Berlin

Schadows Vermächtnis in Berlin: Den harten Stein beleben

Es ist ein Berliner Herbst der großen Skulptur. Die Gemäldegalerie zeigt mit ihrer grandiosen Donatello-Ausstellung einen frühen Höhepunkt der erst seit der griechisch-römischen Antike wiedererlangten Meisterschaft, aus Gips, Lehm und Stein realistische Menschen- und Naturbilder zu schaffen. Gleichzeitig wird der Figurenkosmos von Johann Gottfried Schadow (1764-1850) in der Alten Nationalgalerie unter der Inschrift „Berührende Formen“ neu untersucht. Nicht nur in seiner Protagonistenpaarung der preußischen Geschwisterprinzessinnen Luise und Friederike zeigt sich, wie genial Schadow die auf seinen Italienreisen studierten Vorbilder der Antike, der Renaissance und ihrer Folgen adaptiert hat: in seiner ganz eigenen Harmonie von klassizistische Strenge und Anmut.

Wenn Sie von Donatello nach Schadow durch Berlins Mitte wandern, bekommen Sie auch eine Vorstellung von der vielleicht schönsten Anekdote aus dem Bereich der Bildhauerkunst. Als Michelangelo einst eines seiner Werke aus einem Marmorblock schuf, fragte ihn ein Kind: „Woher wusstest du, dass diese schöne Figur in dem großen Stein schlief?“

Tatsächlich grenzt die Kunst, den harten Stein mit Atem, Haut und Haaren zu beseelen, oft an Magie. Der Zauber war dem Berliner Schneidersohn Schadow freilich eher fremd, ebenso wie romantisches Pathos oder zu viel verspielte Ironie. Aber er hatte einen trockenen Humor, wenn er mit zunehmendem Alter in den Schatten eines anderen zu geraten drohte: „Mein Janzerruhm liegt in Rauch uffjejangn.“ Gemeint war Christian Daniel Rauch, ehemals Kammerdiener der zur Königin gewordenen Luise, Meisterschüler des Akademielehrers und preußischen Hofbildhauers Schadow.

Natürlich sind einige von Schadows Denkmälern keine mobilen Exponate. Die Quadriga, die ab 1793 das Brandenburger Tor krönte, gelangte von dort nicht mehr in ein Museum. Napoleon brachte es 1806 als Eroberer nach Paris. Nach der Niederlage Bonapartes wurde die Quadriga nach Berlin zurückgebracht, restauriert und 1814 wieder an das Tor gestellt.

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Im Zweiten Weltkrieg dann schwer beschädigt, begann buchstäblich ein Hin und Her mit den Überresten des (teilweise veränderten) Werkes. Seine Symbolkraft blieb freilich immer ungebrochen, auch wenn die Göttin Viktoria nicht mehr mit ihren vier Pferden in einen militärischen Sieg reiten sollte. Von Schadows berühmtestem Werk im Märkischen Museum ist jedenfalls nur ein einziger Pferdekopf als Original erhalten. Die Quadriga am Tor ist dank der vor Kriegsende angefertigten Sicherungsabgüsse ein Nachbau und damit längst Geschichte.

Und wir sehen nur eine Kopie von Schadows mächtigstem Design in der Öffentlichkeit. Um 1790 schuf der Meister für die Münze Berlin einen 36 Meter langen, in Sandstein gemeißelten Figurenfries. Damals befand sich die Münze noch am Werderschen Markt, wo heute das Auswärtige Amt seinen Sitz hat. Später wanderte immer wieder die Staatsgeldpresse und mit ihr der aus einzelnen Relieffeldern bestehende Münzfries.

Ein weitgehend unbekannter Schadow-Schatz

Noch heute ziert eine Replik des Werks die Außenwand des schlossgelben Erweiterungsbaus des Palais Schwerin gegenüber dem EphraimPalais, das 1937/38 als Reichsmünze am Mühlendamm in Mitte errichtet wurde. Hinter dem Fries residierte bis zum Mauerfall das Kultusministerium der DDR. Nach weiteren Nutzungen soll dort langfristig ein Internationales Haus des Jazz entstehen.

Aber der ursprüngliche Münzfries ist noch da. Sie liegt als weitgehend unbekannter Schadow-Schatz in den Katakomben unter dem mächtigen Schinkel-Denkmal auf dem Kreuzberg.

Nach dem Weltkrieg gab es eine erstaunliche Odyssee mit diesem großartigen Werk. Einst hing der Münzfries sogar in der Betonfassade eines Altenheims in Charlottenburg – und jetzt wachen die Fledermäuse im Winterschlaf darüber. Nur ein kleines Eisentor auf der Südseite des Kreuzbergs öffnet sich im Frühjahr und Sommer, wenn die Fledermäuse wieder Wärme und Platz suchen. Dann können zumindest angemeldete Besucher an einer Führung durch das beeindruckende Gewölbe teilnehmen, wo der 36 Meter lange Münzfries in bizarren Nachbarschaften aus Eisen, Stein und Staub (sowie Kopienfragmenten der Quadriga) in Einzelteilen auf dem Boden gelagert ist.

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Im Dämmerlicht sind die wenigen Betrachter nah an einem riesigen Bilderprogramm. Johann Gottfried Schadow hat auf dem Fries eine Art Weltwirtschaftsgeschichte in Stein gemeißelt: angefangen bei der Titanenrasse von Uranus und Gaia (Mutter Erde) und dem Feuer, das Prometheus einst den Göttern stahl und als Energiequelle den Menschen brachte.

Die Landesmuseen würden dies gerne wieder einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Yvette Deseyve, die Kuratorin von „Touching Forms“, sagt: „Wir arbeiten an einer Perspektive. Aber der Fries müsste erst restauriert werden, und wir haben noch keinen möglichen Ort für dieses monumentale Werk gefunden.“ Es bleibt eine Aufgabe für die Zukunft.

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