Berlin

Senat zieht Konsequenzen aus schlechten Lernleistungen: Berliner Schüler sollen besser werden

Die Industrie- und Handelskammer zu Berlin nennt es „erschreckend“, der Verband der Berliner Kaufleute und Industriellen „kaum zu ertragen“: Die Rede ist vom Wissensstand der Berliner Viertklässler. Ob Lesen, Hören, Schreiben oder Rechnen – sie sind garantiert die Rote Laterne im Bunde, wie die jüngste Vergleichsstudie erneut bestätigt. Das sollte sich ändern.

Nach den Herbstferien werden nach Informationen des Tagesspiegels einige wichtige Entscheidungen konkreter. Dazu gehört das geplante neue Landesinstitut für die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Berichten zufolge wurde ein potenzieller Gründungsdirektor gefunden, der voraussichtlich noch diese Woche an Vorgesprächen teilnehmen wird.

Dem Institut kommt eine Schlüsselfunktion zu, da es in Berlin auf Jahre hinaus an gut ausgebildeten Lehrkräften mangeln wird. Tausende Quereinsteiger müssen daher neu qualifiziert werden. Diese Aufgabe wird dem neuen Institut zufallen. Außerdem sollten diejenigen, die den Reformprozess begleiten müssen, unter die Arme gegriffen werden: Schulräte und Schulinspektoren. Auch unter ihnen werden zu viele ihren Anforderungen nicht gerecht.

Dass es im Berliner Bildungssystem keinen funktionierenden Bereich gibt, ist seit mehr als zwei Jahren wissenschaftlich belegt: Damals legte eine Expertenkommission unter Leitung des Kieler Erziehungswissenschaftlers Olaf Köller ein Gutachten zu den Mängeln von der Kita bis zur Oberstufe vor Schule und gab auch Empfehlungen, wie es besser laufen könnte.

Es geht um eine Qualitätsstrategie, die alle Ebenen des Bildungssystems umfasst.

Ein Sprecher der Senatsverwaltung für Bildung

Doch der Weg zur Umsetzung ist lang, denn die Berliner Kultusbehörden sind mit ihrem Hauptproblem, dem größten Lehrermangel im bundesweiten Vergleich, beschäftigt.

Die Pandemie verschärfte die Lage, gefolgt vom Führungswechsel im Bildungsressort nach der Berliner Wahl und seit Februar der Aufnahme Tausender Flüchtlinge. Diese drei Faktoren überlagern und verlangsamen auch die Prozesse, die längst dazu führen sollten, Berlins Schulen besser zu machen.

Aber jetzt soll es losgehen. Neben den strukturellen Veränderungen wie dem großen neuen Institut für Lehrerbildung sind viele inhaltliche Schritte im Gange. Es gehe um die „gesamte Bildungsbiografie und eine alle Ebenen des Bildungswesens umfassende Qualitätsstrategie“, so die Forderung und Ankündigung der Senatsverwaltung für Jugend und Bildung, die deshalb Kitas und Schulen gleichermaßen erfassen wolle. Unterstützt werden sie dabei von einem hochkarätig besetzten Qualitätsbeirat unter der Leitung des Hamburger Staatsrates a. D. Michael Voges

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Bessere Unterstützung in der Kita

Die Kita-Empfehlungen der Köller-Kommission zielen vor allem auf eine intensivere Betreuung ab. So sollen ab 2023 alle Kitas Materialien zur Hand haben („Werkzeugkisten“), die ihnen helfen, die Kinder im Kita-Alltag sprachlich und rechnerisch besser als bisher anzuregen. Die Erzieherinnen und Erzieher sind dafür geschult.

Das Projekt „BeoKiz“ wird ab Mitte 2023 umgesetzt. Die Abkürzung steht für eine ganzheitliche Betrachtung des Kindes im Betreuungsalltag. Damit soll sichergestellt werden, dass zum Beispiel Entwicklungsverzögerungen oder Sprachprobleme rechtzeitig erkannt werden, um mit gezielter Unterstützung reagieren zu können.

Auch der Aufbau eines Systems von externen Fachberaterinnen und Fachberatern, die in die Kitas kommen, ist in Arbeit. Sie sollen den Einrichtungen helfen, ihre Arbeit zu evaluieren und gleichzeitig die Mitarbeiter dabei unterstützen, die Kinder besser zu fördern. Sonst bleiben gute Materialien wie das vor mehr als 15 Jahren etablierte „Berliner Bildungsprogramm“ ungenutzt.

Auf jeden Fall soll dem bewussten Umgang mit Sprache und dem spielerischen Heranführen an das Schreiben mehr Raum als bisher eingeräumt werden. Das Vorlesen soll genutzt werden, um die Kita-Kinder mit Büchern vertraut zu machen oder Schriften in der Umgebung zu erkennen – beispielsweise beim Einkaufen.

Bessere Unterstützung in der Schule

Auch in den Schulen liegt ein besonderer Fokus auf der Verbesserung der Grundfertigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen. Außerdem sollten Lehrer lernen, aus den Leistungen ihrer Schüler die richtigen Schlüsse für ihren Unterricht zu ziehen. Das nennt man „datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung“.

Das klingt noch ziemlich abstrakt, aber es gibt ein ganz konkretes Beispiel, wie es funktionieren kann: Hamburg liefert die Blaupause für das, was Berlin tun sollte, denn die Leistungsfähigkeit der Studierenden in der Hansestadt hat sich bemerkenswert positiv entwickelt. .

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Besonders wichtig in Hamburg: Es wird viel häufiger getestet als in Berlin, fast jedes Jahr – in den Klassen 2, 3, 5, 7, 8 und 9. Die Frage, ob Berlin diese Testfrequenz übernehmen will, ist noch nicht beantwortet .

Weitere Angebote für Nicht-Kita-Kinder

Die Problematik der sogenannten Nicht-Kita-Kinder zeigt, wie halbherzig bis gleichgültig Berlin mit einigen Anregungen der Köller-Kommission umgeht. Das sind Kinder, die 18 Monate vor der Einschulung nicht in einer Kindertagesstätte oder Tagesmutter betreut werden. Die meisten von ihnen stammen aus benachteiligten Familien.

Es ist erwiesen, dass der Schulerfolg benachteiligter Kinder immens vom vorherigen Besuch einer Kita abhängt. Berlin war 2008 bundesweit Vorreiter, als 18 Monate Sprachförderung für jene Kinder vorgeschrieben wurden, die keine Kita besuchten und nicht ausreichend Deutsch sprachen.

Die Verpflichtung steht allerdings nur auf dem Papier, denn die Landkreise scheitern an zwei Stellen: Erstens schaffen sie es nicht, alle vierjährigen Nicht-Kita-Kinder zur Sprachprüfung zu bewegen, zweitens nur einen Bruchteil der Kinder, die das tun den Sprachtest nicht bestehen am gesetzlich vorgeschriebenen Sprachtraining teilnehmen.

Der gesamte Prozess der Suche, Diagnostik und Betreuung der Nicht-Kita-Kinder bedarf einer grundlegenden Überprüfung.

Aus dem Bericht der Expertenkommission

Da eine frühzeitige Förderung extrem wichtig ist und später manchmal nicht nachgeholt werden kann, tadelte die Köller-Kommission die Nachlässigkeit Berlins. Der „gesamte Prozess der Suche, Diagnostik und Betreuung der Nicht-Kita-Kinder“ bedürfe einer grundlegenden Überprüfung und gegebenenfalls Neuregelung.

3.000 Kinder besuchen ein Jahr vor der Einschulung keine Kita.

Bisher hat sich nichts zum Besseren verändert. Andererseits. Wie eine Anfrage von CDU-Fraktionschef Kai Wegner zeigte, sind von rund 3.000 Nicht-Kita-Kindern, die im Sommer 2023 in die Schule gehen, bisher nur rund 800 zur Sprachprüfung erschienen und davon nur 160 zur Sprache Natürlich, obwohl 600 sie gebraucht hätten. Zum Vergleich: Hamburg schafft es, alle Nicht-Kita-Kinder zu fördern.

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Mehr Fokus auf Schulinspektionen

Doch die Bildungsverwaltung verspricht Besserung: Alle Beteiligten von den Landkreisen bis zu den Kitaträgern haben sich inzwischen beraten. Das konkrete Ziel: Dem Kreisschulamt eine Liste mit freien Kita-Plätzen zur Verfügung zu stellen, damit Familien nicht mehr darum herumkommen, darauf hinzuweisen, dass es keine Kita-Plätze gibt. Die Umsetzung werde „endlich in Kürze“ besprochen.

Wie weit der Weg von der Empfehlung bis zum Ziel ist, zeigt sich auch bei den Schulinspektionen. Sie ruhen seit dem Ausbruch der Pandemie im Februar 2020 und sollen frühestens im Sommer 2023 – einer Pause von 43 Monaten – wieder aufgenommen werden.

Die Bildungsverwaltung begründete die lange Aussetzung mit Rücksicht auf die Schulen, die möglicherweise erneut mit der Pandemie und auch mit der Energieknappheit zu kämpfen haben.

Das macht für den Landeselternausschuss keinen Sinn: Er fordert eine Pause nur bis Februar 2023. Vor allem aber hatte die Köller-Kommission geraten, nicht nur die Inspektionen wieder aufzunehmen, sondern sich auf die Problemschulen zu konzentrieren.

Berichten zufolge sollen die Kontrollen dennoch flächendeckend stattfinden. In einem anderen Punkt wird aber ganz im Sinne der Köller-Kommission nachgebessert: Die Inspektoren sollen künftig stärker auf die fachliche Qualität der Lehre achten.

Wie groß der Handlungsdruck ist, zeigt ein Blick auf die bereits erwähnte Viertklässler-Studie. Je nach geprüfter Disziplin verfehlten 25 bis 45 Prozent der Getesteten den Mindeststandard. Ihre Lücken sind mit zehn Jahren so groß, dass sie kaum noch eine Chance auf eine erfolgreiche Schullaufbahn haben – obwohl Berlin im bundesweiten Vergleich das meiste Geld pro Schüler ausgibt.

  • Senat

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