Berlin

Polens Hauptstadt unter die Lupe genommen: Wird Warschau zur Fahrradstadt?

Sechs Jahre ist es her, dass der damalige polnische Außenminister Witold Waszczykowski vor einer „Welt der Radfahrer und Vegetarier“ warnte. Das hat nichts mit traditionellen polnischen Werten zu tun. Waszczykowski ist nicht mehr im Amt, aber sein Interview hat Spuren hinterlassen, wie ein Sprecher der Stadtplanung in Warschau dem Tagesspiegel sagte. Die rechte PiS-Regierung sagt, Radfahren sei etwas Schlechtes, etwas aus dem Westen. „Es ist, als käme der Kommunismus zurück. Man sagt, das Radfahren nimmt dem Auto die Freiheit.“

Wer heute durch Warschau radelt, wird merken, dass die Welt der Vegetarier und Radfahrer langsam Einzug hält. Im Zentrum der polnischen Hauptstadt gibt es viele vegetarische, sogar vegane Restaurants, hauptsächlich Burgerläden. Trotzdem besteht Warschau und der größte Teil Polens immer noch aus Fleisch und Autos, also wie in Deutschland. Vegetarier und Radfahrer bleiben in der Minderheit.

Aber die Zahl von beiden nimmt zu. Und was das Fahrrad betrifft, ist die öffentliche Verwaltung mit im Boot: In den letzten 10 Jahren wurden in Warschau mehr als 400 Kilometer Radwege angelegt. Waren es 2010 noch 275 Kilometer, sind es dieses Jahr 720 – zehn weitere sollen in diesem Jahr hinzukommen, sagt der Stadtsprecher. Weitere 30 Kilometer sind geplant. Das Ziel der Stadt sind 900 Kilometer. Nur zum Vergleich: Berlin plant bis 2030 rund 3.000 Kilometer Radwege. Berlin ist bekanntlich größer.

Ich war selbst drei Wochen in Warschau: Es ist keine Traumwelt für Radfahrer, aber man kommt von A nach B. Ich musste mich an die schmalen Radwege gewöhnen, die beidseitig befahren werden – Gegenverkehr auf engstem Raum. Wunderschön sind die viel befahrenen Radwege an der Weichsel, die zum Nationalpark Kampinoski führen. Hier wird es etwas sportlicher.

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Bleiben wir in der Innenstadt, die flach und damit eigentlich perfekt zum Radfahren ist. Die Grundsätze zur Gestaltung der Fahrradinfrastruktur stammen aus dem Jahr 2010 und sollten dringend erneuert werden, sagt der Stadtbausprecher. Vor sieben Jahren wurde erstmals ein „Radsport-Beauftragter“ ernannt: Lukas Puchalski. Er ist auch Direktor der öffentlichen Straßenbehörde.

Barrierefrei, grün und fahrradfreundlich soll Warschaus neue Mitte sein

In den Jahren 2016 bis 2019 trug insbesondere ein EU-Investitionsprogramm zum Ausbau der Warschauer Radverkehrsinfrastruktur bei. Bürgermeister Rafał Trzaskowski hat ein langfristiges Programm angekündigt: „Neues Zentrum von Warschau“. Die Hauptidee ist, den öffentlichen Raum zugänglicher, grüner, fahrrad- und fußgängerfreundlicher zu machen.

Es sei immer ein Problem, Leute mitzunehmen, sagt der Sprecher. Wenn der Prototyp einer neuen Strecke präsentiert wird, gibt es oft heftigen Protest. „Das Auto bleibt das Hauptverkehrsmittel. Zu Verkehrsfragen entwickeln sich oft aggressive politische Debatten. „Generell leben wir in einer stark autoabhängigen Gesellschaft“, seufzt der Stadtplanungssprecher. „Es ist eine Herausforderung, unter diesen Umständen eine grüne Insel zu entwickeln.“

Aber er ist auch optimistisch: Die Stimmung kippt und jedes Jahr werden mehr Radwege gebaut. Immer mehr Menschen nutzten sie. Auf Twitter ist eine kleine Kampagne für einen Radweg in der Puławska-Straße entstanden.

„Polnische Städte haben in den letzten Jahren damit begonnen, den Autoverkehr stärker einzuschränken, und auch Fahrräder werden immer beliebter“, sagt Marek Józefiak von Greenpeace Polen. „Krakau gilt in dieser Hinsicht als Vorreiter. Die ehemalige Hauptstadt hat sich zum Ziel gesetzt, den Fahrradanteil im Verkehrsmix bis 2025 auf 25 Prozent zu steigern. Warschau scheint in dieser Hinsicht spät dran zu sein.“ Das lässt der Warschauer Stadtplanungssprecher nicht gelten: „Krakau ist eine Fahrradstadt, aber jedes Jahr kommen nur etwa 5 Kilometer hinzu. In Warschau sind es rund 30 Kilometer.“

Zu Verkehrsfragen entwickeln sich oft aggressive politische Debatten

Ein Sprecher für Stadtplanung in Warschau

Trotz kilometerlanger neuer Radwege, die jedes Jahr eröffnet werden, weisen viele Aktivisten darauf hin, dass Warschau noch lange nicht in der Nähe der Fahrradrevolution von Paris ist und dass der Warschauer Bürgermeister eine Gelegenheit verpasst hat, während der Pandemie große Änderungen am Stadtverkehr vorzunehmen – zum Beispiel durch den Bau von Pop-up-Radwege wie in Berlin.

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Oskar Kulik ist in Warschau aufgewachsen und fährt hier fast täglich Fahrrad. Im Mai hatte er seinen ersten Unfall, von einem Auto angefahren, der Fahrer schaute wohl auf sein Handy. Kulik hat sich einen Wirbel gebrochen und ist auf dem Weg der Besserung. „Allerdings habe ich jetzt immer noch ein bisschen Angst, wenn ich auf meinem Fahrrad sitze.“

Trotzdem ist er relativ zufrieden: „Vor etwa zehn Jahren gab es in Warschau kaum längere Radwege“, erinnert er sich. „Es hat sich deutlich verbessert: Ich kann die meisten Orte in der Innenstadt größtenteils auf Radwegen erreichen.“

Auch Adam Rajewski findet, dass Radfahren in Warschau immer angenehmer wird. Jede Woche fährt er mindestens 120 Kilometer durch die Stadt, zur Arbeit und zu Terminen. Radfahren wird in Warschau immer mehr akzeptiert, obwohl es immer wieder zu Reibungen zwischen den drei Gruppen Auto, Fahrrad und Fußgänger kommt. Rajjewski hat kein Auto. „Man kann die meisten wichtigen Orte der Stadt mit dem Fahrrad anfahren, auch wenn es teilweise große Lücken gibt“, sagt der Ingenieur, der sich auf Nuklearprojekte spezialisiert hat.

Leider lässt die Planung zu wünschen übrig: Die Radverkehrsinfrastruktur wird zwar an die Straßenplanung „angehängt“, aber nicht als integraler Bestandteil davon gesehen – das spürt man, wenn man durch Warschau radelt. „Das führt zu sehr kurvigen Radwegen und oft zu unnötigen Kollisionspunkten mit dem Fußgängerverkehr. Zudem reichen die Radwege an manchen besonders stark frequentierten Orten nicht mehr aus, um den sommerlichen Radverkehr in der Hauptverkehrszeit zu bewältigen. Aber die Fortschritte, die in den letzten 10 Jahren gemacht wurden, sind enorm“, sagt Rajewski. In Berlin hingegen fühlt er sich auf den Radwegen sicherer. Vergleichen will er die Städte aber nicht.

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Der Autor dieses Artikels, Robert Klages, ist im September und Oktober über das „International Journalists Program“ (IJP) in Polen unterwegs.

  • Fahrrad und Verkehr in Berlin

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