Berlin

Vogelkäfige, Schallplatten, Medikamente: Was Berliner an der BSR loswerden

Das Leben der Menschen in Deutschland lässt sich in einer Zahl zusammenfassen: 10.000. So viele Artikel besitzen wir im Durchschnitt. Doch wie viele davon werden wirklich benötigt? Wie viel ist nur Schrott? Dinge, die kaputt, ungeliebt, unnötig sind, die von vornherein Fehlkäufe waren oder sich als minderwertig erwiesen haben.

Dinge, die mit schmerzhaften Erinnerungen, schlechtem Geschmack oder dummen Begegnungen verbunden sind. Also Dinge, die man nicht mehr will – und die irgendwann auf dem Wertstoffhof der Berliner Stadtreinigung (BSR) in der Gradestraße in Neukölln landen. Er ist einer von 14 solchen Höfen in Berlin und der größte von ihnen. Es ist der Ort, an dem das Chaos des Alltags Ordnung findet.

Pfeile auf dem Boden weisen den Weg zum strukturierten Wegwerfen. Sie führen zu einer Plattform, die in der Mitte des Platzes steht, wo Sie parken und Ihren Müll in vorgefertigte Container werfen können. So können Sie darauf stehen und Ihre Vergangenheit von oben betrachten. Und all die anderen Dinge, die Fremde auch nicht mehr wollten.

Auf jedem Behälter steht genau, was hineingehört. Es gibt einige für Fahrräder, Altholz, Altmetall, Pappe, Baum- und Strauchschnitt und Sperrmüll. Und in jedem Container befindet sich eine Walze, die den Abfall zerkleinert, damit mehr hineinpasst. Währenddessen kommen immer wieder Lastwagen an, holen die vollen Container ab und bringen sie zur Verbrennung oder zum Recycling auf anderen Farmen und Unternehmen.

Der Hof ist 72 Stunden in der Woche geöffnet. Mehr als 40 Mitarbeiter kümmern sich um die alten Sachen der Berliner, kippen Altöl in große Container, sortieren Glühbirnen, abgelaufene Medikamente, Korken und Kühlschränke. Tabellen zeigen, wie hoch die Entsorgungskosten sind. 5,20 Euro muss man für eine Toilettenschüssel abgeben, Röntgenbilder – egal wie viele – sind kostenlos, Druckerpatronen und Autobatterien ebenfalls. Ein Kilo Altfarbe kostet 1,70 Euro und ein Feuerlöscher 3,80 Euro.

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So viel Ordnung braucht einen Chef und einen stellvertretenden Chef. Wilfried Schultze ist stellvertretender Betriebsmeister auf dem Hof ​​in der Gradestraße. Er, 55, der seit 36 ​​Jahren bei der BSR arbeitet, erst in der Straßenreinigung, dann als Hausmeister, sagt, es gebe Müllzeiten.

Im Herbst kommen besonders viele Menschen mit Ästen, Blättern und Gestrüpp. Im März und April haben wir viele Haushaltsgegenstände dabei, die früher wegen des Frühjahrsputzes ewig im Keller lagen. Schultze berichtet auch über Mülltrends. Also Artikel, die sehr oft auf einmal verkauft werden – und dann nie wieder zurückgegeben werden.

Er erinnert sich zum Beispiel an Schuhe, die vor etwa acht Jahren angesagt waren. Die Schuhe sind mit einem Licht in der Sohle ausgestattet, das zu blinken beginnt, wenn Sie richtig darauf treten. Pünktlich zwei Jahre später (zwei Jahre, weil sie nur ein Jahr modern waren, dann aber ein weiteres Jahr ungetragen in den Haushalten herumflogen, bevor sie zum Wertstoffhof kamen), mussten er und seine Mitarbeiter sich mit der Frage auseinandersetzen, wie man diese herstellt Schuhe jetzt entsorgt.

Sie hätten zu den Alttextilien gehen können, wenn da nicht der Elektroschrott in den Sohlen gewesen wäre, also mussten sie zu den Elektrogeräten. Dort lagen sie dann zwischen alten Ventilatoren und Mikrowellenherden und warteten darauf, zum Recycling weitertransportiert zu werden.

Am häufigsten bringen die Berliner laut Schultze Abfälle aus Wohnungsauflösungen zum Wertstoffhof. Oft, weil jemand gestorben ist. Seltsamerweise liegen Tod und Neuanfang auf dem Wertstoffhof ganz nah beieinander. Tod, weil viele Dinge von Menschen entsorgt werden, die nicht mehr leben. Neuanfang, weil es immer etwas Neues ist, etwas loszuwerden.

Thomas Schäfer, 63

Ich habe gerade meinen Keller ausgeräumt, weil ich mein Haus in Mariendorf aufgeben musste – es ist zu teuer geworden. Nun, es ist lange überteuert, aber vor ein paar Wochen bin ich die Treppe runtergefallen und habe ein paar Zähne ausgeschlagen. Das ist es. Heute lebt dort eine junge Familie. Und ich in einer Mietwohnung in Tempelhof. Und diese alte Weihnachtsplatte braucht niemand mehr.

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Fabian Schmöker, 31

Ich habe Angst vor diesem Kanister. Ich glaube, es enthält Heizöl, aber es ist schon so lange da draußen, dass ich es nicht wage, es zu öffnen. Mein Vater ist im Sommer gestorben und ich räume sein Haus auf. Ehrlich gesagt finde ich es ziemlich blöd, dass er den Kanister so lange unbemerkt vor dem Haus stehen ließ. Das würde ich ihm gerne sagen. Aber das ist nicht mehr möglich.

Nadia Conradt, 56

Ich habe den Korbstuhl gekauft, als ich es nach mehreren Jahren endlich geschafft habe, eine toxische Beziehung zu beenden. Es war damals so ein befreiendes Gefühl, auszuziehen und sich einzurichten. Jetzt bringe ich ihn her, weil ich meine einzige Hütte schließe. Ich habe einen neuen Freund. Das heißt, er ist nicht so neu: Wir waren in der Mittelstufe an derselben Schule hier in Berlin.

Vor einigen Jahren haben wir uns über die Internetplattform Stayfriends gefunden. Wir heiraten bald. Ich wohne seit einiger Zeit mit ihm in Stuttgart. Die Hochzeit findet trotzdem in Berlin statt. Im Rathaus Schöneberg. Vor dem Gebäude sahen wir uns zum ersten Mal seit 40 Jahren wieder.

Levin Hagen, 24, und sein Freund Lorenz Wilke, 21

Dieser Koffer stammt aus dem Keller meines Onkels. Ich räume gerade seine ganze Wohnung auf, weil er in ein Eigenheim umziehen musste und ich übernehme es erstmal. Es ist eine Zweizimmerwohnung am Mehringdamm in Kreuzberg und die erste, die ich besitze. Mein Onkel sammelte gerne Dinge, aber ich entschied, dass sie gehen mussten. Es tut weh, aber so ist es jetzt.

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Dietmar Köhler, 59

Ich habe seit zwanzig Jahren Kanarienvögel. Immer zu viert – in zwei Käfigen, da waren sie paarweise drin. Am Wochenende und abends stelle ich sie oft draußen in die Sonne. Ich mag ihr Zwitschern und ihr Aussehen. Meine Eltern hatten früher Vögel. Als meine letzten vor zwei Jahren starben, wollte ich mir erstmal neue kaufen.

Aber das Problem fährt weg: Ich habe nie jemanden gefunden, der sie regelmäßig füttert. Und weil mir das Reisen wichtig ist, habe ich mich jetzt gegen Vögel entschieden. Auch wenn es mir nicht leicht fällt, mich von diesem wunderschönen Käfig zu trennen. Es ist handgefertigt – aus Holz. So etwas gibt es heutzutage nicht mehr.

Norman Kießling, 36

Ich bin Hausmeister Eine Mieterin in einem der Häuser, für die ich verantwortlich bin, bat mich, diesen Fernseher für sie zu entsorgen. Das ist eigentlich nicht einer meiner Jobs. Aber die alte Dame, die vielleicht 80 Jahre alt ist, hat niemanden – und wie soll sie sie sonst loswerden? Und weil ich dachte, dass der Wertstoffhof sowieso auf dem Weg nach Hause ist und es nichts kostet, es hier abzugeben, mache ich es jetzt. Sie müssen sich gegenseitig helfen.

Stephan Bachmann, 57

Ich werfe meine Hecke weg, zumindest Teile davon. Ich schneide sie jedes Jahr im Frühjahr oder Herbst, je nachdem, wann meine erwachsenen Söhne Zeit haben, mir zu helfen.

Timo N., 40

Wir besitzen dieses Sofa in Rosa und Blau, weil wir zwei Kinder haben: einen Jungen und ein Mädchen. Unsere beiden Katzen haben die rosa leider total zerkratzt. Wir hatten nur die Sofas in eBay Kleinanzeigen zum abholen. Aber das wollte niemand. Nicht einmal gegeben.

  • BSR: Berichte und Artikel zur Stadtreinigung
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