Berlin

„Mama, Papa, mir ist langweilig“: Wenn das Kind nicht alleine beschäftigt ist

Den Kindern wurden drei Bücher vorgelesen und gemeinsam gekocht. Sie haben bereits ein Lego-Schloss gebaut, zwei Bilder gemalt und mit Bügelperlen gebügelt. Trotzdem stehen sie kurz darauf vor einem mit dem unvermeidlichen Sonntagnachmittagssatz: „Mama, mir ist langweilig. Was kann ich tun?“

„Kind, es ist nicht so, dass ich dich nicht verstehe“, denkst du als Mutter oder Vater. Die meisten Eltern können sich noch an die endlosen, verregneten Wochenendnachmittage ihrer Kindheit erinnern. Jedes Spiel war gespielt, alle Bänder schon gehört. Die Eltern saßen auf dem Sofa und wollten in Ruhe lesen. Und Sie selbst waren in dieser klebrigen Blase der Langeweile gefangen, in der die Zeit einfach nicht verging.

Heute liest das Kind von damals lieber auf dem Sofa. Schließlich hat die Familie an Tagen wie diesen meistens etwas gemeinsam unternommen. Doch wenn das Kind mit Dackelblick vor einem steht und den Satz sagt, sind viele Eltern etwas ratlos. Sie könnten Vorschläge machen. „Holen Sie die Magnetbausteine ​​wieder raus.“ „Knete ein paar Bäume für die Schlingpflanzen“.

Aber sollten sie? Schließlich liest man immer wieder, dass Langeweile angeblich gut für Kinder sei, damit sie selbst auf Ideen kommen. Wie gehen Eltern am besten mit der Langeweile ihrer Kinder um?

Eltern sollten keine Entertainer sein

„Meiner Erfahrung nach ist es nicht gut, wenn Eltern die alleinigen Unterhalter ihrer Sprösslinge werden. Kinder können wunderbar alleine sein, aber manchmal muss man sie dazu zwingen, glücklich zu sein“, sagt Danielle Graf, Bloggerin und Autorin (The Most Wunschkind aller Zeiten). „Wir sollten gelangweilten Kindern nicht immer Jobs vorschlagen. Langeweile muss erst einmal ausgehalten werden, damit sie sich in Fantasie und Kreativität verwandeln kann. Was dabei herauskommt, ist oft überraschend, manchmal chaotisch, aber immer spannend für alle Beteiligten. Wenn also meine Kinder sagen: „Mir ist langweilig!“, antworte ich: „Toll! Langeweile ist total gesund!’“

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Doch oft reicht es nicht, nur zu sagen: „Entscheide dich selbst. Langeweile ist nichts Schlechtes.“ So manches Kind schnappt sich dann einen Ball und knallt ihn gegen die Wohnzimmerwand oder sagt einfach immer wieder: „Aber ich will doch nicht alleine spielen.“ In einer Endlosschleife. Na und?

Die älteren Kinder langweilen sich oft in der Kita

„Wenn sich die Kinder hier langweilen, haben wir andere Strategien“, sagt Susanne Heimrod, Lehrerin im Kinderladen der Berliner Elterninitiative im Schillerpark. „Manch einer kommt mit einer kurzen Frage („Was würde dir jetzt am meisten Spaß machen?“) schnell auf eigene Ideen. Anderen hilft eine Ideenbox mit Spielangeboten. Es kommt auch vor, dass gelangweilte Kinder andere beim Spiel stören. Wir greifen früh ein und versuchen das Kind in das Spiel zu integrieren oder ihm ein anderes Angebot zu machen. Trotzdem kommen wir Erzieherinnen und Erzieher nicht einfach bei jedem „Mir ist langweilig“ mit einer Idee um die Ecke. Langeweile kann wichtig sein, um kreativ zu werden. In solchen Momenten spüren Kinder, was sie eigentlich wollen.

Das ist ihnen in einem komplett durchgeplanten Alltag oft nicht möglich. Oft sind es gerade die älteren Kinder, die kurz vor der Einschulung mit Langeweile zu kämpfen haben. Dann funktionieren Dinge gut, die sie selbstständig erledigen können oder die sie körperlich fordern. Manchmal bitte ich die Großen gezielt um Hilfe. Wir haben zum Beispiel gerade ein Kind, das sehr gerne beim Abwasch hilft und hinterher immer sehr glücklich wirkt. Aber ich muss zugeben, dass ich meine eigene Enkelin kaum langweile, wenn sie mich besucht. Die kurze Zeit, die wir zusammen haben, soll ihr einfach gut tun.“

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Langeweile führt nicht zwangsläufig zu etwas Kreativem

„Langeweile ertragen zu müssen, wäre paradox – die Evolution hat sie genau dazu gebracht, damit wir etwas anderes, Relevantes und Erfüllendes für uns tun können“, sagt Thomas Götz, Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Wien. „Langeweile ist immer ein Signal dafür, dass das, was wir tun, entweder zu einfach, zu schwierig oder inhaltlich nicht erfüllend ist. Das gilt für Menschen jeden Alters und es gibt viele wissenschaftliche Erkenntnisse.

Langeweile wird oft romantisiert.

Thomas Götz, Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Wien

Langeweile wird oft so romantisiert, als würde daraus immer etwas Kreatives entstehen. Aber das ist falsch. Zahlreiche Studien belegen, dass Langeweile meist zu negativen Verhaltensweisen und Erfahrungen führt. Sie geht einher mit kriminellen Handlungen, ungesunder Ernährung, Suchtmittelkonsum und vermindertem Wohlbefinden. Täter antworten oft auf die Frage, warum sie eine Tat begangen haben: „Aus Langeweile“.

In der Schule haben Hunderte von Studien gezeigt, dass Langeweile zu schlechten Noten führt. Dies gilt auch für das Studium. Langeweile führt nur in ganz bestimmten Fällen zu Kreativität – wenn jemand unterfordert und gleichzeitig motiviert ist, etwas zu schaffen.

Da Langeweile ein Motor für Neues sein kann, ist es sehr sinnvoll, diese Motivation in gute Bahnen zu lenken, indem man beispielsweise dem gelangweilten Kind einen Job vorschlägt. Jeden Anflug von Langeweile sollte man jedoch nicht angespannt verhindern. Es ist normal, hin und wieder ein wenig Langeweile zu verspüren. Wenn sich ein Kind jedoch oft und intensiv langweilt, sprechen Sie darüber und entwickeln Sie gemeinsam Ideen. Dabei kann auch Langeweile ein wichtiger Impulsgeber sein und zu einem wertvollen Dialog zwischen Eltern und Kind führen.

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Tadeln Sie das Kind nicht dafür

„Langeweile kann uns und andere stark belasten, ist aber nichts Schlimmes“, sagt Stephan Rudolph, Familientherapeut und Familylab-Berater. „Wenn mein Sohn mit dem Satz ‚Papa, mir ist langweilig‘ zu mir kommt, kann ich selbst entscheiden, wie ich reagiere Ich, du musst jetzt ohne mich auskommen.“ Es gibt tausend Möglichkeiten, der Schlüssel ist, ehrlich und authentisch zu sein.

Dazu muss der Elternteil zuerst in sich spüren, was er wirklich will. Der Satz ist auch ein Kontaktangebot. Zeigt der Elternteil, dass er das Kind wahrnimmt und ernst nimmt und im Rahmen seiner Möglichkeiten auf seine Anliegen eingeht, wird das Vertrauen des Kindes gestärkt. Und lehrt das Kind, selbst ehrlich sein zu dürfen. Diese authentische Form der Kommunikation schafft mehr Verbundenheit, als ein Kind dafür zu schelten, dass es den Erwachsenen mit seiner Langeweile belastet.“

Wie wäre es mit dem Leeren der Spülmaschine?

„Wir haben im Flur einen Zettel mit der Überschrift ‚Tablet-Alternativen‘ hängen“, sagt Nicola Schmidt, Wissenschaftsjournalistin, Autorin und Gründerin des artgerechten Projekts. „Meine Kinder und ich haben dort Aktivitäten gesammelt, denen sie bei Langeweile nachgehen können, anstatt auf dem Tablet zu spielen oder fernzusehen.

Die Liste hat sich als sehr nützlich erwiesen und hilft ihnen oft aus der Langeweile heraus. Wenn das nicht klappt und meine Kinder mit dem Satz „Mama, mir ist langweilig“ vor mir stehen, habe ich viele Ideen: „Wunderbar, die Spülmaschine muss noch ausgeräumt werden“ sage ich oder „Toll, ja lieber saugen oder die wäsche aufhängen?‘ Seitdem ist Langeweile bei uns kaum noch ein Thema.“

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