Berlin

Schafft Berlin den Weg in die Klimaneutralität?: Täglich werden an unzähligen Orten Emissionen verursacht. In Zukunft müssen wir genauer hinsehen

Was Bielefeld kann, sollte Berlin schon lange können. Oder nicht? Bielefeld hat kürzlich gemeinsam mit der gesamten Region Ostwestfalen-Lippe (OWL) angekündigt, bis 2035 klimaneutral sein zu wollen. Die Präsentation stand unter dem identitätsstiftenden Slogan „Klimaschutz – Made in OWL“. Der Geist des ökologischen Umbaus hat ganz Bielefeld und Umgebung erfasst. Vielleicht ist uns in Berlin auch egal, was zwischen Bielefeld, Bünde und Bad Oeynhausen geplant ist. Aber beim Klimawandel müssen wir eine Ausnahme machen.

Es wurde in Staudämme investiert, um das Wasser in Schach zu halten

Ein klimaneutrales Berlin nur als eine von Wunschdenken genährte Vision zu sehen, spielt die harte Realität zunehmender globaler Klimaexzesse herunter: In Bangladesch ist die Überschwemmung großer Landesteile mittlerweile Normalität. Ist viel zu weit weg, um uns zu berühren? Kaum, denn laut Experten des Weltklimarats IPCC stehen auch die Küstenregionen des uns nahen Belgiens vor einer hochwassergefährdeten Zukunft.

Den Klimawandel ernst zu nehmen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen, hängt bekanntlich davon ab, wie stark man betroffen ist. Auch Deutschland kennt Hochwasserkatastrophen: Auf die Elbe, die 2002 viel zu früh zum Jahrhunderthochwasser erklärt wurde, folgten Hochwasser 2013, 2016, 2017 und schließlich, vor wenigen Monaten, die Ahr, die Tausende von Menschen mit sich riss in die Katastrophe. Bilanz: Hunderte Tote und Sachschäden in Milliardenhöhe. Um das Wasser im Zaum zu halten, wurde bisher vor allem in Staudämme investiert. Langsam wird uns bewusst, dass Schutz allein nicht ausreicht und viel mehr Prävention nötig ist.

Laut Robert-Koch-Institut starben 2018 in Berlin fast 500 Menschen an den Folgen der Hitze

Zugegeben, seit dem Ahr-Hochwasser auch in Berlin wird immer seltener gefragt, was uns das alles eigentlich angeht. Es ist zu offensichtlich, welche entscheidende Rolle Großstädte im Kampf gegen den Klimawandel spielen. Sie verursachen etwa 75 Prozent aller CO2-Emissionen und bekommen die Folgen immer stärker zu spüren. Das größte Problem dabei ist die in den Straßen und Hausfassaden gespeicherte Wärme. Allein in Berlin starben laut Robert-Koch-Institut im Jahr 2018 fast 500 Menschen an den hohen Temperaturen.

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Und was hat Berlin zum Thema Klimaneutralität zu bieten? 2014 hat sich die Hauptstadt erstmals damit auseinandergesetzt und die Machbarkeitsstudie „Klimaneutrales Berlin 2050“ veröffentlicht. 2018, also nur vier Jahre später, hat das Abgeordnetenhaus von Berlin das Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm (BEK) mit rund hundert Einzelmaßnahmen verabschiedet. Kurz vor den Wahlen im vergangenen September folgte eine weitere Studie („Berlin Paris-konform machen“) mit 50 Maßnahmenvorschlägen. Auch der aktuelle Koalitionsvertrag strotzt vor grüner Poesie, wonach Klimaschutz endlich in der Landesverfassung verankert werden soll.

Papier wird also seit Jahren beschrieben. Allerdings hält sich die Begeisterung für den Klimaschutz in der Stadt, abgesehen von Pop-up-Radwegen und wiederverwendbaren Kaffeebechern, in Grenzen. Die meisten Menschen kennen das Projekt „Klimaneutralität“ nur von den Plakaten der „Fridays for Future“-Demonstranten. Klimaneutralität, das Gleichgewicht zwischen Ausstoß und Aufnahme von Kohlenstoff, ist bislang nur ein politisches Projekt in Berlin. Das Bündel an Einzelmaßnahmen verspricht vor allem auf dem Papier eine Reduzierung der Emissionen.

Zweifel sind jedenfalls erlaubt, ob dies der geeignetste und vor allem ausreichende Weg ist, die Stadt klimaneutral zu machen. Denn nicht alles, was nach Klimaschutz aussieht, schützt auch wirklich das Klima.

Helen Tacke, Gründerin des Klimatechnologie-Startups Cozero

Der Ausstieg aus den Kohlekraftwerken in Moabit und Siemensstadt oder der Ersatz gasbetriebener Straßenbeleuchtung mögen für den gesunden Menschenverstand nachvollziehbare Schritte sein. Ob sie nur heiße Luft fürs Klima sind, wird sich aber erst in vielen Jahren zeigen. Zweifel sind jedenfalls erlaubt, ob dies der geeignetste und vor allem ausreichende Weg ist, die Stadt klimaneutral zu machen. Denn nicht alles, was nach Klimaschutz aussieht, schützt auch wirklich das Klima. Die folgenden zwei Beispiele sollen zeigen, warum sogenannte Top-down-Entscheidungen für den Klimaschutz gut gemeint, aber oft zum Scheitern verurteilt sind.

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Zahlreiche Berliner Organisationen und Unternehmen haben in den vergangenen Jahren ihre Flotten eilig von Verbrennern auf Hybridautos umgestellt, die mit Strom oder Benzin betrieben werden können. Jetzt stellen sie fassungslos fest, dass die neuen Fahrzeuge fast ausschließlich mit Benzin und selten mit Strom betrieben werden. Nicht weil die Nutzer Öko-Muffel sind, sondern weil sie einfach zu wenige E-Ladestationen zur Verfügung haben. Die vorschnelle Abschaffung der noch vorzeigbaren Verbrennungsmotoren zugunsten von Hybriden, die letztlich nur noch mit Benzin fahren, schlägt sich in der Klimabilanz als großes Umweltfiasko nieder.

Bislang sind die Menschen in Sachen Klimaschutz weder gute Entscheider noch verlässliche Nutzer. Wenn wir das Ziel der Klimaneutralität in Berlin sinnvoll angehen wollen, sollten wir verstärkt die Digitalisierung einbeziehen.

Helen Tacke, Gründerin des Klimatechnologie-Startups Cozero

Ähnlich sieht es bei energetisch sanierten Gebäuden aus: Obwohl sie mit Hilfe von Dämmung und Co. theoretisch viel Energie einsparen könnten, fühlen sich viele Bewohner animiert, großzügiger zu heizen. Womit sie alle Ersparnisse zunichte machen. Ärgerliches Fazit: Beim Thema Klimaschutz ist der Mensch bislang weder ein guter Entscheider noch ein verlässlicher Nutzer. Wenn wir das Ziel der Klimaneutralität in Berlin sinnvoll angehen wollen, sollten wir verstärkt die Digitalisierung einbeziehen.

Berlin braucht dringend Klimatransparenz

Wie kann das funktionieren? Berlin braucht dringend Klimatransparenz! Jeden Tag werden an unzähligen Stellen Emissionen verursacht: im Großen an den Kohlekraftwerken, im Kleinen zum Beispiel beim Late-Night-Shop um die Ecke. Diese Millionen von Prozessen müssen wir digital erfassen und aktualisieren, um zu entschlüsseln, wo in unserer Stadt das Klima nicht am besten ist.

Je tiefer das Wissen, desto einfacher lässt sich eingreifen: Die digital gesammelten Daten werden mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) interpretiert und ausgewertet, um Maßnahmen abzuleiten, die tatsächlich nachhaltig wirken. Es ist wichtig, die Zusammenhänge zwischen den entstehenden Emissionen zu verstehen. Dies führt oft zu überraschenden und unerwarteten Schlussfolgerungen.

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Das Erreichen der Klimaneutralität hat das Potenzial, zum Berliner Vorzeigeprojekt zu werden

Berlin und seine Unternehmen – arm, sexy und trotzdem klimaneutral? Seien wir ehrlich, die Stadt wird sich nicht jede sinnvolle Klimaschutzmaßnahme leisten können oder wollen. Umso wichtiger ist es zu erkennen, wie viele Tonnen CO2 mit jedem investierten Euro eingespart werden können. Dazu braucht es einen Standard, der auf Basis von Emissionsdaten eine Wirkungsanalyse und Investitionsrechnung erstellt: Ich nenne das RoCI – Return on Carbon Investment.

Klimaneutralität zu erreichen ist keine leichte Aufgabe. Zugegeben, es ist eigentlich ziemlich anstrengend und passt vor allem nicht in die Logik und Planung von Legislaturperioden. Dennoch hat es das Potenzial, Berlins Vorzeigeprojekt zu werden. Denn sie ergibt sich aus der Schnittmenge der beiden großen Herausforderungen unserer Zeit: Ökologie und Digitalisierung. Genau dafür ist Klimaneutralität für diese Stadt gemacht.

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