Berlin

Preußentum und Antisemitismus: Ehrt das Humboldt Forum einen Mäzen mit rechtsextremer Gesinnung?

Die Konzeption des Humboldt Forums war von Anfang an eine Art Blackbox, mit der die unterschiedlichsten Wünsche und Ideen bedient wurden. Während das fertige Gebäude nun den Stil eines gediegenen Luxus-Kaufhauses aus London Knightsbridge versprüht, sieht man überall Spuren ideologischer Projektionen. Außen über dem Eosander-Portal radikalisiert das Kuppelkreuz mit einem Zitat aus der Reaktionszeit die preußische Mission.

Die öffentlich umstrittene Inschrift lautet: „Es gibt kein anderes Heil, kein anderer Name wurde den Menschen gegeben als der Name Jesu, dem Vater zu Ehren, dass sich in dem Namen Jesu beugen sollen alle Knie, die darin sind Himmel und auf Erden und unter der Erde“, geschrieben von König Friedrich Wilhelm IV. Im Inneren hingegen ist meist das Gegenteil der Fall: vielerorts kleine Relikte aus dem Palast der Republik und antikoloniale Kunst im Schlüterhof Im Museumsshop gibt es wohl mehr DDR-Souvenirs als solche über die Hohenzollern.

Hier versteckt sich überall deutsche Geschichte. Im Durchgang des Eosander-Portals wird ein Dutzend Großspender mit Reliefmedaillons geehrt, die jeweils mehr als eine Million Euro für den Bau gespendet haben. Unter ihnen der 2016 im Alter von 91 Jahren verstorbene Rechtsanwalt und Bankkaufmann Ehrhardt Bödecker mit seiner Frau Anneliese. Im Jahr 2000 gründete er das Brandenburg-Preußen-Museum in Wustrau als Privatmuseum und verfasste mehrere Bücher zur preußisch-deutschen Geschichte. Er gehörte auch dem 1969 auf Burg Hohenzollern gegründeten Zollernkreis an.

Bödeckers Bild von Preußen trägt rechtsextreme Züge. Der Zentralrat der Juden stuft seine Äußerungen als antisemitisch ein. Nicht nur, dass Bödecker die Zahl von sechs Millionen Holocaust-Opfern bestreitet; schrieb er 2002 in „Vae Victis, wehe den Besiegten“ in der Reihe Brandenburg-Preußen Museum. Er brachte Verständnis für den im Kaiserreich praktizierten Ausschluss von Juden aus Armee und Verwaltung zum Ausdruck, der auf dem legitimen Wunsch des Staates nach Homogenität beruhte.

Deutschland und Europa leiden seit 1918 unter dem „talmudischen ‚Niemals vergessen‘“, heißt es in seiner 2005 erschienenen Publikation „Preußen und die Wurzeln des Erfolgs“. die persönliche Demütigung und Erniedrigung der Deutschen, die Untergrabung unseres nationalen Selbstbewusstseins“, wie es in „Vae Victis, wehe den Besiegten“ formuliert ist.

Siehe auch  "SPD kann zeigen, ob es ernst ist": Berliner CDU legt Vorschlag für längere Sicherungsverwahrung vor

Bödecker sagte, die westlichen Siegermächte hätten sich auf eine „besondere Demütigung geeinigt, indem sie eine Art Gehirnwäsche für die Deutschen verordneten, die als Umerziehung in die Nachkriegsgeschichte einging“. Und dieses Elend war den Juden zuzuschreiben, denn die „Umerziehung“ der Westalliierten geht auf den Einfluss der in die USA verbannten jüdischen Soziologen der Frankfurter Schule zurück. So ist es wieder in „Preußen und die Wurzeln des Erfolgs“.

Schlagworte wie Demokratie, Freiheit und soziale Gerechtigkeit dienen als Stöcke in der politischen Debatte.

Erhard Bödecker

Die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten war bereits 1939 von Großbritannien ins Auge gefasst worden. Ihr fielen 2,5 Millionen Deutsche zum Opfer, angeblich fünfmal so viele wie von den Geschichtswissenschaften angegeben.

Während Bödecker wenig von unserer heutigen Gesellschaft hielt, schwärmte er vom Imperium. Es war der „erfolgreichste Staat der deutschen Geschichte“ („Preußen – Die antipreußische Gehirnwäsche“, 2001). Dank Kanzler und Kaiser blühte Deutschland auf wie nie zuvor. Es habe keinen Völkermord an den Herero und Nama gegeben, behauptete er in Preußen und die Wurzeln des Erfolgs. Der preußische Militarismus sei verleumdet worden, historisch gesehen aber „äußerst positiv“, sagte Bödecker 2007 in einem Interview mit der rechten „Jungen Freiheit“.

Bödecker unterhielt enge Verbindungen zur Neuen Rechten

Parteien, Presse und Parlamentarismus treiben heute, wie Bödecker in den oben genannten Schriften darlegte, mehr denn je ihr Unwesen. „Schlagwörter wie Demokratie, Freiheit und soziale Gerechtigkeit dienen als Stöcke in der politischen Debatte. Außerdem sorgt das ‚System‘ mit Verfassungsschutzeinrichtungen dafür, dass es unangreifbar ist.“ Und: „Parlamentarismus und Rechtsstaatlichkeit haben wir schon lange nicht mehr“, sondern „es gibt eine Vermehrung von Staat und Gewerkschaften setzt auf soziale Sicherheit und Mitbestimmung“, verriet er der „Jungen Freiheit“.

Siehe auch  Vor fünf Jahren trat der „Raserparagraph“ in Kraft: Mehr als 3.300 Autorennen hat die Berliner Polizei seitdem gestoppt

Bödecker vertrat solche Positionen nicht nur in eigenen Publikationen, sondern auch als Gastautor in der „Jungen Freiheit“ und auf einer Tagung des rechtsextremen Instituts für Staatspolitik von Götz Kubitschek. Gemeinsam mit dem Schlossfan Wilhelm von Boddien und mehreren rechten Autoren veröffentlichte er 2001 und 2005 im Jahrbuch der geschichtsrevisionistischen Gesellschaft für Staats- und Wirtschaftspolitik SWG, die Rechtsextremisten und Holocaustleugnern gelegentlich ein Podium bot.

Die Anthologie wurde herausgegeben von Brigadegeneral a. D. Reinhard Uhle-Wettler zum Vorsitzenden der Gesellschaft, der drei Jahre zuvor auch eine Festschrift für den Holocaustleugner David Irving herausgegeben hatte.

Als die Freunde des Berliner Schlosses 1993 unter der Leitung von Wilhelm von Boddien ihre Fassadensimulation installierten, warb Niels von Holst, ein ehemaliger NS-Raubkunstfunktionär, im SWG-Jahrbuch für den Wiederaufbau des Schlosses. Auf die Frage nach Bödecker verweigert von Boddien als Verantwortlicher des Vereins, der seine Spende gesammelt hat, nun eine Stellungnahme.

Die Stiftung Humboldt Forum hingegen distanziert sich klar von Bödeckers Positionen und will ihrem Kuratorium vorschlagen, die Frage zu prüfen, ob sich die Ehrung von Stiftern ändern sollte. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, begrüßt die Prüfung und meint, dass die Ehrung von Ehrhardt Bödecker äußerst kritisch hinterfragt werden sollte.

Während die Prüfung einige Zeit in Anspruch nehmen wird, stellt sich die Frage, ob es sich um einen Einzelfall handelt. Nicht ganz. Die Witwe des Versandhauses Werner A. Otto hatte das vier Meter hohe Christuskreuz mit dem Reichsapfel auf der Schlosskuppel zum Gedenken an ihren Mann gestiftet. Obwohl er sich seit seinen Lebzeiten mit politischen Äußerungen in der Öffentlichkeit zurückhielt, versprach er 2001 dem rechtsextremen Bundeswehr-Pensionär Max Klaar drei Millionen Mark für den Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam.

Während sich das Problem der rechten Ikonographie beim Berliner Schloss auf die Kuppel mit ihrer reaktionären, freiheitsfeindlichen Inschrift und dem Kreuz sowie der Hommage an Bödecker konzentriert, ist es bei der Garnisonkirche in Potsdam der Fall wirkt sich auf das gesamte Gebäude aus. Ehrhardt Bödecker war einer der Unterstützer von Max Klaar. Bödecker und Klaar genossen beide die unterstützende Sympathie von Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) und Innenminister Jörg Schönbohm (CDU).

Siehe auch  Initiative plant Brandbrief: Überquellende Mülleimer, Flaschen und Zigarettenstummel verunstalten Berlin

Die weit verbreiteten Positionen von Bödecker und Klaar können nicht völlig unbekannt gewesen sein. Allerdings verbanden beide ihre punktuellen rechtsextremen Äußerungen mit einem großen Schwall redseliger Preußenbewunderung, für die auch die Mitte der Gesellschaft empfänglich ist. Wer hätte etwas gegen preußische Tugenden, das Christentum oder die berühmten Architekten Andreas Schlüter, Philipp Gerlach und Friedrich August Stüler?

Rekonstruierte Gebäude können eine legitime Form staatlicher und gesellschaftlicher Repräsentation sein. Doch die Bundesregierung als Bauherr und Hauptsponsor der preußischen Symbolbauten in Berlin und Potsdam muss sich der Frage stellen, ob mangelndes Bewusstsein schon immer zu einer klaren Abgrenzung zu rechten Geldgebern geführt hat und ob dies sein muss korrigiert. In Berlin betrifft es nur ein Stiftergremium, in Potsdam war der Einfluss jedoch weitaus größer und wirkte sich auch auf die Gestaltung des Bauvorhabens und seine argumentative Legitimation aus.

Und welche Rolle spielte Bödecker im Berliner Schloss? Der Bund als Bauherr gab Spendern die Möglichkeit, mit den optionalen Bausteinen Einfluss auf die Gestaltung des Gebäudes zu nehmen. Im Frühjahr 2013 fiel die Entscheidung, ob das Schloss mit oder ohne historische Kuppel gebaut wird. Ein vom Verein geworbener Spender sicherte mit einer siebenstelligen Spende die Realisierung dieses ideologisch besonders problematischen Bausteins des Bauvorhabens. Bödeckers Spende beläuft sich auf einen siebenstelligen Betrag. Die Stiftung Humboldt Forum verweigert aus „datenschutzrechtlichen Gründen“ eine Auskunft zu Fragen der Zweckbindung. Aber die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf zu erfahren, wem sie den Bau der historischen Kuppel verdankt.

<

p class=“Bt“>

Kommentar verfassen

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"

Adblock erkannt!

Adblocker speichern und verwenden Ihre personenbezogenen Daten und verkaufen diese u.U. an Dritte weiter. Schalten Sie in Ihrem und unserem Interesse den Adblocker aus. Keine Angst, wir verwenden keine Popups oder Umleitungen. Ein paar kleine, unauffällige Banner finanzieren uns einen Kaffee. Sonst gibt's hier keine Werbung.