Berlin

Kindesmissbrauch im Angelverein: „So etwas passiert leider öfter“

Der Fall sorgte für Erschütterungen im Berliner Fischereiverband: Ein Jugendbetreuer, 49 Jahre alt, seit Ewigkeiten ehrenamtlich aktiv, anerkannt und beliebt, soll sechs Jungen aus seinem Verein sexuell missbraucht haben. Es geht um Hunderte von Aktionen im Laufe der Jahre. Der Verdächtige bestreitet den Missbrauch und spricht von einer Verschwörung. In der 17. Folge des Tagesspiegel-Podcasts „Tatort Berlin“ geht es um ein Verbrechen, mit dem viele Hörer mehr zu tun haben könnten als mit jedem Mordfall. Oberstaatsanwalt Sebastian Büchner berichtet als Studiogast, wie der Fall des Fischervereins gelöst wurde. Hier gibt er einen Einblick in die Arbeit der Abteilungen für Sexualstrafrecht und erzählt, wie es den Staatsanwälten gelingt, nicht an ihrem Job zu verzweifeln.

Herr Büchner, als Sie das erste Mal vom Jugendleiter im Fischerverein hörten, dachten Sie: typisch?
Ich würde mich freuen, wenn ich sagen könnte, dass diese Konstellation eine absolute Ausnahme wäre. Aber so etwas passiert tatsächlich häufiger in Sportvereinen, auch mit mehreren Betroffenen und über die Jahre hinweg.

Über unseren neusten Podcast-Fall, das Leben des mutmaßlichen Täters, seine Opfer und den Verlauf der Ermittlungen wollen wir nicht zu viel verraten – nur ganz kurz: Aus was für Familien stammten die Kinder, die den Jugendwart beschuldigten Missbrauch?
Sie stammten aus normalen, bürgerlichen und scheinbar intakten Familien. Die Eltern gingen davon aus, dass sie ihren Jungs einen Gefallen tun würden, wenn sie die Kinder ihre Freizeit im Fischerverein verbringen ließen.

Die Jungen reagierten dann mit großer Betroffenheit auf die Ereignisse zu Hause. Können Sie Eltern verstehen, die ihren Kindern die Tortur der Strafverfolgung ersparen wollen?
Natürlich muss man aufpassen, dass ein kindlicher Zeuge nicht ein zweites Mal durch das Strafverfahren traumatisiert wird, aber in Sachen kindgerechter Justiz hat sich gerade in Berlin in den letzten Jahren viel getan.

Zum Beispiel?
So haben wir zum Beispiel die Möglichkeit, die Kinder mit einer Videoaufzeichnung zu Beginn des Strafverfahrens zu vernehmen. Das hat sich oft als absolut heilsam und gut erwiesen. Nachdem 2019 das sogenannte Childhood-Haus in der Charité als Pilotprojekt eröffnet wurde, bleibt den jungen Zeitzeugen die Odyssee durch die Behörden bestenfalls erspart. Hier sollten alle zum Kind kommen: die Polizei, die Gerichtsmedizin, der Untersuchungsrichter…

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Auch die sechs Jungen im Fischer-Fall wurden von einem Richter per Video verhört, damit sie nicht noch einmal vor Gericht aussagen müssten.
Ein weiterer Vorteil ist, dass wir so die Aussage des Kindes schnell absichern können, bevor sich Vergessenseffekte einstellen oder Details ungewollt hinzugefügt werden, weil das Gedächtnis des Kindes noch nicht voll entwickelt ist.

Da Kinder so empfänglich für Suggestionen sind, dürfen sie nicht gleich im Nachhinein mit der Therapie beginnen?
Wenn ein sofortiger Therapiebeginn zwingend erforderlich ist, hat das natürlich Vorrang vor einer strafrechtlichen Verfolgung. Eine unterstützende Therapie ist in der Regel unproblematisch. Aber bei der psychologischen Aufarbeitung der Straftat könnte es ein Problem mit der Glaubwürdigkeit der Aussage geben, weil die Gefahr der Verfälschung und Andeutung besteht.

Bis Zeugen vor Gericht aussagen können, vergehen in der Regel viele Monate. Monate, in denen das Opfer den Angriff nicht verarbeiten kann.
Beim Einsatz von Videotechnik wird das Opfer, wenn alles gut geht, vier bis sechs Wochen nach Anzeige der Straftat befragt. Dann ist die Sache für das Kind bestenfalls erledigt. Es kann sich wieder seinem Leben und seinen Hobbys zuwenden. Es kann versuchen, zu vergessen. Bei Bedarf kann therapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden und die Heilung kann beginnen.

600Fälle herausgegeben von jedem Abteilungsleiter pro Jahr

Bei der Staatsanwaltschaft Berlin arbeiten 15 Abteilungsleiter in der Abteilung für Sexualdelikte. Wie viele Fälle kommen jeweils pro Jahr auf den Tisch?
Ich schätze 600 bis 700.

Das sind fast 14 pro Woche! Wie es geht?
Das sind nicht alle Ermittlungen so umfangreich wie im Fall des Fischervereins, sondern umfassen die ganze Bandbreite der Sexualdelikte. Bei Verfahren wegen nachgewiesenen sexuellen Missbrauchs, also sogenannter Kinderpornografie, ist die Anklage beispielsweise schnell geschrieben. Auch bei sexueller Belästigung ist es meist ein recht schlankes Verfahren, das mit einem Strafbefehl endet.

Kann dich schon irgendeine sexuelle Vorliebe überraschen?
Wenn es um Erwachsene geht, kann uns nichts wirklich erschüttern, weil wir wahrscheinlich jede sexuelle Spielart, jeden Fetisch zu Protokoll hatten. Bei Erwachsenen kümmert sich die Staatsanwaltschaft nur darum, ob es einvernehmlich ist oder nicht. Wenn es nicht einvernehmlich ist, dann ist es strafbar, dann greifen wir ein. Aber wenn es einvernehmlich ist: na und? Dann ist es uns auch egal.

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Gibt es Abteilungsleiter, die allein für Opfer im Kindesalter zuständig sind?
Als wir eine zweite Abteilung gründeten, haben wir eine solche Spezialisierung diskutiert, uns aber dagegen entschieden. Wir waren uns alle einig, dass wir es gemischt halten möchten.

Wieso den?
So schrecklich die Verbrechen für die Opfer auch sind, für uns als Staatsanwälte ist es fast schon angenehm, wenn wir zwischendurch einen rechtlich einfachen Fall auf dem Tisch haben und uns nicht ständig mit Missbrauchserfahrungen durch Kinder und Jugendliche auseinandersetzen müssen.

Wie belastend sind solche Verfahren für die Ermittler?
Die Arbeit hinterlässt Spuren. Nachdem ich die Abteilung verlassen hatte…

Aussage gegen Aussage ist grundsätzlich kein Hinderungsgrund.

Oberstaatsanwalt Sebastian Büchner

… Sie sind jetzt Sprecher der Staatsanwaltschaft.
Erst nach dem Wechsel habe ich gemerkt, dass ich ständig unter Druck stand. Bei Sexualdelikten hat man immer das Problem, dass viele Verfahren eingestellt werden, weil es keine ausreichenden Beweise für eine Anklage gibt. Das gefällt mir als Staatsanwalt natürlich nicht. Gerade bei Straftaten gegen Kinder und Jugendliche sehen Sie sich in der Verantwortung und setzen alles daran, das Beste aus ihnen herauszuholen.

Dass Sportvereine Pädophile anziehen, ist seit Jahren bekannt. Warum bekommen Sie immer wieder solche Fälle auf den Tisch?
Eltern, Lehrer, Trainer und Therapeuten müssen weiterhin durch Initiativen und Schulungen sensibilisiert werden, um frühe Anzeichen erkennen zu können. Diese Signale sind bei Kindern und Jugendlichen nicht immer leicht zu erkennen. Dies kann eine Störung des Kindes oder Jugendlichen sein, wenn es vom Training nach Hause kommt. Das kann ein Rückzug sein, die Kinder werden dann immer stiller. Aggressionen können aber auch plötzlich ausbrechen. Diese Stimmungsschwankungen können natürlich auch ganz andere Ursachen haben. Für Pflegekräfte ist es schwierig, diese Reaktionen immer richtig einzuordnen.

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90Prozent der Taten bleiben unentdeckt

Bei Sexualdelikten steht oft Aussage gegen Aussage. Welche Chance haben Sie als Staatsanwalt, den Täter zu überführen, wenn keine körperlichen Spuren vorhanden sind?
Aussage gegen Aussage ist grundsätzlich kein Hinderungsgrund. Das haben wir in vielen Konstellationen, bei Erwachsenen und Kindern. Es gibt immer wieder Hinweise, warum ich einer Seite mehr glauben sollte als der anderen. Auch wenn wir keine weiteren objektiven Spuren haben, gibt es Möglichkeiten, mit Hilfe der Aussagepsychologie herauszufinden, ob eine Aussage tatsächlich unserer eigenen Erfahrung entspricht.

Es wird geschätzt, dass 90 Prozent der Sexualdelikte von Erwachsenen nicht angezeigt werden. Dieselben Experten befürchten, dass die Dunkelziffer bei Kindern und Jugendlichen noch höher sein könnte. Warum gibt es keine gesetzliche Verpflichtung, Missbrauchsverdacht zu melden?
Die Anzeigepflicht gilt nur für besonders schwere Straftaten. Dazu gehören Mord, Totschlag, Raub und Erpressung.

Ich kenne auch Kollegen hier im Unternehmen, die diesen Job in ihrem Leben nicht machen wollen würden. Das betrifft für mich zum Beispiel das Steuerstrafrecht.

Oberstaatsanwalt Sebastian Büchner

Nicht einmal Lehrer, Sozialarbeiter oder Jugendhelfer müssen einen Sexualstraftäter anzeigen?
Nicht einmal staatliche Stellen wie Familiengerichte. Das System in Deutschland ist darauf ausgelegt, immer zu versuchen, die Familie zu erhalten. Bevor Jugend- oder Sozialarbeiter wegen eines bloßen Verdachts Anzeige erstatten und Gefahr laufen, jegliches Vertrauen in die Familien zu verlieren, werden sie zunächst versuchen, das Problem mit den Möglichkeiten der Jugendhilfe zu lösen. Zum Beispiel durch mehr Kontrolle oder Therapie.

Braucht man eigentlich ein bestimmtes Gen, um seinen Job durchzuhalten?
Die Frage kommt öfter, aber wir haben die Antwort selbst noch nicht gefunden. Einerseits liegt es wahrscheinlich daran, dass es sich um eine sinnvolle Tätigkeit handelt. Andererseits haben wir so viele Verfahren auf dem Tisch, dass die persönliche Wahrnehmung mit der Zeit zurückgeht und eine fachliche Distanz aufgebaut wird. Aber tatsächlich scheint auch die Veranlagung eine Rolle zu spielen. Ich kenne auch Kollegen hier im Unternehmen, die diesen Job in ihrem Leben nicht machen wollen würden. Das betrifft für mich zum Beispiel das Steuerstrafrecht.

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