Berlin

Omicron, Long Covid, Psyche: Wie Kinder mit Corona-Infektionen umgehen

Es war ein Balanceakt, der in den vergangenen drei Jahren bewältigt wurde. Kitas und Schulen öffnen oder schließen lassen. Masken- und Testauflagen dort pflegen oder verwerfen. Kinder gegen Sars-CoV-2 impfen lassen oder lieber abwarten.

Die Sorge bei Ärzten, Politikern, Erziehern und Eltern war groß – und nachvollziehbar. Zunächst war nicht bekannt, wie der Verlauf der Covid-Erkrankung bei den Jüngsten verlaufen würde, ob das kindliche Immunsystem mit dem Virus zurechtkäme und ob Kinder wie die Hochbetagten als besonders gefährdet galten. Und einige besorgte Eltern fragen sich immer noch, ob Corona-Infektionen bleibende Schäden hinterlassen könnten. Eine in Radiology veröffentlichte Studie rückt die Jüngsten wieder in den Fokus.

Forscher des Universitätsklinikums Erlangen haben mit einem neuen bildgebenden Verfahren, der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), untersucht, ob und wie sich eine Corona-Infektion auf die Lungenfunktion von Kindern und Jugendlichen auswirkt. Dafür untersuchten sie zwischen August und Dezember 2021 54 Kinder und Jugendliche.

3 Kinder befinden sich bundesweit wegen einer Corona-Infektion auf einer normalen Krankenstation

29 der Teilnehmer mit einem Durchschnittsalter von elf Jahren waren von der Infektion genesen, 25 entwickelten Long Covid, hatten also drei Monate nach der akuten Phase noch unterschiedliche Symptome. Eine Selbsteinschätzung mit Fragebögen ergab, dass die im Schnitt zwölf Jahre alten Long-Covid-Patienten vor allem über Atemnot und Atemnot berichteten.

Das Radiologie- und Pädiatrie-Team untersuchte die Lungen der Kinder und Jugendlichen und verglich die Ergebnisse mit denen von neun gesunden Kindern ohne Vorgeschichte einer Covid-19-Infektion. Die Forscher untersuchten das Ventilations-Perfusions-Verhältnis, also das Verhältnis zwischen Lungenventilation und Blutfluss in der Lunge. Beide Prozesse sind essenziell für die Atmung – und damit die Sauerstoffaufnahme.

Für die Kinder mit Long Covid ermittelte das Team ein Ventilations-Perfusions-Verhältnis von 60 Prozent im Vergleich zu 81 Prozent in der gesunden Kontrollgruppe. Im Vergleich dazu war ihre Sauerstoffaufnahme in der Lunge um fast 20 Prozentpunkte beeinträchtigt. Bei Kindern, die sich von Corona erholt hatten und keine respiratorischen Symptome berichteten, lag das Ventilations-Perfusions-Verhältnis bei 62 Prozent, was einer um 19 Prozentpunkte verschlechterten Sauerstoffaufnahme im Vergleich zu Kindern ohne Corona-Vorgeschichte entspricht.

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Kinder wurden nicht medizinisch untersucht

Allerdings weist die Studie methodische Mängel auf, „die die Interpretation der Daten in einem anderen Licht erscheinen lassen“, sagt Nicolaus Schwerk, Kinderpneumologe an der Medizinischen Hochschule Hannover. „Einerseits werden die vorgebrachten Beschwerden von den Kindern oder ihren Erziehungsberechtigten selbst gemeldet.“ Die Teilnehmer wurden während der Studie mit fMRT-Bildern untersucht.

Symptome wie Atemnot wurden jedoch nicht klinisch, etwa mit zusätzlichen Lungenfunktionstests, überprüft. „Aber genau das wäre interessant gewesen: Ob Kinder, die Symptome melden, auch eine eingeschränkte Lungenfunktion haben und ob in den fMRT-Bildern genau dieser Kinder Auffälligkeiten zu sehen sind“, sagt er. Ein möglicher Zusammenhang kann nicht eindeutig beantwortet werden.

Auch wurden zum Zeitpunkt der fMRT-Aufzeichnungen keine Laboruntersuchungen durchgeführt. „Man weiß also gar nicht, ob die Veränderungen wirklich auf die Corona-Infektion zurückzuführen sind, oder ob die Kinder einen anderen Atemwegsinfekt hatten oder haben“, sagt Schwerk. Auch andere Erreger, die zum Beispiel eine Bronchitis verursachen, könnten das Ventilations-Perfusions-Verhältnis beeinflussen. Die in der Studie beschriebenen Veränderungen könnten möglicherweise auch noch lange nach Atemwegsinfektionen mit anderen Erregern in fMRT-Bildern zu sehen sein.

„Was ist also die Relevanz der in der Studie gesammelten Erkenntnisse?“ fragt der Arzt. Das ist aktuell eine Gefahr bei der Konzeption und Durchführung klinischer Studien mit Kindern nach Covid-19: Man konzentriert sich zu sehr auf Corona und ignoriert andere Erreger, die Atemwegsinfektionen verursachen können. „Insofern nehme ich die Studie zur Kenntnis, würde aber aus den Ergebnissen nicht ableiten, dass bei Kindern und Jugendlichen mit langfristigen Folgeschäden durch Sars-CoV-2 zu rechnen ist.“

Rückblickend auf die vergangenen Jahre sagt Schwerk, dass Kinder, die mit dem Coronavirus infiziert sind, vor allem respiratorische Symptome entwickeln, die in fast allen Fällen nur mild verlaufen, wie Schnupfen oder Husten. „Nur die wenigsten Kinder werden so krank, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen.“ Diese Beobachtung wurde bereits 2019 gemacht, als Delta, die bisher gefährlichste Variante, in Deutschland dominierte.

Ich sehe die psychosozialen Aspekte als viel größere Langzeitschäden für Kinder an als die unmittelbaren organischen Aspekte.

Kinderpneumologe Nicolaus Schwerk

„Im Prinzip blieb die Entwicklung auch während der Omicron-Welle, als Anfang des Jahres die Infektionszahlen in die Höhe schossen, gleich.“ Covid musste natürlich auf der Intensivstation behandelt werden.

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Stand 18.11.2022 befinden sich laut Register bundesweit drei Kinder wegen einer Corona-Erkrankung auf der Normalstation, keines auf der Intensivstation. „So sieht die Situation übrigens auch für gefährdete Kinder noch gut aus“, sagt Schwerk.

Besonders besorgt waren zu Beginn der Corona-Pandemie Kinder mit einer Lungentransplantation. Sie würden viele Risikofaktoren vereinen, etwa ein geschwächtes Immunsystem oder eine eingeschränkte Nierenfunktion.

Schwerk nennt ein Beispiel: Er und seine Kollegen haben während der Pandemie 21 Kinder nach Lungentransplantation mit nachgewiesener Sars-CoV-2-Infektion betreut und deren Daten zum Krankheitsverlauf ausgewertet. „Kein Kind ist ernsthaft an Corona erkrankt. In ganz wenigen Fällen hat sich die Lungenfunktion vorübergehend etwas verschlechtert, diese haben sich aber innerhalb von drei Wochen wieder normalisiert“, sagt der Kinder-Pneumologe. Auch in dieser Risikogruppe macht Sars-CoV-2 kein so großes Problem wie eigentlich befürchtet. „Das muss man nochmal betonen.“

Für künftige Studien wünscht sich der Mediziner eine einheitliche Definition dessen, was Long Covid eigentlich ist. „Es gibt ein britisches, ein internationales, ein deutsches, aber das ist so vage, dass im Prinzip jedes Kind mit oder ohne Corona-Vorgeschichte verschrieben werden kann“, sagt er. Zudem würden in manchen Studien Symptome oft nur mittels Fragebögen erhoben, wie in der Erlanger Studie. Allerdings muss die Lungenfunktion objektivierbar sein, um Vergleiche ziehen zu können.

In einer in „Frontiers of Pediatrics“ veröffentlichten Studie untersuchten Wissenschaftler 73 Kinder etwa zweieinhalb Monate, nachdem sie sich mit dem Coronavirus infiziert hatten. 19 klagten über Langzeitbeschwerden – und acht davon konkret über Atemprobleme. „Die Forscher haben die Lungenfunktion der Kinder gemessen und die Daten mit einer gesunden Kontrollgruppe verglichen. Sie waren völlig identisch“, sagt Schwerk.

Eine im „The Pediatrics Infectious Disease Journal“ veröffentlichte Meta-Analyse hob eine weitere Schwäche der langen Covid-Studien hervor, dass teilweise keine medizinischen Check-ups oder keine Tests durchgeführt werden, wie in der Erlanger Studie, und teilweise auch keine oder zu kleine Kontrollgruppen sollten zum Vergleich herangezogen werden. Dies gilt auch für die Arbeit in „Radiologie“. Neun gesunde Kinder wurden zum Vergleich herangezogen.

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„Es gibt Kinder und Jugendliche, die nach einer Corona-Infektion langanhaltende Symptome haben, das stelle ich überhaupt nicht in Frage“, sagt Schwerk. In der Long-Covid-Sprechstunde in Hannover würden Jugendliche auch berichten, dass sie zum Beispiel beim Sport nicht mehr so ​​fit seien wie früher.

„Ich kann mir vorstellen, dass hier auch gewisse psychologische Aspekte eine Rolle spielen“, sagt Schwerk. Seit 2019 würde man in Angst vor und vor dem Coronavirus leben. Möglicherweise hören Sie mehr auf sich selbst – viel mehr, als Sie es vor der Pandemie getan hätten.

„Das Hauptproblem sind meiner Meinung nach die Nebenwirkungen“, sagt Schwerk. Kinder, die monatelang zu Hause saßen, ihre Freunde nicht sehen durften, keinen Sport machen konnten, Ärger oder Schlimmeres in den eigenen vier Wänden erlebten.

„Ich sehe die psychosozialen Aspekte als viel größere Langzeitschäden für Kinder als die unmittelbaren organischen“, sagt Schwerk. Denn: Beschwerden der Atemwege bei den Jüngsten würden früher oder später in den meisten Fällen von alleine verschwinden.

Der Mediziner hält es für wichtig, sich wieder auf die „alten Viren“ wie RSV oder Influenza zu konzentrieren. Sie würden Kinder viel häufiger und viel tiefer erkranken als Sars-CoV-2. „Wir stellen weltweit fest, dass die Saisonabhängigkeit von Atemwegsviren fast verschwunden ist.“

Früher begann die RSV-Saison zwischen September und November und dauerte bis Februar/März. Die Grippewelle startete im Dezember und wäre bis Ende Februar vorbei gewesen. „Es war relativ einfach vorherzusagen, wann welche Viren auftauchen würden – jetzt scheinen sie das ganze Jahr über umher zu schweben und zur gleichen Zeit aufzutreten“, sagt Schwerk.

Einer der Gründe dafür ist, dass sich Kleinkinder und Kinder durch die Corona-bedingten Einschränkungen nicht angesteckt haben und entweder gar keine Immunität gegen die Atemwegserreger entwickelt oder diese wieder verloren haben. Dies gilt auch für die Grippe. „Wahrscheinlich kommt jetzt eine Welle auf uns zu. Wir müssen abwarten, wie groß sie wird.“

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