Berlin

Politischer denn je: Kann die WM in Katar zum Fußballfest werden?

Am Sonntag in einer Woche beginnt die wohl umstrittenste WM der Fußballgeschichte. Wer das deutsche Team in Katar vertreten wird, steht seit Donnerstag fest. Weniger klar ist dagegen, wie sich eine Endrunde anfühlt, die erstmals im europäischen Winter stattfindet und der nicht nur Fußballfans mit großer Skepsis begegnen. Aber eines steht jetzt schon fest: Noch nie war eine WM so politisch wie diesmal, auch wenn die Fifa es gerne anders hätte.

Welche Überraschungen gibt es im Kader von Hansi Flick?

Diesmal gibt es keinen neuen David Odonkor, einen Spieler, an den vorher noch niemand gedacht hatte. Odonkor wurde 2006 von Jürgen Klinsmann, dem Vorgänger von Hansi Flick als Bundestrainer, überraschend für die WM im eigenen Land nominiert, obwohl er noch kein einziges Länderspiel bestritten hatte.

Im Kader von Katar stehen außerdem zwei Spieler, die noch nicht für die A-Nationalmannschaft gespielt haben: Bremens Niclas Füllkrug, 29, und Youssoufa Moukoko, 17, von Borussia Dortmund. Aber beide Überraschungen halten sich in Grenzen. Ihre Nominierung wurde allgemein erwartet – insbesondere nach den Abwesenheiten von Timo Werner und Lukas Nmecha, beides Stürmer wie Füllkrug und Moukoko.

Auch die Rückkehr von Mario Götze, fünf Jahre nach seinem letzten Einsatz für das DFB-Team, zeichnet sich seit längerem ab. Die Nominierung von Armel Bella-Kotchap kommt überraschend, obwohl der ehemalige Bochumer Ende September gegen England sein Länderspieldebüt gab: Er durfte eine Minute spielen.

Interessant ist nicht nur, dass Bella-Kotchap, Innenverteidigerin des Southampton FC, dabei ist. Besonders interessant ist, dass Weltmeister Mats Hummels seinetwegen nicht dabei ist. Der Dortmunder überzeugte zuletzt in der Bundesliga, doch Flick verzichtet auf den bald 34-Jährigen und seine Erfahrung. „Es überrascht nicht, dass dies eine der größten Enttäuschungen meiner Karriere ist“, schrieb Hummels auf Instagram.

Die Chance, dass Bella-Kotchap, 20, bei der WM zum Einsatz kommt, ist gering. Ebenso groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er darüber meckert. Bei Mats Hummels wäre das vielleicht anders gewesen.

Wie positioniert sich der DFB politisch für die WM in Katar?

Gianni Infantino ist seit 2016 FIFA-Präsident. Als die WM 2010 an Katar vergeben wurde, war der Schweizer noch nicht im Amt. Er ist also nicht für dieses Turnier verantwortlich. Und doch hat sich Infantino dem umstrittenen WM-Gastgeber auf eine Weise verschrieben, wie es vielleicht noch kein Fifa-Boss zuvor getan hat. Außer vielleicht Gianni Infantino 2018 in Russland.

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Kritik am WM-Gastgeber und den Zuständen im Land mag der Fifa-Boss nicht. Deshalb schickte er kürzlich einen Brief an alle 32 Teilnehmer. „Konzentrieren wir uns auf Fußball“, forderte er. „Bitte lassen Sie nicht zu, dass der Fußball in jeden politischen und ideologischen Kampf hineingezogen wird.“

Zumindest denkt der Deutsche Fußball-Bund nicht einmal daran, Infantino diesen Gefallen zu tun. DFB-Präsident Bernd Neuendorf hatte sich kurz vor dem Turnier für eine Entschädigung der Familien von Wanderarbeitern ausgesprochen, die auf Baustellen in Katar ums Leben kamen. Auch beim DFB haben die jüngsten Äußerungen des katarischen WM-Botschafters über Homosexualität („psychische Schäden“) für entsprechende Empörung gesorgt. Das mache ihn sprachlos und fassungslos, sagte Bundestrainer Flick am Donnerstag.

Flick steckt während der WM in einem Dilemma: Einerseits streben er und sein Team nach maximalen sportlichen Erfolgen. Andererseits will sich die Nationalmannschaft nicht vorwerfen lassen, alles zu ignorieren, was um sie herum passiert. „Wir wollen uns nicht ducken und auf die Missstände aufmerksam machen“, sagte Flick. „Dafür steht der DFB, dafür steht die Mannschaft.“

Bitte lassen Sie nicht zu, dass der Fußball in jeden politischen und ideologischen Kampf hineingezogen wird.

Fifa-Boss Gianni Infantino

Dafür steht Leon Goretzka in der Nationalmannschaft. Der Mittelfeldspieler des FC Bayern entspricht dem Idealbild eines gereiften Profis. Zu politischen und gesellschaftlichen Themen hat er in der Vergangenheit ungewöhnlich klar Stellung bezogen. Das Gleiche tut er nun auch im Hinblick auf die Situation in Katar.

„Ich persönlich hätte mir ein anderes Land gewünscht“, sagte Goretzka in einer ZDF-Dokumentation über Katar als WM-Ausrichter. Umso mehr werde es „unsere Aufgabe sein, die Aufmerksamkeit der Welt dafür zu nutzen, Werte zu vermitteln, die uns wichtig sind“. Darauf könne man sich bei der Nationalmannschaft verlassen, kündigte er an. In welcher Form werden wir sehen. Aber im besten Fall, so Goretzka, soll der Protest „maximal sichtbar“ sein.

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Wird sich die WM-Vergabepolitik nach Katar ändern?

In jüngster Zeit hat die Kritik an Katars Menschenrechtsverletzungen und der Art und Weise, wie es mit Wanderarbeitern umgeht, stetig zugenommen. In diesem Zusammenhang wurde gefordert, Vergabekriterien für sportliche Großveranstaltungen zu definieren. Damit soll verhindert werden, dass sich autokratische Regime an Weltmeisterschaften bereichern und für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Die Fifa hat auf die Kritik reagiert und ein Menschenrechtskonzept entwickelt. Inwieweit diese Kriterien erfüllt sind, ist fraglich, da der Weltverband keinen unabhängigen Kontrollmechanismen unterliegt. Das zeigt auch die Vergabe der nächsten U20-Weltmeisterschaft, die in Indonesien stattfinden wird – einem Land, das Menschenrechtsaktivisten inhaftiert und im Pressefreiheits-Ranking von Reporter ohne Grenzen nur zwei Plätze vor Katar liegt.

Angesichts dessen hätten die Menschenrechte bereits verloren, kritisierte der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD). Und das nicht nur im Hinblick auf die anstehende WM, sondern auch mit Blick auf kommende Turniere.

Grund für vorsichtigen Optimismus gibt es dagegen eher bei den zahlreichen Faninitiativen und Vereinen, die Katar nicht nur kritisieren, sondern die Strukturen des Profifußballs insgesamt anprangern. Künftig soll man die FIFA schon vor der Vergabe von Sportgroßveranstaltungen im Auge behalten können und nicht erst nachdem tausende Wanderarbeiter gestorben sind.

Die Menschenrechte haben bereits verloren.

Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

Dabei dürfte das Thema Nachhaltigkeit eine immer wichtigere Rolle spielen. Sowohl Katar als auch die Fifa haben wiederholt von einer klimaneutralen WM gesprochen. Doch Shuttle-Flüge, klimatisierte Stadien und ein neues U-Bahn-Netz stehen diesem Narrativ entgegen. Insofern ist fraglich, inwieweit eine WM erneut an ein Land vergeben wird, das nicht über die nötige Infrastruktur verfügt, um ein solches Turnier auszurichten.

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Wird bei dieser WM trotz allem noch Stimmung herrschen?

Der Fußball steht nicht nur wegen der WM in Katar in der Kritik. Viele Fans beklagen die komplette Kommerzialisierung ihres Sports und wenden sich ab. Trotzdem wird das Turnier Bilder von vollen Stadien und bunt gekleideten Fans um die Welt schicken. Die meisten der 3,1 Millionen Tickets für die 64 Spiele wurden laut FIFA verkauft.

Darüber hinaus wurden mehr als zwei Millionen Übernachtungen von Besuchern aus aller Welt gebucht. Auch deutsche Fans werden in Katar erwartet, 35.000 Tickets wurden nach Deutschland verkauft. Der offizielle Fanclub der Nationalmannschaft mit seinen 300 Mitgliedern wird vom DFB zu jedem Spiel eingeflogen, die Fans übernachten allerdings in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Allerdings dürfte die Stimmung in den Stadien nicht mit der Bundesliga vergleichbar sein. Tickets und Unterkunft in Katar sind teuer, so dass viele Fans von vornherein ausgeschlossen sind. Es ist eine Weltmeisterschaft in erster Linie für die Reichen, insbesondere aus der arabischen Welt.

Um eine positive Stimmung aus den Stadien zu verbreiten, hat Katar während der WM auch einen Aufenthalt im Land für Fans aus verschiedenen Ländern finanziert. Im Gegenzug sollen diese Zuschauer den Gastgeber vor Ort – aber auch in den sozialen Medien – gut aussehen lassen. Das hat natürlich auch zu Kritik geführt und verschärft die wachsende Entfremdung zwischen der Fußballbasis und den Entscheidungsträgern.

Ob so etwas wie WM-Fieber oder Fußballbegeisterung aus Katar in die deutschen Wohnzimmer schwappt, hängt letztlich auch von der Leistung der Nationalmannschaft ab. Wenn Hansi Flick mit seinem Team weit kommt, könnte das hierzulande noch viele Menschen davon überzeugen, der WM eine Chance zu geben.

Allerdings scheint es schwer vorstellbar, dass Fifa-Boss Gianni Infantino am Ende Recht hatte, als er sagte, Katar werde „die beste WM der Geschichte“ ausrichten.

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