Berlin

Es muss nicht immer Bio sein: Ein Brandenburger Landwirt zeigt der Lebensmittelindustrie, wie es besser geht

Im Leben von Ralf Remmert dreht sich viel um Schwänze. Lockenschwänze, um genau zu sein. Der Bauer möchte, dass seine Schweine ihre Krausschwänze behalten. Das ist nicht üblich.

In Massenfarmen wird den Ferkeln der Schwanz abgeschnitten. Obwohl dies eigentlich verboten ist, wird es toleriert, um Verletzungen zu vermeiden. Das passiert, wenn sich die Tiere in ihren beengten Boxen stressbedingt gegenseitig die Schwänze abbeißen.

Bei Remmert passiert das nicht. „Wir haben das Problem im Griff“, sagt er. Cropping hält er für grundsätzlich falsch. „Man nimmt den Zeiger für das Wohl der Tiere weg“, sagt der Bauer. Denn der Schwanz zeigt, wie es dem Tier geht. Geht es dem Ringelschwanz gut, geht es dem Schwein auch gut.

Überhaupt ist im Remmerts Hof in der Prignitz vieles anders. Er feilt seinen Ferkeln nicht die Zähne ab und belässt den männlichen Tieren ihre Männlichkeit, sie dürfen als Eber aufwachsen.

Nicht Bio, aber trotzdem Vorreiter

Auch wenn die Prignitzer Landschwein GmbH kein Bio-Bauernhof ist – Platz für Auslauf fehlt – ist Remmert dennoch Vorreiter. Sie zeigt, dass in der Schweinehaltung mehr Tierwohl möglich ist, als viele sagen. Als er 2006 den heruntergekommenen Hof in Neudorf übernahm, war für ihn schon klar: „Ich wollte keine Manipulation am Tier“, sagt der Bauer. Aber das ist eine Herausforderung, besonders wenn man wie er Tausende von Tieren hält.

Schweine sind intelligent, gesellig und haben Bedürfnisse. „Man muss in Tieren denken“, sagt Remmert.

Damit Wildschweine keinen Ebergeruch produzieren und die Schweine schmusen statt beißen, muss man ihnen Stress ersparen. Remmert denkt, tüftelt, baut Versuchsställe mit unterschiedlichen Zonen.

Der Liegebereich bekommt eine Fußbodenheizung, die Schweinetoilette am anderen Ende der Box wird regelmäßig entsorgt, Haferflocken, Rüben oder Silage werden auf den Boden geworfen, damit die Schweine ihr Futter selbst suchen können.
Derzeit entsteht ein neuer, großer Stall, in dem die Sauen mit ihren Ferkeln leben können – ohne die verpönten Boxen, in denen die Muttertiere sonst eingesperrt sind. „Ein Schwein hat mehr Emotionen als Angst und Hunger“, sagt Remmert. Ferkel haben Trennungsangst.

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Künftig dürfen sie während der sechs Lebensmonate bei ihren Geschwistern im Geburtsstall bleiben. Besucher können die Tiere von einer Galerie aus betrachten.

Zu den ersten Gästen gehört Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Anfang April will der Minister den Musterstall besichtigen.

Neue Ställe kosten Geld

Aber neue Ställe kosten Geld. Und das war früher knapp. 2018 erhielten Schweinehalter bei den großen Schlachthofbetreibern wie Tönnies, Vion oder Westfleisch gerade einmal 1,30 Euro für ein Kilo Fleisch. Für Investitionen in den Tierschutz reicht das nicht.

Dass Remmert noch flüssig ist, ist Sebastian Kühn zu verdanken. Der 45-Jährige ist geschäftsführender Gesellschafter der Eberswalder Gruppe, die etwa eine Stunde von Berlin entfernt Schweinefleisch zu Wurst oder Gulasch verarbeitet. Weil mit herkömmlicher Massenware kaum Geld zu verdienen ist, hatte der Ex-Banker 2017 eine Idee: Er wollte die Hauptstadtregion mit regionalen Produkten versorgen, bei denen Tierschutz zählt.

Der Unternehmer sucht einen Schweinehalter, der in eine bessere Haltung investieren will und zahlt ihm einen Aufschlag von rund 30 Prozent. Remmert denkt kühn. Dann gilt es, einen nahe gelegenen Schlachthof zu eröffnen, um Remmerts Tieren lange Transportwege zu ersparen. Fündig wurde Kühn in Perleberg, 30 Autominuten vom Remmerts Hof entfernt.

Ein wichtiges Glied in der Kette fehlt noch: der Handelspartner. Rewe beißt. Unter der Rewe-Marke „100 % Regional“ vermarktet der zweitgrößte Lebensmitteleinzelhändler Wurst und Fleisch von Remmerts Hof.

Im September 2018 wird das Fleisch zunächst in den Bedientheken von 21 Rewe-Märkten in und um Berlin angeboten. Inzwischen sind Wurstwaren, abgepacktes Fleisch und andere Geschäfte hinzugekommen. Beteiligt sind 140 Filialen in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

2019 erhielt das Netzwerk den Innovationspreis des Landes Brandenburg, Anfang des Jahres wurde die Zusammenarbeit um fünf Jahre verlängert. Alle Partner glauben weiterhin an das Ziel, „Supermarktkunden für den Kauf von bezahlbarem, hochwertigem Schweinefleisch aus der Region aus besonders tiergerechter Haltung zu begeistern“, so Rewe. „Ich mache Produkte für normale Menschen“, sagt Bauer Remmert.

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Die Kooperation ist preisgekrönt und läuft mindestens weitere fünf Jahre

Das regionale Fleisch kostet pro Kilo rund zwei Euro mehr als Massenware und soll die Lücke zwischen Bio und Billig schließen. Inzwischen sind auch andere Handelsketten auf den Geschmack gekommen und an einer Zusammenarbeit mit Eberswalder und Partnern interessiert. Das ist aber nicht unproblematisch: Denn jeder Händler hat seine eigenen Vorstellungen davon, wie viel Tierschutz ihm wichtig ist. Das könnte zu einer gewissen Willkür führen.

Die bestehende Zusammenarbeit ist für alle Seiten gewinnbringend. Auch für Eberswalder, die Dreh- und Angelpunkt der Partnerschaft sind. Obwohl „100 % regional“ bisher nur einen kleinen Teil der 100 Millionen Euro Umsatz ausmacht, hat die Idee Potenzial: „Die Zukunft liegt nicht im Massenmarkt“, glaubt Kühn.

Er rechnet vor, dass in Berlin und Brandenburg rund sechs Millionen Menschen leben und jährlich 220 Millionen Kilo Schweinefleisch verzehren. Die Menschen sehnen sich nach regionalen Lebensmitteln. Eberswalder, dem Sponsor des Fußball-Bundesligisten Union Berlin. ist eine Marke, die in der Region verwurzelt ist. Das könnte passen.

Zu DDR-Zeiten war das Kombinat der größte Wurst- und Fleischproduzent Europas. In Britz bei Eberswalde entstand eine Kleinstadt mit eigenem Schlachthof, Luftschutzkeller, Poliklinik und Berufsschule. 3000 Menschen arbeiteten dort, heute sind es noch 300 Festangestellte.

Nach dem Sturz begann der Sturz. Zunächst gab es mehrere Besitzerwechsel, im Jahr 2000 kam die Insolvenz. Eckhard Krone, Geschäftsführer der Stahlwerke in Hennigsdorf, wurde zur Rehabilitierung hinzugezogen. Als sich kein Käufer für Eberswalder fand, übernahm Krone 2002. Sebastian Kühn ist sein Schwiegersohn, seit 2016 gehört das Unternehmen Kühn und seinem Schwager.

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Die regionale Verwurzelung will der Eberswalder Chef nicht nur im Einzelhandel nutzen. Auch die Gemeinschaftsverpflegung hat er im Blick und will Kitas, Schul- und Regierungskantinen in Berlin beliefern. Obwohl Berlins grüner Verbraucherschutzsenator Dirk Behrendt Bio-Produkte aus Brandenburg bevorzugt, glaubt Kühn, dass das Bio-Sortiment nicht ausreichen wird, um Berliner Kantinenbesucher zu füllen. Er sieht daher Chancen für regionale, tierschutzorientierte Produkte, auch wenn diese nicht aus Bio sind.

Angst vor der Afrikanischen Schweinepest

Doch die Hoffnungen werden überschattet von einer Gefahr, die immer näher rückt: der Afrikanischen Schweinepest. Das Virus hat sich Brandenburg von Polen bis auf 20 Kilometer genähert. Sollte es Deutschland erreichen, wäre die Krise da.

Ein infiziertes Wildschwein würde ausreichen, um China davon abzuhalten, deutsches Schweinefleisch zu kaufen. Sollte sich ein Hausschwein anstecken, können die Tierärzte anordnen, dass alle Schweine im Kerngebiet getötet werden müssen.

Die Nachfrage könnte einbrechen

Jeden Morgen trifft sich bei Eberswalder eine Task Force. Im schlimmsten Fall würde die große Desinfektionswanne am Eingang des Geländes zur Reinigung der LKW-Räder reaktiviert, externe Besucher hätten keinen Zutritt mehr.

Die Produktion könnte weitergehen, mit Fleisch, das Eberswalder außerhalb eines möglichen Sperrgebiets bezieht, aber wer weiß, wie die Kunden reagieren werden. Sie können Schweinefleisch zunächst meiden, auch wenn die Krankheit nur Tiere und nicht Menschen befällt.

Auch Remmert setzt zum Schutz seiner Tiere auf Desinfektionswannen und -schleusen. Sollte es dennoch sein Gericht erwischen, wäre es der Gau. „Dann würden alle Tiere erschlagen, vom Ferkel bis zur großen Sau“, sagt er. Und obwohl die Tiere auch sonst nicht alt werden, merkt man Remmert an, dass ihn die Vorstellung einer Massentötung stört.

Die Tiere seien „ihm anvertraute Wesen“, sagt er. Und blickt auf die Baustelle seiner neuen Scheune.

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