Berlin

Präventionskampagne des Kinderschutzbundes: Gewalt hat viele Gesichter

Große Liebe, abgrundtiefe Wut: Zum Leben als Eltern gehören starke Gefühle. Was passiert jedoch, wenn Mütter und Väter ihre negativen Emotionen nicht mehr kontrollieren können? Eine neue Kampagne des Kinderschutzbundes will auf die Problematik psychischer Gewalt gegen Kinder aufmerksam machen – denn Missbrauch beginne nicht mit Schlägen oder sexuellen Übergriffen, so die Stoßrichtung der Kampagne.

Jeder, der seinem Kind immer wieder sagt, dass es sowieso zu dumm ist, der es systematisch ignoriert, um sich nicht mit der Wut des Kindes auseinandersetzen zu müssen, der es bloßstellt oder vor anderen demütigt, der es mit Liebesentzug bestraft, weil es es tut ihren Haushaltspflichten nicht nachkommen, was auf Dauer immense seelische Schäden anrichten kann. Das sagt auch Bernhard Huf, Leiter Bildung und Familienberatung der Caritas des Landes Berlin.

Wie weit das gehen kann, weiß Huf aus der Beratungspraxis. Er erinnert sich an den Fall einer Mutter, die aufgrund einer postnatalen Depression keine Bindung zu ihrem zweiten Kind aufbauen konnte. Die Familie mietete eine Zweitwohnung, in der der Zweitgeborene nur beim Vater bleiben durfte, weil die Mutter Angst hatte, ihrem eigenen Kind nachts Gewalt anzutun.

Schrecklicher Kreislauf der Gewalt

Gefährdet ist nach Hufs Einschätzung, wer von der eigenen Mutter als Baby so abschätzig behandelt wird. Kleinkinder können sich weder verbal noch durch Handlungen wehren und würden daher oft mit psychischen und körperlichen Symptomen reagieren.

„Fälle wie dieser zeigen, dass Familien oft in einem ganz schrecklichen Kreislauf gefangen sind“, sagt er. „Denn bei einer solchen Eskalation spielt meist die eigene biografische Prägung des betroffenen Elternteils eine große Rolle.“

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Heinz Hilgers, Präsident des Kinderschutzbundes, stellte am Dienstag in Berlin die Kampagne seines Vereins vor, die auf das Thema emotionale Gewalt und psychischen Missbrauch aufmerksam machen will. Anlass war der Weltkindertag mit Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) auf dem Podium. Unter dem Titel „Gewalt ist mehr als man denkt!“ will der Kinderschutzbund in den nächsten zwei Jahren auf Social Media und Straßenplakate aufmerksam machen.

Hilgers verwies auf ein aus seiner Sicht „unverschämtes Gewaltverständnis“, das etwa dem Familienrecht noch immer zugrunde liege. Immer wieder fällten Familiengerichte Urteile, die ihn fassungslos machten. Vätern, die wegen schweren Missbrauchs ihrer Kinder oder wegen Gewalt gegen ihren Ex-Partner vorbestraft sind, wird nach Trennungen immer wieder ein Umgangsrecht eingeräumt. Die verfassungsmäßigen Elternrechte würden auf Kosten der Schwächsten der Gesellschaft durchgesetzt, sagte Hilgers.

Bundesfamilienministerin Paus sagte, bei der Klärung des Sorge- und Umgangsrechts nach Trennungen solle künftig darauf geachtet werden, dass Kinder vor Gewalt geschützt würden. Eine entsprechende Neuregelung ist in Arbeit. Psychische Gewalt ist weniger sichtbar als körperliche Misshandlung, hat aber ebenso gravierende Auswirkungen. Paus erinnerte an die Vereinbarung im Ampel-Koalitionsvertrag, Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern. Das war das gemeinsame Ziel der damaligen Großen Koalition in der letzten Legislaturperiode. Es hätte einer Zweidrittelmehrheit in Bundestag und Bundesrat bedurft, doch Regierung und Opposition konnten sich trotz intensiver Verhandlungen nicht auf einen Wortlaut einigen.

Im Jahr 2021 stellten die Jugendämter deutschlandweit bei fast 60.000 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung fest. Die häufigste Ursache in der Statistik ist Vernachlässigung (45 Prozent), psychische Gewalt wurde am zweithäufigsten gezählt (18 Prozent). Körperliche Misshandlungen wurden in 13 Prozent der Fälle festgestellt, sexuelle Gewalt in vier Prozent. Hinzu kommen 21 Prozent der Fälle, in denen mehrere Risikoarten gleichzeitig vorlagen. Hilgers wies darauf hin, dass sich die Gewaltformen in der Praxis nicht klar voneinander abgrenzen lassen.

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„Es gibt keine andere Form von Gewalt, die keine emotionale Gewalt beinhaltet und ihr vorausgeht“, sagte Hilgers. Als Beispiel nannte er Täter sexuellen Missbrauchs, die Kindern drohten, sie müssten in ein Heim, wenn sie sich einem Dritten um Hilfe anvertrauen. Insofern versteht Hilgers eine stärkere gesellschaftliche Aufmerksamkeit gegenüber Formen psychischer Gewalt als Prävention vor körperlichen und sexuellen Übergriffen. Hilgers sagte, dass jeder, der miterlebt, wie ein Kind psychischer Gewalt ausgesetzt ist, damit rechnen muss, dass andere Formen der Gewalt folgen.

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