Berlin

„Es ist schrecklich für die Gäste“: Warum ein Berliner Weinhändler wegen Autos in der Friedrichstraße klagt

Anja Schröder ist Inhaberin des Ladens „Planet Wein“ in der Charlottenstraße. Sie hatte gegen den Ausschluss von Autos in der Friedrichstraße geklagt. Das Verwaltungsgericht schloss sich ihr an und entschied, dass die Sperrung seit dem 31. Oktober rechtswidrig sei. Damals endete offiziell die Verkehrsprobe, die einen Teil der Friedrichstraße zur Fahrrad- und Fußgängerzone machte.

Frau Schröder, warum haben Sie gegen die Verkehrssperrung der Friedrichstraße geklagt?
Die Sperrung betrifft den gesamten Stadtteil. Seit Autos nicht mehr durch die Friedrichstraße fahren können, hat sich der Verkehr auf Nebenstraßen verlagert. Ich betreibe seit 17 Jahren eine Weinhandlung in der Charlottenstraße mit Gastgarten. Wie viele Gastronomen bin ich bewusst in eine ruhige Straße mit hoher Aufenthaltsqualität gezogen. Das ist jetzt vorbei. Wir haben plötzlich ein Verkehrsproblem.

Was genau hat sich geändert?
Laut einer Auswertung hat der Verkehr auf der Charlottenstraße seit August 2020, als der Verkehrstest auf der Friedrichstraße begann, um 140 Prozent zugenommen. Ich sehe jeden Tag, was das bedeutet. Die Straße führt nun Durchgangsverkehr und Anlieferverkehr zur Friedrichstraße – obwohl sie dafür nicht geeignet ist. Elf Gastronomen betreiben hier Biergärten, was für die Aufenthaltsqualität der Gäste schrecklich ist.

Die Charlottenstraße soll eine Fahrradstraße werden. Dann wäre es wieder ruhiger vor Ihrer Vinothek.
Bei uns wäre der Durchgangsverkehr weg, aber das Problem wäre dann die Markgrafenstraße. Der Umbau des Gendarmenmarktes hat gerade begonnen. Der gesamte Verkehr läuft dann über die Markgrafenstraße. Die Stadtplanung sollte das gesamte Quartier berücksichtigen und sich nicht nur auf einen kleinen Straßenabschnitt konzentrieren.

Sind Sie generell gegen die Sperrung von Straßen für Autos oder nur für die Friedrichstraße?
Nein überhaupt nicht. Ich bin auch nicht gegen Verkehrsberuhigung, es muss einfach funktionieren. Dem Verkehrstest haben wir zu Beginn zugestimmt. Aber jetzt sehen wir, dass sich die Friedrichstraße nach der Corona-Pandemie wirtschaftlich weniger erholt als andere Straßen. Im Oktober mussten wir die 20. Ladenschließung beklagen.

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Die Friedrichstraße hatte schon vor der Sperrung für Autos Probleme. Geschäfte mussten schließen. Warum ist Ihrer Meinung nach der Verkehrsversuch die Ursache?
Dass die Geschäfte vor der Pandemie schlossen, lag vor allem an den hohen Mieten, nicht an zu viel Verkehr. Auch auf dem Ku’damm fahren viele Autos und die Straße blüht auf. Die Menschen wollen Verkehrsberuhigung dort, wo sie leben, und nicht dort, wo sie einkaufen. Aus der Friedrichstraße höre ich immer wieder, dass sich Kunden über die schlechte Erreichbarkeit beschweren. Ich war gerade selbst dort und trotz des schönen Wetters war die Straße leer.

Warum kommen die Kunden nicht mit der U-Bahn oder dem Fahrrad?
Denn das wollen viele nicht. In der Friedrichstraße gibt es viele exklusive Geschäfte. Dort kaufen Menschen ein, die sich gerne den Luxus des Autofahrens gönnen. Auch in den Seitenstraßen hat die Erreichbarkeit abgenommen, weil es hier oft zu Staus kommt. In meiner Vinothek habe ich viele Kunden aus der City West, die uns nur ungern besuchen. In der U-Bahn nimmt man keine Weinkisten mit.

Sie kritisieren, dass es kein gutes Konzept für die autofreie Friedrichstraße gibt. Welches Konzept wünschen Sie?
Ich fände es sinnvoller, den Verkehr rund um den Gendarmenmarkt zu beruhigen. Es gibt dort viele Restaurants, die davon profitieren würden. An der Friedrichstraße und der Charlottenstraße könnten gegenläufige Einbahnstraßen eingerichtet werden. Auch der Lieferverkehr könnte eingeschränkt werden. Vor allem wünsche ich mir einen echten Dialog zwischen Handwerkern und Politikern. Bisher wurden unsere Einwände nur belächelt.

Der Bezirk Mitte und die Verkehrsverwaltung wollen die Friedrichstraße zu einer dauerhaften Fußgängerzone machen. Wollen Sie dann auch gegen die dauerhafte Sperrung klagen?
Es hängt davon ab, ob. Wenn es ein schlüssiges Konzept für eine Fußgängerzone in der Friedrichstraße gibt, von dem alle profitieren, wird sich niemand beschweren. Aber im Moment gibt es das nicht. Erst jetzt soll ein internationaler Wettbewerb für den Umbau der Straße ausgeschrieben werden. Das kann Jahre dauern. Trotzdem soll die dauerhafte Sperrung nun schnell durchgesetzt werden. Ich denke, das ist falsch.

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