Berlin

„Es geht an die Substanz“: Enge Mensen, fehlende Toiletten und andere Folgen des Schulraummangels in Berlin

Können Berliner Bezirksämter zaubern? Oder wie schafft man es, 20.000 Kinder und Jugendliche unterzubringen, für die es in den Schulen keinen mathematischen Platz gibt? Reicht es aus, die Klassen etwas voller zu stopfen, oder wie kann dieses Kunststück erreicht werden? Auf diese Fragen geben Berliner Eltern Antworten: Im Sommer haben sie auf Anfrage des Landeselternbeirats niedergeschrieben, wie sich der Platzmangel auf den Schulalltag auswirkt. Damit wollen sie verhindern, dass der Senat notwendige Investitionen in den Schulbau aufschiebt. Die Bestände stehen ausschließlich dem Tagesspiegel zur Verfügung.

„Die vorliegenden Gutachten beschreiben deutlich, wie sich die Situation in überfüllten Schulen negativ auf den täglichen Schulbesuch unserer Kinder und die Arbeit der Erzieher auswirkt“, warnt Landeselternsprecher Norman Heise und erinnert daran, dass der Senat über den Investitionsplan im Bundesrat entscheiden will übernächste Woche.

Was die Eltern dem Senat vorlegen, klingt so: „Es geht um die Substanz!“ Darüber schreiben die Eltern der Grundschule auf dem Tempelhofer Feld. Die räumliche Situation betrifft Menschen, die durch die Corona-Pandemie ohnehin schon sehr gestresst sind: „An vielen Schulen nehmen soziale Konflikte zu. Beengte Platzverhältnisse verstärken diese Probleme. Mit gestressten Lehrkräften und Schülern ist guter Unterricht nicht möglich“, heißt es in der Mitteilung der Eltern.

„Die Berichte beschreiben anschaulich, wie sich die Situation in überfüllten Schulen negativ auf den Schulalltag auswirkt.

Landeselternsprecher Norman Heise

Ähnlich lautete eine Warnung aus Marzahn: „Wenn Kinder sich unwohl fühlen, ziehen sie sich zurück und werden zu Schulabbrechern“, schreibt ein Elternvertreter der Grundschule unter dem Regenbogen. So weit muss es gar nicht kommen, wenn der Senat die Schulen gut ausstattet. Das betrifft aber alle Bereiche: Schulhöfe, Freizeiträume, Kantinen und Sporthallen.

Enge Schulhöfe

„Wenn es die Kinder trotz Toilettenschlangen doch bis zur Hofpause schaffen, können sie sich am Klettergerüst oder der Rutsche in die nächste lange Schlange einreihen“, so die Eltern der überlasteten Kolibri-Schule in Hellersdorf Jahren beschreiben die Folgen der Überbelegung mit rund 900 Kindern. Aufgrund zunehmend beengter Verhältnisse komme es „immer mehr zu Eskalationen unter den Studierenden“.

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Die Friedrich-Schiller-Grundschule im gleichen Stadtteil war einst auf ein bis zwei parallele Klassen pro Jahrgang ausgelegt. Inzwischen wurden vier erste Jahrgänge aufgenommen, von ursprünglich 270 auf rund 370 Studierende. Die Hoffläche reicht einfach nicht mehr aus. Auch die Schule am Brandenburger Tor spricht von „Platzmangel auf den Schulhöfen“ aufgrund der vielen Schüler. Das Gedränge in den Gängen während der Pausen erhöht die Unfallrate. Zudem gibt es im laufenden Schuljahr einen neuen Einschulungsrekord.

Die Eltern der City-Grundschule sehen einen „jährlichen Anstieg der Schülerzahlen seit 2018“. Da ein Containergebäude mit Unterrichtsräumen errichtet werden musste, verkleinerte sich der Schulhof – für eine gestiegene Schülerzahl. „Unsere Schule wird in naher Zukunft definitiv aus allen Nähten platzen. Ebenso dramatisch ist die Personalsituation“, beklagen die Elternvertreter und die Schulleitung der städtischen Grundschule.

Kleine Kantinen

„Wie viel Struktur kann das Schulsystem in den Alltag der Kinder bringen, wenn sich der Mittagszyklus über mehr als drei Stunden erstreckt, damit jedes Kind die Möglichkeit hat, sein Mittagessen im Sitzen zu sich zu nehmen? Wie viel Wertschätzung empfinden Ihrer Meinung nach unsere Kinder, wenn es keinen Platz für ihre Bedürfnisse gibt? Und es geht nicht nur um das Gebäude, sondern auch um den emotionalen Raum“, schreiben die Eltern der Mahlsdorfer Grundschule an den Senat.

„Die Mensa hat gerade mal die Hälfte der nach dem Musterraumprogramm geplanten Fläche“, teilt die Schule am Tempelhofer Feld mit. Gegessen wird also in sieben Schichten à 20 bis 25 Minuten. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hingegen empfiehlt eine Stunde als Qualitätsstandard für die Schulverpflegung. Ein gesundes Schulessen funktioniert nicht mit 20 Minuten Essen. Die Verlängerung der Essenszeiten bedeutet auch, dass die Erzieher weniger Zeit haben, gute Ganztagsaktivitäten zu gestalten.

Die Grundschule unter dem Regenbogen beklagt, dass Kinder wegen Platz- oder Zeitmangels teilweise im Klassenzimmer essen „oder sogar direkt an der Essenstheke aufstehen“ müssen. Manche Kinder würden „lieber hungern, als ewig anstehen oder sich an ihrem Essen laben müssen“. Wie berichtet, wurde 2019 überstürzt das kostenlose Schulessen für alle Kinder eingeführt, obwohl die Räumlichkeiten noch nicht entsprechend erweitert worden waren.

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Volle Turnhallen

„Da die Sporthalle mit der wachsenden Klassenzahl leider nicht wachsen kann, muss ein Teil des Sportunterrichts in der nullten Stunde stattfinden“, klagt die Kolibri-Grundschule. Das ist im Winter für die eher kleinen Kinder eine echte Herausforderung. Zudem müssten teilweise drei Klassen gleichzeitig in der Sporthalle unterrichtet werden: „Was es bedeutet, wenn 75 Schüler in einer Halle Sportunterricht machen sollen, muss nicht näher erläutert werden.“

Die Grundschule unter dem Regenbogen berichtet, dass in den Sporthallen immer zwei Klassen gleichzeitig unterrichtet werden müssen. Nach zwei Jahren Pandemie sollte sich aber „jeder bewusst sein, was zu wenig Bewegung mit uns macht“.

Knappe Toiletten

„Kennen Sie den Geruch von Sanitäranlagen, wenn doppelt so viele Nutzer wie vorgesehen diese nutzen?“ fragen die Eltern der Mahlsdorfer Grundschule den „lieben Senat“. Die Grundschule Kolibri schreibt, dass die Sanitäranlagen in den Pausen „völlig überlastet“ seien: „Viele Kinder verbringen die Pause damit, auf eine freie Toilette zu warten.“ Die sanitären Einrichtungen für 370 Schüler seien, so rechnet die Schiller-Grundschule vor, „alt und baufällig und in zu geringer Zahl – laut Gedächtniszählung: vier Sitztoiletten für Jungen und sechs für Mädchen“.

Die Kiekemal-Schule findet die sanitäre Situation in der Filiale „schwierig, weil es nur vier Toiletten und Waschbecken für rund 125 Schüler gibt“. Die Grundschule Wuhle bezeichnet die hygienischen Zustände der Sanitäranlagen als „unterirdisch“, weil zu viele Schüler für die Räumlichkeiten seien: „Verstopfungen und extreme Verschmutzungen mit Fäkalien sind an der Tagesordnung mit großem persönlichen Einsatz möglich.“

Weniger Fach- und Abteilungsräume

Viele Schulen beschreiben einen allmählichen Platzverlust. „Die Schule ist so überfüllt, dass wir keine Klassenzimmer mehr haben. Wir haben jetzt auch die maximale Kapazität möglicher Klassen erreicht, nachdem wir auch mehrere ukrainische Kinder in den Schulbetrieb integriert haben“, heißt es in der Bestandsaufnahme der Schöneberger Stechlinsee-Schule Sozialarbeiterzimmer musste geschlossen werden, Begabtenförderungsprogramm sei „aus Platzmangel in der Umsetzung fragwürdig“, Schulfeste für alle seien „kaum realisierbar“.

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Die Regenbogenschule liegt im Einzugsgebiet „einer klassischen Großsiedlung mit überwiegend einkommensschwachen Familien“: „Von unseren 780 Schulkindern haben etwa ein Fünftel einen erhöhten Unterstützungsbedarf oder Verhaltensauffälligkeiten.“ Gerade diese Kinder brauchen Raum zum Lernen. Wenn es in einer Klasse zwei oder drei verhaltensauffällige Kinder gibt, „die sich auch gegenseitig aufregen und unkontrollierte Wutausbrüche haben und mit Stühlen werfen“, weil sie sich nicht lange konzentrieren können oder mit der Menge an Kindern in einem Raum nicht zurechtkommen, brauchen sie vorübergehend ein weiteres Grundstück. Sonst wäre der Unterricht für die anderen Kinder nicht ungestört möglich.

Auch Hort-Träume gingen vielerorts verloren. Durch die Doppelnutzung für Unterricht und Nachmittagsbetreuung inklusive Spielecken – insbesondere bei bis zu 27 Kindern pro Klasse – „sind die Räume sehr eng geworden“, berichten die Eltern der Hansa-Grundschule. Die immer weiter verbreitete Doppelnutzung hat noch einen weiteren Nachteil: „Während des Unterrichts werden die Kinder durch den Blick auf die Spielecken abgelenkt, nachmittags sehen sie weiterhin die Tafel und die Unterrichtsmaterialien“, bedauern die Eltern.

Zimmer für die Erzieher

Mehrere Elternvertreter weisen darauf hin, dass es auch an zusätzlichem Platz für das pädagogische Personal mangelt: Steigt die Schülerzahl um ein Viertel, ein Drittel oder gar die Hälfte pro Schule, steigt auch der Platzbedarf für das Personal. Aber das ist nicht zu erfüllen. „Es gibt nicht genügend Aufenthalts- oder Rückzugsplätze für das Personal“, listet die Friedrich-Schiller-Grundschule die Folgen der Überbelegung auf. Aus der Grundschule am Brandenburger Tor wird folgendes geurteilt: „Das Kolleg hat über 90 Lehrer. Es wird dringend ein Lehrerzimmer benötigt, das es so noch nicht gegeben hat.“

  • Grundschule: Alle aktuellen schulpolitischen News für die Kleinen
  • Senat

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