Berlin

Sie warf Brei auf das Potsdamer Monet-Bild: „Wir brauchen Protest, der empört und aufregt“

Frau Herrmann, Sie und eine Mitstreiterin haben am Sonntag im Barberini-Museum Kartoffelpüree auf ein Monet-Gemälde gekippt. Warum dieser Angriff im Namen des Klimas ausgerechnet auf die Kunst?
Kunst ist eine der größten Errungenschaften der modernen Zivilisation. Wir fühlen uns dem Einzigartigen verbunden und haben Angst, es zu verlieren. Unser Planet ist einzigartig! Und wir gehen so sorglos damit um und spüren die Angst nicht.

Die Aktion im Museum soll uns allen diesen Impuls geben. Monet selbst liebte die Natur und hielt ihre zerbrechliche Schönheit in seiner Kunst fest. Wie kommt es, dass so viele mehr Angst haben, eines dieser Realitätsbilder zu beschädigen, als die Zerstörung unserer Welt selbst?

Sie schrieben auf Twitter, Sie wüssten, dass das Gemälde nicht beschädigt werden könne. Warum denkst du, dass? Das wussten nicht einmal die Museumsrestauratoren unmittelbar nach dem Anschlag.
Wir sorgten dafür, dass das Bild sicher hinter Schutzglas lag und wussten aus Erfahrung, zum Beispiel aus der Londoner Niederlassung von Just Stop Oil, dass das Bild effektiv geschützt war.

Sie haben in den sozialen Medien auf sich aufmerksam gemacht – aber meistens wird nicht über Klimaschutz diskutiert, sondern über Sinn und Unsinn dieser Protestform. Was bedeutet das für Sie?
Eine absolut überwältigende Mehrheit der Menschen in Deutschland versteht, dass die Klimakatastrophe unsere Lebensgrundlagen massiv gefährdet – dass wir unsere Welt, unsere Zukunft unwiederbringlich zerstören. Aber wir stellen keine emotionale Verbindung zu diesem Verlust her, weil er so groß und für menschliche Emotionen so nicht greifbar ist.

Wenn wir auch nur für einen Moment denken, dass das Gemälde beschädigt sein könnte, spüren wir diesen Verlust und die Angst davor, auf dieser Ebene ist es viel greifbarer und greifbarer.

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Ich bin davon überzeugt, dass sich viele Menschen in diesem Moment verneigen und auch Angst haben, unsere Lebensgrundlage zu verlieren. Diese Emotion fehlt in der Gesellschaft insgesamt, aber sie wird uns zum Handeln antreiben und uns befähigen, das Schlimmste abzuwenden.

Glaubst du, dass du mit solchen Aktionen Mitstreiter für deine Sache überzeugst?
Ja. Wir müssen als Gesellschaft handeln und verstehen, dass wir die Regierung zur Rechenschaft ziehen müssen. Denn dazu bedarf es nicht einmal der einfachsten, notwendigen Maßnahmen zum Schutz unseres (Überlebens-)Lebens, wie etwa dauerhaft günstigere und gut ausgebaute öffentliche Verkehrsmittel.

Nicht jeder wird Protestformen wie Blockaden oder andere störende Aktionen durchführen. Wichtig ist, dass möglichst viele Menschen das Problem auch emotional wirklich verstehen. Und so können Sie handeln. Und das hat die Aktion erreicht.

Wichtig ist, dass möglichst viele Menschen das Problem auch emotional wirklich verstehen. Und so können Sie handeln.

Miriam Herrmann

Sie müssen nun mit zivil- und möglicherweise auch strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Nicht zum ersten Mal – selbst ein Protestbanner auf einer Autobahn hatte für Sie rechtliche Konsequenzen. Inwiefern hilft es dem Kampf fürs Klima, wenn man Geld- oder gar Haftstrafen verbüßen muss?
Wir brauchen Protest, der empört und aufregt, um die Menschen wirklich zu erreichen. Mehr als eine Million Menschen auf der Straße für mehr Klimaschutz haben zu einem verfassungswidrigen Klimaschutzpaket geführt, wir werden die 1,5 Grad in den nächsten Jahren knacken, daran gibt es keinen Zweifel mehr.

Ich habe Angst vor den rechtlichen Konsequenzen und hoffe, vor Gericht so viel wie möglich davon abwenden zu können. Viel mehr Angst habe ich jedoch vor den Folgen der Klimakatastrophe für mich und die Gesellschaft insgesamt. Deshalb werde ich mich weiterhin entschlossen dagegen wehren, den Überlebenskurs der Regierung zu ändern!

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Das Museum Barberini bleibt nun für eine Woche geschlossen und will seine Sicherheitsmaßnahmen verschärfen. Eine Museumssprecherin sprach von einer „Grenzverletzung“ und hofft, „dass die Aktivisten einsehen, dass solche Aktionen dem Klima und sich selbst nichts nützen“. Was sagst du dazu?
Die Ausstellung im Barberini ist eine der schönsten Ausstellungen, die ich je sehen durfte! Jetzt zum Beispiel Hausverbot zu bekommen, macht mich ehrlich gesagt traurig.

Doch was sind diese Gemälde wert, wenn wir um Nahrung kämpfen müssen, weil 2050 ein Drittel der Ernten in Deutschland ausfallen und weite Teile der Welt unbewohnbar sein werden? Wann werden wir nicht genug Trinkwasser haben? Wir brauchen jetzt mutige Maßnahmen der Regierung, um die Kunst und die Welt, die sie repräsentiert, zu schützen!

Maßnahmen zur Rettung des Klimas werden unter anderem im Bundestag, in den Landtagen und in den Stadträten beschlossen. Wie beteiligt sich die „letzte Generation“ am demokratischen Diskurs?
Durch die Störungen im Alltag und die emotionale Erregung durch Kunstaktionen erreichen wir ein Innehalten der Gesellschaft und ermutigen die Menschen, als Bürger des Landes zu handeln und aktiv zu werden.

Indem wir friedlichen zivilen Widerstand leisten, kommen wir unserer demokratischen Pflicht nach, unsere Gesellschaft und unseren Rechtsstaat zu schützen, die Demokratie zu bewahren.

Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) sagte, dass viele seiner Kollegen glauben, dass wir vier Grad Erderwärmung nicht erreichen werden, weil unsere Welt vorher in Kriegen und Konflikten versinken wird. Umwelt- und Klimakatastrophen schwächen Demokratien und stärken autokratische Systeme. Dies muss verhindert werden. Die Klimakatastrophe gefährdet unsere Gesellschaft. Wir versuchen sie zu schützen.

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Anmerkung der Redaktion: Das Interview mit Mirjam Herrmann wurde schriftlich geführt.

  • Klimawandel
  • Museum Barberini
  • Umwelt und Natur

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