Berlin

Digitalisierung des Bildungssystems: Informatik von der Kita bis zur Hochschule

Statt Spanisch und Erdkunde würde ein 12-Jähriger sechs Wochenstunden die Programmiersprachen Python, Java oder CC+ lernen. So könnte die Schule der Zukunft aussehen, wenn die Länder der Empfehlung der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz folgen, Informatik als Pflichtfach in der Sekundarstufe I einzuführen.

Vier bis sechs Wochenstunden sollen in der Mittelstufe auf dem Stundenplan stehen, heißt es in dem Bericht „Digitalisierung im Bildungssystem“, den die SWK am Montag veröffentlicht und auf einer Pressekonferenz vorgestellt hat. Der Bericht lag dem Tagesspiegel vorab vor.

Die Handlungsempfehlungen des Beirats zielen darauf ab, „das Bildungssystem erfolgreich und zukunftsfähig für die dauerhaften Anforderungen einer digitalisierten Welt aufzustellen“. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat die Expertenkommission ins Leben gerufen, nachdem der Plan der Großen Koalition, einen Nationalen Bildungsrat einzurichten, am Widerstand einiger Länder gescheitert war. Nun arbeiten zunächst bis 2027 16 Bildungsforscher unterschiedlicher Fachrichtungen im Auftrag der Länder daran, wie das deutsche Bildungssystem verbessert und teilweise vereinheitlicht werden kann.

IT-Priorität

Der Einführung von Informatik als Pflichtfach dürfte eine Diskussion über die Relevanz anderer Fächer vorausgehen: Wo werden sie in den Lehrplänen gekürzt, um Platz für die vier bis sechs Stunden Informatik zu schaffen? Dies ist wohl einer der Gründe, warum das Fach derzeit nur in wenigen Ländern Pflichtfach ist. Informatik ist in Sachsen seit 2017 in den Klassen 7 bis 10, in Mecklenburg-Vorpommern seit 2019 in den Klassen 5 bis 10 reguläres Fach. In Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen ist es mindestens für ein Jahr (in den Klassen 7 ) oder zwei Jahre (in der 5. und 6. Klasse) obligatorisch.

Mit der neuen Gewichtung soll die Informatik laut Bericht einen gleichberechtigten Rang in der Gruppe der MINT-Fächer erreichen. Die KMK-Statistik für das Schuljahr 2020/2021 zeigt, dass bisher nicht genug getan wurde: Nur rund 4000 Schülerinnen und Schüler hatten Informatik als Profilfach oder Vertiefungsfach belegt. Darunter waren nur rund 600 Mädchen (15 Prozent) – eine geringere Quote als in Physik im selben Jahr (25 Prozent).

Wie immer fehlen die Lehrer

Angesichts der ehrgeizigen Digitalisierungsziele gibt es auch in der Lehrerbildung großen Nachholbedarf. „Im Jahr 2020 haben nur 546 Studierende in Deutschland mit dem Lehramt Informatik begonnen“, schreiben die Bildungsforscher. Nur 117 Studenten schlossen im selben Jahr ab. Um den Bedarf an Informatik-Lehrkräften zu decken, empfiehlt die Kommission die Einführung des Lehramtsstudiums für ein Fach Informatik und weiterführender Qualifizierungsangebote für Quereinsteiger und Quereinsteiger in den Lehrberuf. Insbesondere der Quereinstieg für Frauen und Zuwanderer mit einem Abschluss in IT-Berufen soll erleichtert werden, um durch frühzeitige Förderung die Lücke bis zum Erreichen besserer Zahlen zu schließen.

Der Bericht schlägt auch eine große Bildungsoffensive für mehr digitale Kompetenz für die Ausbildung von Lehramtsstudierenden in allen Bereichen vor. Eine Befragung in der ersten Corona-Welle im Frühjahr 2020 hat ergeben, dass Medienkompetenz und digitale Kompetenzen in Lehramtsstudiengängen kaum verpflichtend sind. Nach dem Vorbild von NRW könnten gemeinsame Projekte aufgesetzt werden. Dort setzen sich unter dem Motto „Communities of Practice“ Vertreter von Hochschulen, die Lehraufträge anbieten, von Ministerien und Kommunen an einen Tisch, um Kurse und Softwaretools zu entwickeln.

Siehe auch  „Moderne Zelte, nicht Moria“: Berlin braucht in nur sieben Wochen 10.000 neue Schlafplätze für Flüchtlinge

Digital erweiterte Hochschullehre

Ob interaktive Medien und virtuelle Lernräume in der Hochschullehre eine Rolle spielen, sei aufgrund der „Lehrfreiheit“ schwer zu ermitteln, heißt es im SWK-Bericht. Learning-Management-Systeme sind mittlerweile in fast allen Hochschulen Standard – also Plattformen, auf denen Dozenten Texte, Links und Videos bereitstellen und Aufgaben zuweisen und auswerten können. Gerade beim Einsatz von Videos und Simulationen besteht laut SWK noch großes Potenzial für die digitale Erweiterung der Lehre.

Ein Paradebeispiel, von dem es mehr geben sollte, liefert die Universität Tübingen. Dort können Medizinstudenten des Instituts für Klinische Anatomie und Zellanalyse Operationen an Patienten, die eingewilligt haben, auf einer Plattform live verfolgen oder im Nachhinein einsehen. Eine im Bericht zitierte Studie zu den Lernerfolgen durch die Bedienplattform zeigte, dass die Anatomiekenntnisse der Nutzer nicht besser waren als bei einer normalen Vorlesung. Die Video-Operationen kamen bei den Studierenden jedoch deutlich besser an, weil sie anschaulicher und verständlicher sind als die reine Theorie.

Mit Hilfe von „Mensch, ärgere dich nicht“ kannst du auch lernen, algorithmisch zu denken.

Olaf Köller, Co-Vorsitzender der SWK

Virtual Augmented Reality kann für die universitäre Lehre sinnvoll sein, insbesondere dort, wo die Masse der Studierenden normalerweise keinen Zugang zur Praxis oder zu einem bestimmten Ort hat oder ethisch nicht vertretbar ist. Als weiteres Beispiel nennt die SWK „Notfall-Szenarien“ oder „3D-Rekonstruktionen historischer Gebäude“.

In einer Pressekonferenz zur Veröffentlichung der SWK-Empfehlungen am Montagmorgen sagte Ulrike Cress, Direktorin des Leibniz-Instituts für Wissensmedien (IWM) und Vorsitzende des Arbeitskreises des Berichts, dass es auch im Bereich ​Hochschulen, gezielt „Anreize für die digitale Lehre“ zu setzen. eingestellt, da dies sehr zeitintensiv in der Zubereitung ist. Ein solcher Anreiz könnte eine Reduzierung des Lehrdeputats sein.

Siehe auch  Zu wenig Zimmer, zu wenig Lehrer: Wartelisten für minderjährige Flüchtlinge an Berliner Schulen

Mehr Technik in der Kita

Auch bei den ganz Kleinen ist es dem Bericht zufolge wichtig, die Bildung „Informatik elementar“ besser zu fördern. Beklagt wird eine weitgehend „ablehnende Haltung gegenüber digitalen Medien“ unter Pädagogen. Allerdings fragen sich Eltern vielleicht, ob die Empfehlungen der SWK darauf hinauslaufen, jedem Zweijährigen in der Kita ein Tablett zu geben.

Ein berechtigtes Anliegen? Nein, stellt Olaf Köller, Co-Vorsitzender der SWK und Direktor am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik, klar. Es geht nicht darum, kleine Kinder vor dem Bildschirm zu lassen. „Es gibt bereits sehr gute analoge Lernangebote für elementare Informatik im Kita-Bereich, wir nennen es Unplugged-Stoff. Auch algorithmisches Denken kann man mit Hilfe von ‚Human Annoyance‘ lernen.“

Das Gutachten wirft aber nicht nur viele Fragen der digitalen Bildung in der frühen Kindheit auf: allen voran die der Finanzierung, sondern auch die Herausforderung, die großen Visionen im vielschichtigen föderalen Bildungssystem umzusetzen. Dazu gehören die von der SWK gewünschten transnationalen „Centers for Digital Education“, die frei verfügbare Software, Tools und Lehrkonzepte für das Lehrpersonal entwickeln. Um die vorgeschlagenen Zentren, die notwendige Infrastruktur und Ausbildungsverbesserungen zu fördern, schlägt die SWK Kooperationen mit EdTech-Unternehmen vor. Diese sind notwendig, um den massiven Entwicklungsaufwand bewältigen zu können.

Kritik an der Bundesregierung wegen fehlender Finanzierung

Abschließend macht die Kommission auch deutlich, dass die Digitalisierung des Bildungssystems nicht in wenigen Jahren zu schaffen ist, sondern ein langwieriger Prozess sein wird. Natürlich hänge es auch von der Bereitschaft der Erzieherinnen und Erzieher ab, sich mit den neuen Medien auseinanderzusetzen und sie in ihre Arbeit zu integrieren.

Siehe auch  Prozess um den Mord an Maryam H.: Verteidiger beantragen vor dem Landgericht Berlin die Freilassung eines Angeklagten

Inwieweit das Fernstudium während der Corona-Krise die Digitalisierung von Schulen und Hochschulen nachhaltig vorangetrieben hat, analysieren die Experten nicht. Darin heißt es lediglich, dass „die durch die Corona-Pandemie in den letzten Jahren beschleunigten Anstrengungen der Länder“ nun „mit Hilfe des Berichts geprüft und weiter vorangetrieben“ werden sollen.

Auf die Frage, wer das wie prüfen solle, antwortete KMK-Präsidentin Karin Prien (CDU), Kultusministerin in Schleswig-Holstein, ausweichend: Die Kommission habe sich vor allem auf die Bildungsinhalte der Digitalisierung konzentriert. Hinsichtlich bereits gestarteter Initiativen verwies Prien auf die digitalen Kompetenzzentren des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Im Juni dieses Jahres hatte das BMBF angekündigt, bis 2025 die Einrichtung von „vier Kompetenzzentren für digitale und digital unterstützte Lehre“ mit jeweils unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkten zu fördern. Dass diese Initiativen nur gefördert werden, so Prien für drei Jahre ist nicht ausreichend.

Ties Rabe (SPD), Hamburgs Schulsenator und KMK-Koordinator der SPD-geführten Länder, äußerte sich besorgt darüber, wie die daraus resultierende Hardware-Ausstattung für Schulen und Hochschulen finanziell zu realisieren sei. Zunehmend beunruhigt ihn, dass die Bundesregierung künftig offenbar keine großzügigen Mittel mehr für die Digitalisierung einplant.

Rabe betonte, es sei für die Bundesländer schon schwierig, „die minimal vorhandene Infrastruktur zu erhalten“, Ziel sei es, „sie weiter auszubauen“. Als Beispiel für die Berechnung der Anschaffungskosten nannte Rabe eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2017, die von Kosten von 330 Euro pro Student für digitales Lernen ausgeht. Nimmt man dies als Richtwert, könnten sich die Investitionskosten für die von der SWK empfohlene Offensive allein in diesem Bereich auf „mindestens 3,3 Milliarden“ für rund zehn Millionen Studierende belaufen.

<

p class=“At“>

Kommentar verfassen

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"

Adblock erkannt!

Adblocker speichern und verwenden Ihre personenbezogenen Daten und verkaufen diese u.U. an Dritte weiter. Schalten Sie in Ihrem und unserem Interesse den Adblocker aus. Keine Angst, wir verwenden keine Popups oder Umleitungen. Ein paar kleine, unauffällige Banner finanzieren uns einen Kaffee. Sonst gibt's hier keine Werbung.