Berlin

Energiekrise, Personalmangel, Insolvenzen: Deutschlands Kliniken steht ein harter Winter bevor

Steigende Preise für Medikamente, Energie, OP-Besteck. Hinzu kommen Personalengpässe und – zumindest in einigen Städten – mehr Corona-Infizierte auf den Stationen. Viele der 1.900 deutschen Krankenhäuser stehen vor schwierigen Monaten.

Was ist das größte Problem in den Kliniken?

In den meisten Krankenhäusern heißt es, Personalengpässe und Kostensteigerungen seien deutlich belastender als die Covid-19-Situation. Klinikleitungen versuchen, mehr Betten für Corona-Patienten zu reservieren, weil die Fallzahlen zumindest auf den Normalstationen zuletzt gestiegen sind.

Die oft überschuldeten Kliniken trifft es härter, dass ihnen Verluste in Millionenhöhe drohen. Im Gegensatz zu Fabriken, Bauernhöfen und Supermärkten können Krankenhäuser ihre Preise kaum erhöhen. Personal, Energie und Medikamente werden von den Krankenkassen mit Fallpauschalen bezahlt, deren Höhe im Vorjahr immer ausgehandelt wurde.

Auch die dazu verpflichteten Gebäudeinvestitionen der Bundesländer basieren auf langfristigen Planungen.

Auch die Kliniken spüren den demografischen Wandel: Die Babyboomer gehen in den Ruhestand und es gibt keine Arbeitskräfte, aber sie werden immer mehr zu Intensivpatienten. Besonders Charité-Chef Heyo Kroemer betont diesen Aspekt der Krise.

Was sind die konkreten Auswirkungen von Personalmangel und Inflation?

„Vor allem in der Endoskopie fehlt es an Pflegekräften mit Zusatzqualifikationen. Bei vielen Patienten verzögert sich die Diagnose um eine Woche“, sagt der Klinikexperte der Ärztekammer Berlin, Thomas Werner. Unter Endoskopie versteht man die Spiegelung im Inneren eines Patienten, also das Einführen flexibler Instrumente, sogenannter Endoskope, in Körperöffnungen.

„Anästhesiologie- und OP-Pflegekräfte sind ebenfalls rar, viele arbeiten nur in Teilzeit, auch wegen der Belastung. Andere verlassen die großen Kliniken ganz“, sagte Werner.

Auf einigen Stationen fehlen zudem 15 Prozent des Personals krankheitsbedingt, auch wegen Corona-Infektionen. Aufgrund des allgemeinen Personalmangels wurden einzelne Stationen in Brandenburg bereits geschlossen und Einsätze verschoben.

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Angesichts der Preissteigerungen forderte die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) einen Inflationsausgleich, weil 96 Prozent der Kliniken ihre Ausgaben nicht mehr aus laufenden Kasseneinnahmen decken könnten.

Einige Kliniken berichten, dass sich die Gaskosten für Heizung und Sterilisation seit Beginn des Ukraine-Krieges vervierfacht haben. Hochgerechnet auf alle Krankenhäuser beziffert die DKG die Mehrkosten allein für Gas auf vier Milliarden Euro.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sagte, er sehe ein „dramatisches Liquiditätsproblem“ auf die Kliniken zukommen.

Bereiten sich Krankenhäuser auf Gasversorgungsengpässe und Stromausfälle vor?

Energiesicherheit ist für Krankenhäuser noch wichtiger als für Schulen, Verwaltungen und Privathaushalte. Denn alles in einer Klinik, vom Labor über den Ultraschall bis hin zur künstlichen Lunge, braucht Strom – oft hängt das Leben direkt davon ab.

Die Bundesländer haben dafür Katastrophenschutzpläne. Fällt der Strom nur an wenigen Orten aus, transportieren betroffene Krankenhäuser ihre Patienten nach Möglichkeit in andere Kliniken.

Jedes Krankenhaus verfügt außerdem über kraftstoffbetriebene Notstromaggregate. Trotz Stromausfällen sollen die wichtigsten Geräte ein, zwei, in einigen Bundesländern sogar drei Tage betrieben werden können.

639.740Liter Heizöl Berliner Akutkrankenhäuser in Reserve haben.

Konkret heißt es in der dem Tagesspiegel vorab vorliegenden Antwort des Berliner Gesundheitsstaatssekretärs Thomas Götz (Grüne) auf eine Anfrage des FDP-Abgeordneten Tobias Bauschke: Die 37 Berliner Akutkrankenhäuser, also die Kliniken mit Notfall eine für mindestens 24 Stunden ausgelegte Notstromversorgung: „Mit entsprechenden zusätzlichen Brennstofflieferungen kann der Notbetrieb über einen längeren Zeitraum sichergestellt werden.“

Je nach Krankenhaus seien die „Treibstoffreserven“ unterschiedlich groß, schreibt Götz, die 37 Kliniken hätten zuletzt 639.740 Liter Heizöl, 372.270 Liter Diesel und 50 Liter Benzin auf Lager gehabt. Damit kann die Grundversorgung auch bei einem 24-Stunden-Blackout aufrechterhalten werden.

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Reichen die bekannten Pläne zur Energiesicherheit aus?

Was im Ernstfall funktioniert, insbesondere wenn ein Stromausfall länger andauert, ist unklar. Vor drei Wochen simulierte das Klinikum „Ernst von Bergmann“ in Potsdam einen vierstündigen Stromausfall während der Hauptbehandlungszeit und setzte zwei Diesel-Notstromaggregate ein. Alle mit Notstrom versorgten Geräte funktionierten, so das Klinikum, unerwartete Störungen seien nicht aufgetreten.

FDP-Mann Bauschke ist auch Bundesvorsitzender des Sozialpolitischen Netzwerks seiner Partei und fordert, dass Kliniken länger als 24 Stunden ohne regulären Strom auskommen.

Für die Trinkwasserversorgung in deutschen Krankenhäusern gilt: Reserven in den Kliniken selbst sind rar, aber die meisten Akutkrankenhäuser haben zwei, manchmal drei getrennte Trinkwasserleitungen.

Personalengpässe und drohende Insolvenzen – was sind die Lösungsvorschläge?

Eines vorweg: Im internationalen Vergleich gibt es in Deutschland viele Pflegekräfte und Ärzte. Insgesamt kamen vor der Pandemie fast 14 Pflegekräfte auf 1.000 Einwohner, während der Durchschnitt in den OECD-Ländern weniger als neun Pflegekräfte pro 1.000 Einwohner betrug.

Viele deutsche Pflegekräfte arbeiten jedoch in Remote-Jobs. Auch zum Arzt gehen die Deutschen häufiger als anderswo üblich.

Und dann ist da noch die Bürokratie im deutschen Gesundheitswesen, die im Vergleich dazu aus dem Ruder läuft – Ärzte und Pflegekräfte verbringen durchschnittlich drei Stunden pro Schicht mit der Bearbeitung von Akten.

Gesundheitsminister Lauterbach kündigte an, weniger Fälle im Krankenhaus zu behandeln. Wann immer es medizinisch sinnvoll ist, sollten Patienten nicht in einer Klinik übernachten, damit Nachtschichten entfallen und das Pflegepersonal entlastet werden kann.

Viel hilfreicher sei ein konsequenter Bürokratieabbau, sagen Klinikleiter und Chefärzte. Weniger Datenschutz- und Dokumentationspflichten sind nötig, aber wie in Dänemark will man eine E-Akte, auf die Kliniken, Praxen und Krankenkassen zugreifen können.

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Minister Lauterbach prüft angesichts der drohenden Insolvenz umfangreiche Finanzhilfen – die aber kaum ausreichen dürften, um fast 1900 Kliniken für alle Kostensteigerungen zu entschädigen.

Was muss sich angesichts der Situation noch ändern?

Auf 1.000 Dänen kommen weniger als drei Krankenhausbetten, während auf 1.000 Deutsche acht Betten kommen – aber die Lebenserwartung ist in beiden Ländern annähernd gleich. Dass Deutsche häufiger in einer Klinik sind, hat auch etwas damit zu tun, wie Krankenhäuser hierzulande bezahlt werden.

Staatliche, konfessionelle und privat geführte Kliniken erhalten von den Krankenkassen eine sogenannte Pauschale pro Diagnose. Es gibt Verfahren, von denen Chefärzte wissen, dass sie mehr kosten, als die Krankenkassen bezahlen, und es gibt Verfahren, bei denen tendenziell Geld übrig bleibt. Manchmal werden auch lukrativere Eingriffe vorgenommen, so ein gängiger Vorwurf, wenn sie nicht nötig waren.

Minister Lauterbach hat das Fallsystem 2003 mit eingeführt, nun will er es abschaffen. Nach welchen Kriterien die Krankenhäuser stattdessen Geld erhalten sollen, ob die häufig geforderten Kosten für Krisen (wie Epidemien und Massenunfälle) eingerechnet werden und ob tatsächlich 1900 Kliniken übrig bleiben, ist unklar.

Möglicherweise, fordern Gesundheitsökonomen, könnten kleine Krankenhäuser zusammengelegt oder in ambulante medizinische Zentren umgewandelt werden. Die mit viel Hightech und hohem Personalaufwand betriebene stationäre Versorgung soll dann, so die Idee, an wenigen Standorten konzentriert werden.

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