Berlin

Seit Jahren in Quartiersunterkünften: Berlin will Obdachlosen notfalls teurere Wohnungen besorgen

Immer mehr Obdachlose leben drei Jahre und länger in Quartiersunterkünften. Das sind 4.087 Haushalte mit einer oder mehreren Personen (Stand: Juni 2021). Zum Vergleich: Nur 1.016 Haushalte leben weniger als drei Monate in Notunterkünften. Daraus ergab sich eine parlamentarische Anfrage des Grünen-Politikers Taylan Kurt, die dem Tagesspiegel vorliegt.

Der Senat will entschieden gegen Wohnungslosigkeit vorgehen und eine „Probeklausel“ in der Wohnungsdurchführungsverordnung (AV Wohnen) schaffen. Künftig sollen Wohnungssuchende auch eine Wohnung finden können, wenn diese teurer ist als die Kostenübernahme.

„Das hat für die Sozialverwaltung oberste Priorität“, sagte Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke) dem Tagesspiegel. In Berlin haben rund 31.300 Menschen keine eigenen vier Wände. Die Dunkelziffer ist hoch, weil viele Betroffene bei Freunden oder Familie bleiben.

Eine Wohnung ist immer besser als eine Notunterkunft.

Katja Kipping, Sozialsenatorin (links)

Experten schätzen, dass in Berlin rund 50.000 Menschen obdachlos sind. Die neue „Schnupperklausel“ bei AV Wohnen soll ihnen helfen, schneller eine eigene Wohnung zu finden. „Eine Wohnung ist immer besser als eine Notunterkunft. Das gilt für die Betroffenen, aber auch für das Land“, sagte Kipping. „Deshalb sollen die Sozialämter künftig die Kosten für eine geeignete Wohnung auch dann übernehmen, wenn sie über den Richtwerten liegen.“

Ein Maßstab dafür sollten die Kosten für Notunterkünfte sein. Der durchschnittliche Tagespreis liegt zwischen 25 und 27 Euro pro Person und Nacht. Auch für die Unterbringung in einer Pension oder einem Hotel werden Tagessätze von 30 bis 35 Euro fällig.

An den detaillierten Indikatoren für diese „Probeklausel“ arbeitet die Sozialverwaltung derzeit im Rahmen des 100-Tage-Programms des Senats. Kipping wartet auf angekündigte Änderungen der bundesweiten Regelungen zu den Wohnkosten, da diese voraussichtlich auch von den Bundesländern eine Änderung erfordern werden.

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Viele Paare mit mehreren Kindern sind davon betroffen

Mittlerweile wird es für Obdachlose in Berlin immer schwieriger, eine Bleibe zu finden, zumal es 1.299 Haushalte mit Paaren mit drei oder mehr Kindern gibt. Das ist die höchste Zahl hinter 11.294 Einpersonenhaushalten, die in Kreisunterkünften leben.

In Berlin gibt es eine Notübernachtungsstelle des Diakonischen Werks Berlin Stadtmitte mit 30 Plätzen. In Reinickendorf hat das Evangelische Jugend- und Wohlfahrtswerk (EJF) eine Notübernachtung für Familien mit Kindern eingerichtet. Es bietet 44 Notschlafplätze und eine Betreuung rund um die Uhr. Managerin Jana Stritzke sagt, dass vielen Familien aufgrund der Pandemie der Verlust ihres Zuhauses drohe, wenn durch Kurzarbeit oder Jobverlust ein oder mehrere Einkommen wegfallen. Davon sind auch Akademiker betroffen, die sich oft aus Scham zunächst nicht bei den Kreisen melden.

Obdachlosigkeit hat die Mainstream-Gesellschaft erreicht.

Taylan Kurt (Grüne)

„Die Obdachlosigkeit ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, sagte Grünen-Politiker Taylan Kurt. Er fordert vom Senat eine genaue Übersicht darüber, wo genau Obdachlose untergebracht sind. Denn die Unterbringung von Obdachlosen soll stadtweit kontrolliert werden. Bisher wird das neue System in Mitte, Charlottenburg-Wilmersdorf und im Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) getestet. Im Februar soll der „Zeitplan für das Aufnahmeverfahren“ mit den anderen zehn Landkreisen abgestimmt werden, teilte die Sozialverwaltung auf Anfrage mit.

Viele finden einfach keine Wohnung

Neben den Wohnungslosen in Berlin gibt es auch die Wohnungslosen – also diejenigen, die nicht in Quartiersunterkünften untergebracht sind. Berlin zählte 2020 erstmals seine obdachlosen Einwohner. Fast 2.000 Menschen trafen die Helfer in der Nacht zum 30. Januar ohne Dach über dem Kopf. Es muss beachtet werden, dass sie nur an öffentlichen Orten gesucht wurden. Privatgrundstücke und abgerissene Häuser wurden nicht durchsucht, wie der Sprecher der Sozialverwaltung, Stefan Strauss, dem Tagesspiegel sagte. Diejenigen, die dazu bereit waren, wurden nach ihren Lebensumständen befragt.

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Die Ergebnisse der Umfrage zeigen: Berlin hat ein Problem mit Langzeitwohnungslosen. Fast die Hälfte der Befragten gab an, seit mehr als drei Jahren auf der Straße zu leben (47 Prozent). „Der einfache Grund ist, dass sie keine Wohnung finden“, sagte Strauss.

Berlin will die Obdachlosigkeit bis 2030 beenden, wie es sich die EU zum Ziel gesetzt hatte. Dazu soll das bisher als Modell dienende Projekt „Housing first“ dauerhaft finanziert werden, sagte Strauss. Ziel des Programms ist es, durch Kulanzvereinbarungen mit Wohnungsbaugesellschaften Wohnungslosigkeit zu verhindern und Obdachlose in Wohnungen zu bringen. Dafür sollen laut Vorschlag der Sozialverwaltung 1,3 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung gestellt werden. Senatorin Kipping habe bereits Gespräche mit dem Wohnungsbauverband Berlin-Brandenburg geführt, sagte Strauss.

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