Berlin

Entdecken Sie auf 272 Seiten das Berliner Justizgebäude: Orte, an denen Recht – und manchmal auch Unrecht – herrscht

Die heraldische Kraft des Seepferdchens lernt man schon in der frühen Kindheit kennen – als den auf Badehose oder Anzug aufgenähten Beweis, dass die ersten Schwimmkenntnisse erworben wurden. Auch im späteren Leben taucht der Meeresbewohner hierzulande gelegentlich als Wappentier auf und erfreut sich besonders in Küstenstädten wie Zinnowitz oder Inseln wie Hiddensee großer Beliebtheit. Sondern als goldenes Schmuckstück in einer Uhr an Deutschlands ältestem Hof, und mehr noch: als Minutenzeiger einer zwei Meter hohen Standuhr von 1790, ein Hingucker im Zimmer des Berliner Obersten Gerichtspräsidenten – jede besondere Heraldik Wissen muss erst einmal schwimmen gehen.

Im zweiten Schritt könnte man zum Buch „Justizgeflüster. Gerichte und Gefängnisse in Berlin“ von Arne Krasting und Alexander Vogel und wurden auf Seite 36 tatsächlich fündig. Das Gebäude des Kammergerichts am Schöneberger Kleistpark wurde bekanntlich noch Jahrzehnte später von den Siegermächten genutzt Weltkrieg, als Sitz des Kontrollrates im US-Sektor, als Ort der Konstituierung des Internationalen Militärtribunals für die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse und schließlich nur noch als Sitz des Allied Aviation Security Headquarters.

Aus dieser Zeit stammt auch der maritime Minutenzeiger, der freilich keine allegorische Funktion hatte, wie die beiden Autoren schreiben: „Tatsächlich war das Seepferdchen lediglich das Wappentier der amerikanischen Armeeeinheit, die das Gebäude nach dem Krieg restaurierte und unsterblich machte hier auf originelle Weise.“

Eine schöne Anekdote, die Licht in einen versteckten Winkel der Berliner Justizgeschichte bringt, und Qualität steckt in dem mehr als üppig bebilderten Band. „Sing Sing“ in Berlin statt im US-Bundesstaat New York? 1927 übernahm ein Nachtclub in der Chausseestraße 11 in Mitte den Namen des berüchtigten Gefängnisses. Seine Spezialität: Knast-Look à la Plötzensee, also der Gottesdienst in Sträflingskleidung, das Essen in Blechschüsseln, und nach Mitternacht kam sogar ein elektrischer Stuhl zum Einsatz. Sicher, kein echter, aber ideal für ein bisschen mehr Nervenkitzel.

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Aber warum „Gefängnis“? Die Autoren kennen die Antwort: „Der Begriff hat seine Wurzeln im Jiddischen. Dort bedeutet ‚knasn‘ bestrafen.“ Und natürlich kennen Sie auch das Projekt, das ehemalige Amtsgerichtsgefängnis in Lichterfelde in der Söhtstraße 7 als Veranstaltungsort und Unterkunft zu nutzen. Sein verheißungsvoller Name: „The Knast“.

Sogar den ältesten Gefängniswärter Berlins haben die beiden aufgespürt: Hauptmann von Köpenick, der zu Lebzeiten nie im Gefängnistrakt des alten Amtsgerichts Köpenick inhaftiert war, sondern sich nun in einer ehemaligen Zelle des längst genutzten Gebäudes aufhält anderen Zwecken, wie eine traurige Schaufensterpuppe in einer Installation vor den rechtlichen Folgen jeder Usurpation warnt. Chancen auf vorzeitige Entlassung? Keine, trotz der Adresse seines Gefängnisses: Freedom 16.

Die amüsante Anekdote ist jedoch nur eine inhaltliche Ebene im Buch der Gerechtigkeit, dessen Autoren ausgewiesene Spezialisten für Berliner Geschichte sind, Krasting als Geschäftsführer der Agentur Zeitreisen, Vogel verantwortlich für die Konzeption der dortigen Touren und Vermittlungsangebote. Entlang rund 60 Gerichtshöfen, dem Strafvollzug und weiteren Funktionen rund um die Göttin Justitia bieten sie einen lehrreichen und unterhaltsamen Streifzug durch die Berliner Rechtsgeschichte, die immer auch Gesellschafts- und Politikgeschichte war.

Und nicht zuletzt eine überaus bunte Architekturgeschichte: Zu ihren Manifestationen gehören so kontrastreiche Bauten wie das trutzige Landgericht am Tegeler Weg 17-20 in Charlottenburg, das „eher einer frühmittelalterlichen Burg oder Kaiserpfalz ähnelt als ein Gerichtsgebäude“, wie die Autoren schreiben, oder das Gerichtsgebäude Littenstraße 12-17 in Mitte, für Gabriele Tergit, Hofberichterstatterin der Weimarer Zeit, „ein tolles Haus“ mit „Tanzsaal-Atmosphäre mit schwingenden Treppen, Rokoko-Geländern und Rosenblätter“.

Einige der vorgestellten Orte sind nur noch in der Erinnerung präsent oder haben ihre Funktion im Rechtssystem längst verloren. Gottseidank sind die dortigen Hinrichtungsstätten verschwunden, etwa der Rabenstein, wo 1540 der durch Heinrich von Kleist unsterbliche Pferdehändler Hans Kohlhase ums Leben kam. Dort, in etwa, befindet sich heute der Rosenthaler Platz.

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Kriegsverbrechergefängnis in Spandau abgerissen

Auch das Spandauer Gefängnis in der Carl-Schurz-Straße 31, aus dem der Student Gottfried Kinkel am 7. November 1850 seinem Lehrer Schurz, einem inhaftierten Revolutionär und späteren US-Innenminister, zur Flucht verhalf, gehört der Vergangenheit an . 1987, nach dem Tod des letzten Häftlings, Hitlers ehemaligem Stellvertreter Rudolf Heß, wurde das Kriegsverbrechergefängnis am heutigen Weißen-Rosen-Platz in Spandau im Handumdrehen abgerissen.

Die meisten der vorgestellten Orte mit ihrer Bau- und Nutzungsgeschichte spielen jedoch nach wie vor ihre Rolle im Berliner Rechtssystem und stammen oft noch aus der Kaiserzeit. Mit der Gründung im Jahr 1871 und den daraufhin erlassenen Reichsjustizgesetzen setzte ein Justizbauboom ein, der in Berlin und seinen Vororten durch die neue Funktion als Reichshauptstadt und das rasante Bevölkerungswachstum befeuert wurde. In dieser Zeit entstanden im erst 1920 als kommunale Einheit konstituierten Groß-Berliner Raum mehr als 30 Gerichte und Gefängnisse, von denen fast alle, so das Autorenduo, heute noch bestehen, wenn auch teilweise mit neuer Funktion.

Ein luxuriöser Wohnpalast

So trägt der Giebel des ehemaligen Reichskriegsgerichts in der Witzlebenstraße 4/5 in Charlottenburg, zu dessen Schlusssteinlegung Wilhelm II. 1910 sogar erschien, noch immer seine längst abgeschaffte Funktion. In den Jahrzehnten der Teilung war hier das Kammergericht untergebracht, dessen Präsident Günter von Drenkmann 1974 der „2-Juni-Bewegung“ zum Opfer fiel. Heute dient das im barock-klassizistischen Stil errichtete Gebäude als luxuriöses Wohnschloss.

Neben solch bekannten Details aus der Geschichte dieses oder jenes Gerichtsgebäudes warten die beiden Autoren oft mit überraschenden Fakten und Fotos auf, die von akribischer Recherche und einem genauen Blick auch auf Kuriositäten der lokalen Rechtsordnung zeugen.

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Warum wurde der Fall der angeblichen Zarentochter Anastasia vor dem Landgericht Schöneberg in der Grunewaldstraße 66/67 verhandelt? Nun, dem Gericht waren einige Sonderzuständigkeiten zugewiesen worden, auch für Deutsche, die keinen festen Wohnsitz mehr in Deutschland haben. Und das galt für Alexandra Fjodorowna, die Frau des letzten Zaren Nikolaus II., die aus dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt stammte. Und damit indirekt auch an ihre angebliche Tochter Anastasia, die behauptete, den Mord an der Zarenfamilie 1918 überlebt zu haben und nun auf einem Erbschein bestand.

Das Amtsgericht Lichtenberg am Rödeliusplatz 1 hat etwas ähnlich historisch Kurioses, wenn auch aus einem ganz anderen Bereich des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens – als verblassten, aber offenbar immer noch gültigen Warnhinweis im Eingangsbereich: „Fuß putzen, Rauchen ist verboten , verwenden Sie Spucknäpfe“.

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