Berlin

„Meine Eltern hätten sterben können“: Linken-Politiker Kocak berichtet über den Brandanschlag im Neuköllner Komitee

Betroffene wurden am Freitag im Untersuchungsausschuss zur rechtsextremen Anschlagsserie in Neukölln erneut angehört, darunter auch der Linken-Politiker Ferat Kocak. Zuvor hatte es Debatten um Kocaks Doppelrolle als Opfer, Zeuge und stellvertretendes Mitglied des Komitees gegeben.

In der Nacht zum 1. Februar 2018 wurde auf Kocak ein Brandanschlag verübt: Sein Auto wurde angeblich von Rechtsextremisten in Brand gesteckt, während es in einem Carport direkt neben dem Haus seiner Eltern geparkt war. Wie sich später herausstellte, griff das Feuer nur knapp auf die angrenzende Gasleitung und das Haus über.

Kocak, der das Feuer in dieser Nacht entdeckte, sagte im Ausschuss: „Meine Eltern hätten sterben können, weil ich mich politisch gegen rechts engagiere.“

Zu Beginn der Vernehmung betonte der Ausschussvorsitzende Florian Dörstelmann (SPD) noch einmal, dass Kocak als Privatperson und nicht als Abgeordneter vernommen werde – und daher keine Entschädigung, also Sicherheit vor Strafverfolgung, für seine Aussagen gelte diese Rolle.

Auch Kocak selbst verwies darauf und bat die anderen Abgeordneten in dieser Funktion, einem Wunsch der Betroffenen nachzukommen: Sie hatten am Donnerstag in einem offenen Brief darum gebeten, dass Presse und Öffentlichkeit die Sitzung im selben Raum wie die Abgeordneten verfolgen können Abgeordnete.

Aufgrund der Pandemie muss die Öffentlichkeit den Ausschuss derzeit per Livestream aus einem anderen Raum des Abgeordnetenhauses verfolgen. Kocak sagte, dass die Tatsache, dass die Zeugen den Abgeordneten allein gegenübersitzen mussten, angesichts der retraumatisierenden Wirkung der Beschreibungen psychologisch nicht zumutbar sei.

Kritik an Ermittlungsbehörden

In seinen Aussagen kritisierte er die Ermittlungsbehörden. Es habe viele Gespräche gegeben und auch die Betreuung durch die Kontaktoffiziere des sogenannten „OG Rex“ sei gut gewesen. „Sobald ich eine Frage gestellt habe, bin ich gegen eine Wand gelaufen“, sagte Kocak.

Siehe auch  Der Berliner Senat prüft die Lieferdienste: Als „Katja“ mit dem Lagetsi-Prüfer vor der Tür steht

Er beschrieb auch einen großen Vertrauensverlust in die Behörden, da er sowohl im Vorfeld des Anschlags – als dem Verfassungsschutz bereits Hinweise vorlagen, dass ihn zwei mutmaßliche Neonazis intensiv ausspionierten – als auch Als später ein Drohbrief des rechtsextremen sogenannten „NSU 2.0“ an das Berliner Landeskriminalamt ging, sei nicht gewarnt worden. „Es gab viele Schattenseiten, aber es gab auch Sonnenschein, als in wenigen Augenblicken die Pflege da war, die ich brauchte“, sagte Kocak.

Kocak äußerte auch scharfe Kritik an der AfD-Bundestagsfraktion, die Mitglied des Ausschusses ist. Kocak sagte dem AfD-Abgeordneten Antonin Brousek: „Es macht mir Angst, dass ich als Opfer einer rechtsextremen Anschlagsserie nun von Vertretern einer Partei mit Faschisten in ihren Reihen verhört werde.“ Er verwies auf mögliche Verbindungen zu einem der beiden Hauptverdächtigen der Anschlagsserie, Tilo P. Er war zum Zeitpunkt des Anschlags Beisitzer im Kreisvorstand der AfD Neukölln.

Er dankte insbesondere auch Opferberatungsstellen wie „Reachout“ und „OPRA“, die Opfer rechter Gewalt psychologisch unterstützen. „Ohne ihre Arbeit würde ich heute nicht hier sitzen“, sagte Kocak. „Das Problem ist, dass die Bilder heute noch sehr lebendig sind“, beschrieb er und bezog sich dabei insbesondere auf die Schuldgefühle gegenüber seinen Eltern.

Der Gewerkschafter Fendt hatte vor dem Brandanschlag gegen die NPD demonstriert

Am Nachmittag wurde der Gewerkschafter Deflef Fendt vernommen, auf dessen Auto im Januar 2017 ein Brandanschlag verübt worden war. Fendt beschrieb, dass er bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus 2016 mit anderen Gewerkschaftern gegen einen NPD-Infostand demonstriert habe. Dort hatte er auch sein Auto abgestellt, das wenige Wochen später dann Feuer fing.

Siehe auch  Restaurantbewertung 12 Seasons: Ei auf Fenchelcreme, Thunfisch mit Chorizo-Sauce

Fendt schilderte, wie ihn der Umgang mit den Polizisten teilweise erschüttert habe. Nach dem Brandanschlag auf sein Auto habe ihm ein Beamter gesagt, er solle sich nicht wundern, dass sein Auto in Brand gesteckt worden sei. Außerdem suggerierte ein Beamter, man müsse vorsichtig sein und fragte ihn: „Herr Fendt, seit wann stören Sie NPD-Veranstaltungen?“

Ich lebe mit dem Gedanken, dass ich beobachtet werde. Sie erinnern mich regelmäßig daran, dass sie noch da sind.

Detlef Fendt, Opfer der Anschlagsserie

Die Kommunikation mit der Polizei bezeichnete er insgesamt als schwierig, zudem sei ihm nie konkret mitgeteilt worden, dass es sich bei dem Angriff auf ihn vermutlich um einen rechtsextremen Angriff gehandelt habe. Später erhielt er einen Hinweis aus Polizeikreisen, dass es zwei Wochen vor dem Brandanschlag eine Anfrage für den Besitzer seines Autos gegeben habe. Aber er ging dem Tipp nie nach.

Fendt beschrieb auch, dass die Folgen des Angriffs noch nachwirkten. Bis heute hat er regelmäßig Aufkleber rechter Gruppierungen am Gartenzaun oder am neuen Auto, erst kürzlich brannte ein Auto vor dem Haus einer jüdischen Familie in unmittelbarer Nähe. Fendt sagte: „Ich lebe mit dem Gedanken, dass ich beobachtet werde. Sie erinnern mich regelmäßig daran, dass sie noch da sind.“

Der Untersuchungsausschuss soll mögliche Pannen und Ermittlungsfehler bei einer rechtsextremen Anschlagsserie in Neukölln aufdecken. Diese Reihe umfasst 72 rechte Straftaten seit 2013, darunter 23 Brandanschläge. Die beiden Hauptverdächtigen, der ehemalige NPD-Kreisvorsitzende Sebastian T. und der ehemalige AfD-Kreisvorsitzende Tilo P., stehen derzeit wegen einiger Vorfälle vor Gericht.

  • Neukölln

Kommentar verfassen

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"

Adblock erkannt!

Adblocker speichern und verwenden Ihre personenbezogenen Daten und verkaufen diese u.U. an Dritte weiter. Schalten Sie in Ihrem und unserem Interesse den Adblocker aus. Keine Angst, wir verwenden keine Popups oder Umleitungen. Ein paar kleine, unauffällige Banner finanzieren uns einen Kaffee. Sonst gibt's hier keine Werbung.