Berlin

Gesellschaftliche Teilhabe neu gedacht: In Berlin-Neukölln entsteht ein Wohnprojekt für Obdachlose

Ein ganzes Haus für Obdachlose – und ein niederschwelliger Ansatz zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft. So in etwa lässt sich die Idee des „Tee- und Wärmeraum Plus“ zusammenfassen, der an der Ecke Schillerpromenade/Allerstraße entstehen soll. Die Fläche neben der Evangelischen Schule wird noch immer nur als Parkplatz genutzt, aktuell parkt hier ein Wohnwagen für ein Nachbarschaftsprojekt.

Geht es nach den Plänen des Diakoniewerks Simeon, einer Einrichtung des Evangelischen Kirchenkreises Neukölln, soll sich das bald ändern: Ein drei- bis vierstöckiges Gebäude soll 16 Wohnungen für ehemals obdachlose Menschen beherbergen, dazu Waschräume, eine Großküche und die vorheriger Tee- und Wärmeraum.

Seit 1984 steht es nur wenige hundert Meter entfernt in der Weisestraße. Sie sei dort als Treffpunkt für etwa 30 Obdachlose gegründet worden, sagt Thomas de Vachroi, der Armutsbeauftragte des Evangelischen Kirchenkreises. Aufgrund der hohen Nachfrage versorgt die Stube derzeit täglich bis zu 80 Personen mit Kleidung, einer warmen Mahlzeit und dem Nötigsten.

Auch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter beraten und unterstützen Menschen. „Menschen werden derzeit tagsüber betreut und verschwinden dann nachts woanders“, sagt de Vachroi. Im neuen Projekt sind die Menschen und ihre Ansprechpartner (fast) dauerhaft vor Ort und können viel intensiver betreut werden.

Oliver Unglaube, Geschäftsführer des Diakoniewerks Simeon, spricht von einem „Leuchtturmprojekt“ und einem bislang in Berlin einzigartigen niederschwelligen Ansatz. Ziel ist es, Menschen durch enge Betreuung wieder „wohnfähig“ zu machen, dh ihnen zu helfen, wieder in einer Wohnung zu leben. Mittelfristig sollen sie dann in eine richtige Wohnung ziehen. „Aber klar ist: Wir schmeißen hier niemanden raus“, sagt de Vachroi. Teilweise würden die Menschen sicherlich jahrelang in einem der 16 Micro-Apartments wohnen, zumal die Situation auf dem Wohnungsmarkt auch eine Unterbringung erschwert.

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Im Haus soll es eine Etage für Männer und eine für Frauen geben, die im obersten Stockwerk als Schutzbereich ausgelegt ist. Vor allem obdachlose Frauen sind vielen Schikanen und Drohungen ausgesetzt. Dafür will das Diakoniewerk mit der Neuköllner Notunterkunft „Eva’s Obdach“ zusammenarbeiten, die sich speziell an Frauen richtet.

Das Projekt basiert unter anderem auf der Idee von „Housing First“: Das Konzept soll verhindern, dass Menschen in eine dauerhafte Wohnungslosigkeit abrutschen – indem ihnen im ersten Schritt ein regulärer Mietvertrag ermöglicht wird. Alle weiteren Unterstützungsangebote und Beratungen folgen erst im zweiten Schritt. Denn die Theorie geht davon aus, dass Menschen erst eine stabile Lebensgrundlage und einen Rückzugsort – mit eigenem Schlüssel und Namensschild – brauchen, um im eigenen Leben Halt zu finden.

Die Leute bekommen ihren eigenen Schlüssel – und ein Namensschild

Jede Wohnung wird ein eigenes Bad und eine kleine Küche haben. Alle Wohnungen sind gleich ausgestattet, um eine gewisse Gleichberechtigung der Menschen zu schaffen. Auch Hunde, die in vielen Notunterkünften nicht erlaubt sind, können mit in die Wohnung genommen werden. Zwei weitere Wohnungen im Haus sollen für akute Notfälle zur Verfügung stehen: wenn Menschen sehr kurzfristig einen Schlafplatz brauchen und keine Zeit haben, auf eines der Mikro-Apartments zu warten. Die Notwohnungen sollen jeweils zwei Schlafplätze für Männer und Frauen haben.

Die Idee entstand, als klar war, dass der Tee- und Wärmeraum neuen Platz braucht: Der Mietvertrag für die bisherige Ladenwohnung läuft Ende 2024 aus. „Wir wollten nicht nur neue Räume, wir wollten das Projekt weiterentwickeln “, sagt Marion Timm, ebenfalls Geschäftsführerin des Diakoniewerks.

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Das Gelände wurde vom Evangelischen Kirchenkreis zur Verfügung gestellt, der das Haus auch bauen und teilweise finanzieren wird. Die restlichen Mittel – die drei rechnen mit Kosten von rund vier Millionen Euro für den Neubau – kommen teils vom Landkreis, teils aus Spenden. „Außerdem wird es eine Herausforderung, den laufenden Betrieb langfristig zu finanzieren“, sagt Timm.

Idealerweise soll das Haus bis Ende 2024 bezugsfertig sein – genau dann, wenn die Tee- und Wärmestube umziehen muss. Derzeit laufen die Vorplanungen für die Bauarbeiten, genaue Zeitpläne gibt es aber noch nicht. Timm, de Vachroi und Unglaube sind optimistisch, dass der Zeitrahmen eingehalten werden kann. „Wir haben eine gute Verbindung nach oben“, sagt de Vachroi, zeigt mit dem Finger gen Himmel und lacht.

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