Berlin

Neue Töne in Berlin: Warum die Durchsagen in Bus und Bahn jetzt anders klingen

Geimpft, genesen oder getestet? Die veraltete 3G-Ansage lässt Timo Kerssenfischer auf dem U-Bahnsteig zusammenzucken. „Da hat wohl jemand den falschen Knopf gedrückt“, sagt er. Und aufatmen wenig später, am Strausberger Platz: Hier stimmt akustisch alles. Mit neuen Tönen.

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben einen neuen Sound. Und Kerßenfischer, Leiter der Fahrgastinformation, freut sich über die Neuankündigungen. „Bisher hatten wir überall unterschiedliche Aufmerksamkeitstöne, das wollten wir vereinheitlichen“, sagt er, schließlich sind alle Fahrzeuge gleich gelb.

Die bisherigen Töne seien mehr oder weniger zufällig entstanden, sagt er. „Vor vielen, vielen Jahren gab es natürlich CDs mit Gongs drauf, und dann hat man sich für nur eine entschieden. Dahinter steckte nie ein Konzept.“

Der Mensch nimmt kaum einen einzigen Ton wahr.

Matthäus Gross

Seit Mitte Mai hingegen hat jeder Hinweistyp seinen eigenen Dreiklang oder mehr. Vom harmonischen Standardgong vor den Bahnhofsansagen bis zum markanten Dreiklang vor Störmeldungen wurde nichts dem Zufall überlassen.

Die BVG wollte sich einen echten „Markensound“ geben, eine Art Soundlogo, das den bisherigen akustischen „Flickenteppich“ ersetzen sollte. Der neue Sound wird in Filmausschnitten, auf Veranstaltungen und bald in der Warteschlange der 19449-Hotline zu hören sein. Es gibt sogar einen entsprechenden Klingelton – der war aber eher als Gag gedacht, sagt Kerßenfischer.

Neue Töne für Blinde und Schwerhörige

Aber der Hauptgrund für das neue Soundkonzept ist ein anderer: Zugänglichkeit. Das neue Soundkonzept entstand in enger Zusammenarbeit mit der AG Bauen und Verkehr – barrierefrei, die Teil der Senatsverwaltung ist und die wichtigsten Verbände für Menschen mit Behinderung in Berlin vereint.

„Die Geräusche sollen Aufmerksamkeit erregen, aber die Leute nehmen kaum ein Geräusch wahr wie früher. Mindestens zwei müssen es sein, besser noch drei“, erklärt Matthias Groß, der sich bei der BVG um die Belange von Senioren und Menschen mit Behinderung kümmert. „Als blinder Mensch nehme ich zum Beispiel viele Hintergrundgeräusche wahr , daher geht oft ein einzelner Ton verloren.“

Natürlich auch für Schwerhörige. „Gerade im Alter lässt das Hörvermögen oft nach“, sagt Groß. „Manche hören kaum tiefe, manche kaum hohe Töne.“ Deshalb wurde darauf geachtet, wirklich das gesamte tonale Spektrum abzudecken.

Schön ist es am Strausberger Platz. Auf dem U-Bahnsteig ist eine Opernarie zu hören. Auch ein BVG-Projekt, aber ein temporäres. Noch ein paar Monate wollen sie testen, ob die Leute noch lieber mit klassischer Musik unter dem Strausberger Platz sind. Bisher über 90 Prozent Zustimmung, sagt Kerssenfischer.

Siehe auch  Restaurantbewertung 12 Seasons: Ei auf Fenchelcreme, Thunfisch mit Chorizo-Sauce

Was er dann sagt, ist nicht mehr zu verstehen: ein markiges „Bitte bleiben Sie zurück!“ füllt den Tresor. Kerssenfischer lacht. Ja, manche Fahrgäste empfinden die Stimme von Philippa Jarke – seit 2020 ist die Schauspielerin und Synchronsprecherin in Bussen und Bahnen zu hören – als überaus intensiv. Die Stimme hat viele Facetten, sagt Matthias Groß. „Es ist durchdringend, aber auch warm. Vor allem ist es klar und verständlich, und darauf kommt es an.“

Eine kleine Rampensau

Ein Dreiklang erklingt, verstärkt durch die Wiederholung des Motivs eine Oktave höher. „Aufgrund von Bauarbeiten wurde auf der U5 zwischen den Bahnhöfen Kaulsdorf-Nord und Hönow ein Pendelverkehr eingerichtet. Am Cottbuser Platz ist ein Umsteigen erforderlich.“ Kerssenfischer erschrickt, sieht Groß an. „Auf“, murmelt er. Das ist in der Geschäftssprache korrekt, aber für das Laienohr des Passagiers klingt „bin“ besser. An sprachlichen Feinheiten wird noch gearbeitet.

Diese Text-to-Speech-Technik war eigentlich der Ausgangspunkt für das ganze Soundprojekt, sagt Kerssenfischer. Es geht um digitalisierte Prozesse. „Früher musste jede Ansage einzeln im Tonstudio aufgenommen werden“, soll Jarkes digitalisierte Stimme nun alles vorlesen können, was im Depot eingetippt wird.

Und in Zukunft werden Fehler sogar automatisch ausgespielt. Außerdem würden Ansagen nicht jedem gefallen. „Früher musste ich ab und zu was machen“, sagt Kerßenfischer. „Plötzlich hat man Publikum, live. Da muss man schon ein bisschen wie ein Bühnenschwein sein.“

Ein Zug rollt ein. Das zeigt Daisy, das dynamische Informationssystem, das ebenfalls seit einigen Monaten in neuem Design erscheint. Das sagt nicht viel aus, und das ist gut so bei Matthias Groß. „Die Lesbarkeit ist viel besser geworden“, sagt er, es war ein Lernprozess für alle Beteiligten.

„Ich möchte immer so viele Informationen wie möglich auf das Display bringen“, sagt Kerßenfischer, „aber die kurzen, aber präzisen Informationen sind für die Betroffenen wichtig, daran arbeiten wir gemeinsam.“ Wo früher „in x Minuten“ stand, ist jetzt eine viel größere Zahl mit nur einem Strich als Einheitenzeichen für Minuten. Sonst erscheinen nur Linie, Ziel, Wagenlänge. Und das Rollstuhlschild, das anzeigt, ob der Zug barrierefrei ist. Weniger Informationen, mehr Übersicht.

Siehe auch  BSR Mini-Mülltonne: Unser täglicher Dreck am Berliner Badesee

Es gibt wohl kaum Orte, an denen so viele Bedürfnisse gegeneinander abgewogen werden müssen wie im ÖPNV. Manche empfinden zum Beispiel die „eineinhalb Sitze“ in den Straßenbahnen als Platzverschwendung – sie sind eine Erleichterung für übergewichtige Menschen oder solche mit Kindern. Oder die Vielzahl an Bildschirmen, die jede Sitzreihe in neueren U-Bahnen säumen. Auch hier sollte der „Weg“ zur nächsten Anzeige für sehbehinderte Menschen so kurz wie möglich gehalten werden. Aber viele Sehende stören sich daran.

Deshalb, so Kerßenfischer, werde es in den neuen Zügen nur noch halb so viele Bildschirme geben. In der U-Bahn macht Groß eine Handbewegung in Richtung der Off-Stimme, erklärt den neuen Gong vor den Stationsansagen, der extra „harmonisch“ gestaltet wurde. „Erfahrene Passagiere können ihn gedanklich ignorieren und ihr Buch weiterlesen. Aber der neue Dreiklang ist auch viel angenehmer für mich, der darauf angewiesen ist, jede Senderansage zu hören.“

Am Alexanderplatz angekommen, zeigt Kerßenfischer auf die türkisfarbenen Kacheln an den Wänden und Säulen. „Der große Vorteil in Berlin ist, dass jede U-Bahn-Station anders aussieht. Wir Sehenden müssen nur rausschauen, Fliesen in Türkis sehen und wissen, aha, ich bin auf dem Alex.“

Sehbehinderte Menschen sind jedoch auf andere Sinneswahrnehmungen angewiesen. „Wir arbeiten immer nach dem Zwei-Sinne-Prinzip“, sagt Groß. „Dazu gehört das Hören, Sehen, Riechen.“ „Riechen?“ Kerssenfischer lacht. Erinnerungen an die Vergangenheit werden wach, an den unerträglichen Geruch von altem Bratfett in den Zwischengeschossen der U-Bahn-Bahnsteige unter dem Alex. „Das ist ein gutes Beispiel. Wenn ich also Bratfett rieche, weiß ich, dass ich auf Alex stehe“, sagt Groß.

Der Weg nach oben zur Tram wird von einem Leitsystem begleitet, auch die Piktogramme für S- oder Regionalbahn sind größer geworden. Über ein Ortungssignal – wie man es von Ampeln kennt – würden auch Blinde zu einem Knopf kommen, der ihnen dann die Wegbeschreibung vorlesen würde, sagt Groß.

Auch einfache Sprache ist wichtig

Die M6 führt weiter zum Hackeschen Markt. Die Bahnhofsdurchsage ertönt genau in dem Moment, in dem die Straßenbahn mit einem lauten Quietschen rechts in die Spandauer Straße einbiegt. Auch ein Problem, mit dem Sie es zu tun haben. „Momentan werden die Ansagen nach Rollmetern geplant“, erklärt Groß. „Also kommen sie immer mehr oder weniger an der gleichen Stelle an.“

Siehe auch  Mehr Ertrag, besserer Schutz in Trockenzeiten: Wie Bakterien und Pilze Pflanzen und Landwirtschaft helfen

Künftig soll auch das technisch verbessert werden, zunächst wohl bei der U-Bahn, damit die Durchsage nicht mit einer besonders lauten Kurve kollidiert. Zudem sollen die Haltestellen, etwa in Paris, doppelt angesagt werden. Einmal kurz nach der Fahrt, wenn es noch relativ ruhig ist, einmal bei der Ankunft.

„Alle Kleingeld bitte“, fordert Jarke am Hackeschen Markt. Zur Barrierefreiheit gehöre auch Easy Language, erklärt Kerssenfischer: Der Verzicht auf komplizierte Sätze und schwierige Wörter, damit die Informationen auch Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen erreichen. Oder Neu-Berliner, die vielleicht erst zwei Jahre Englischunterricht hatten.

Hier und da sind die Neuansagen vielen noch zu laut. Oder zu leise. Nicht nur deshalb justieren wir das, was mit dem Angebot an BVG-Fahrzeugen nicht so einfach ist, immer wieder neu. Manche U-Bahnen halten mehr als 40 Jahre, Straßenbahnen haben eine Lebensdauer von rund 20 Jahren und Busse sterben nach acht bis zwölf Jahren.

Einige Autos haben eine eigene Nachregulierung, abhängig von den Umgebungsgeräuschen. Bei Bussen läuft das per Software, während Werkstattmitarbeiter jede U-Bahn einzeln aufsuchen müssen, um die neue Stimme mit einer Art Speicherkarte auf ein Ansagegerät vorn im Führerhaus zu laden.

Außerdem gibt es in Berlin kein U-Bahn-Depot, wo ein Mitarbeiter nachts alle Fahrzeuge patrouillieren könnte. Die Autos werden im gesamten Netz geparkt, damit der Betrieb morgens überall zur gleichen Zeit starten kann. „Und immer wieder erleben wir Überraschungen“, sagt Kerssenfischer. Behindertenverbände, Akustikbüro und Tontechniker arbeiten monatelang zusammen, um den einen akustischen Kompromiss zu finden – und dann steckt der Lautsprecher hinter einer Plastikabdeckung und die Durchsage klingt wie ein nicht abgenommener Mund-Nasen-Schutz.

Die Türschließerei ist die gleiche geblieben. Es geht um Sicherheitsrelevanz, die Technische Überwachungsbehörde redet mit – denn Warnhinweise lassen sich nicht einfach ändern.

  • Alexanderplatz
  • BVG
  • Center

Kommentar verfassen

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"

Adblock erkannt!

Adblocker speichern und verwenden Ihre personenbezogenen Daten und verkaufen diese u.U. an Dritte weiter. Schalten Sie in Ihrem und unserem Interesse den Adblocker aus. Keine Angst, wir verwenden keine Popups oder Umleitungen. Ein paar kleine, unauffällige Banner finanzieren uns einen Kaffee. Sonst gibt's hier keine Werbung.