das Grundstück überhaupt an das Land verkaufen will.“

„Sicher ist im Moment nur, dass der Sportplatz und die Werkstätten bestehen bleiben.“

Überall in Spandau wird gebaut. Wir brauchen dort eine neue Rettungsstation, eine klassische Notaufnahme.

Oliver Gellert, besorgt

„Ich plädiere ganz klar dafür, dass wir dort eine Rettungsstation errichten. Damit meine ich keine Feuerwehrwache, sondern eine klassische Notaufnahme, eine Erste-Hilfe-Station mit Behandlungsräumen als Erweiterung des Vivantes-Krankenhauses.“

„Im Vivantes-Krankenhaus gegenüber haben wir in der Notaufnahme nur 12 Betten. Die neuen Quartiere nebenan wachsen in rasantem Tempo: Tausende Wohnungen in Wasserstadt, Saatwinkler Damm und Insel Gartenfeld. Das neue Rettungszentrum auf dem Campus mit MRT, CT und Radiologie wäre so wichtig für Spandau.“

„Ich bekomme viele Bauchschmerzen, wenn ich an medizinische Versorgung denke.“

Wenn ich an die medizinische Versorgung in Spandau denke, bekomme ich große Bauchschmerzen.

Gesundheitsstadtrat Oliver Gellert, Grüne

„Das Rettungszentrum im Vivantes-Krankenhaus ist oft voll und das System abgemeldet, wie wir es nennen: Die Rettungswagen fahren dann ins nächste Krankenhaus, also ins Waldkrankenhaus Falkenhagener Feld. Dort gibt es aber nur 12 Betten, also.“ 24 für den ganzen Distrikt außer dem Süden.“

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„Wir sind am Limit. Das Krankenhaus Havelhöhe ist zu weit weg, das ist eher für den Süden, also Gatow und Kladow.“

„Spandau ist ein Stadtteil mit vielen älteren Menschen, mit vielen Pflegeheimen – da wird natürlich öfter der Rettungsdienst gerufen. Und wir haben schlechter gestellte Stadtteile wie im Falkenhagener Feld, wo sich zu wenige Ärzte ansiedeln, auch wenn die Gesamtbilanz etwas anderes sagt.“ .“

„Die Leute fahren in ihrer medizinischen Not nicht erst mit dem BVG-Bus nach Kladow und Gatow, wo es vielleicht Spezialisten gibt. Sie rufen den Krankenwagen. Und dann wird die Rettungswache immer voller.“

Das sagt SPD-Chef Raed Saleh

Diese Einschätzungen dürften Lesestoff für Vivantes-Chef Johannes Danckert sein, der sich am Dienstag auf den Weg nach Spandau gemacht hat, um sich mit SPD-Chef Raed Saleh zu treffen.

„Heute sprechen wir über die Immobilie in Spandau, die Vivantes noch braucht. Wir verlieren keinen Tag in Spandau“, sagte Saleh dem Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau. „Ein Drittel möchte Vivantes weiterentwickeln. Herr Dankert wird uns genau sagen, was dort hinkommt – nämlich das neue Rettungszentrum, neue Wohnungen für Pflegekräfte, die Ausbaupläne zum Gesundheitsstandort werden daher weiter vorangetrieben.“ Und ein zweites Treffen folgt.

„Im Oktober treffe ich mich dann mit Wirtschaftssenator Stephan Schwarz. Dann geht es um die anderen zwei Drittel auf dem Gelände in Spandau. Auf dem gesamten Stand fehlt es an Gewerbefläche. Deshalb ist dieser Bereich auch für die Berliner Wirtschaft interessant.“ Und auch Kultur braucht Raum. Bisher vom Spandauer Bett auf der Intensivstation.

…und das fordert jetzt die SPD

Nach der bitteren Nachricht fordert ausgerechnet die SPD – wie einige fordern – eine neue Machbarkeitsstudie für den Standort und sieht das Bezirksamt um Stadtrat Thorsten Schatz, CDU, in der Verantwortung. Die Idee: kleine Geschäfte und Proberäume für Musikbands.

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„Neben anderen Bereichen für das Vivantes-Krankenhaus sollen sich die Machbarkeitsstudie auf Nutzungen für kleine und mittlere Unternehmen, Ateliers für Künstler, Musikproberäume, Vereinsaktivitäten sowie sportliche und andere soziale Angebote konzentrieren“, schreibt die SPD. Das wurde am Wochenende nach Abschluss des großen Leuchtturmprojekts mit berlinweiter Wirkung entschieden.

In unseren Stadtteil-Newslettern greifen wir gezielt Themen aus den Stadtteilen auf und geben viele Termine und Tipps. Den Tagesspiegel-Newsletter gibt es für jeden Berliner Bezirk – gleich hier ausprobieren: tagesspiegel.de/bezirke. Im Spandauer Newsletter halten wir Sie außerdem auf dem Laufenden, wenn es Neuigkeiten rund um die riesige Brachfläche gibt, auf der einst der Gesundheitscampus geplant war…

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