Berlin

„Dieses Luftschloss hat unsere Ersparnisse aufgefressen“: Wohnungskäufer verzweifeln an Berliner Hochhausprojekt

140.000 Euro zahlten Jens und Leijla Unger für eine Unterschrift und eine unerfüllte Hoffnung. „Ich habe das Geld abgeschrieben“, sagt Jens Unger. Mit diesem Geld hat er sich seine Wohnung bezahlt, mit Blick über Berlin im elften Stock des Hochhauses Steglitzer Kreisel.

Er rechnet nicht mehr damit, dass dieses Projekt irgendwann abgeschlossen wird. Die schönen Pläne muss er trotzdem bezahlen, 1.000 Euro, Monat für Monat. Jahrelang. Und statt einer Wohnung steht in der Schloßstraße ein Rohbau aus Stahl. Von Bauarbeiten ist wenig zu sehen.

Der IT-Spezialist Unger muss trotzdem zahlen. Die Banken lassen ihn nicht aus dem Kreditvertrag heraus, mit dem er den Großteil der 478.000 Euro für die Wohnung auf der noch nicht fertiggestellten Baustelle bezahlen wollte. Dies wird als „Pflegezins“ bezeichnet. Und sie werden lange laufen. Denn das Hochhaus-Skelett wird wohl frühestens 2024 fertig sein.

Pannen, Pech und Mäzenatentum – sie begleiten das Ensemble Steglitzer Kreisel seit Baubeginn in den 1960er Jahren. Das Turmskelett und die Flachbauten mit Hotel und Geschäften zu seinen Füßen befinden sich in bester Lage am Ende der Steglitzer Schloßstraße. Und die Pannen sollten vorbei sein, als der Unternehmer Christoph Gröner das Anwesen übernahm.

Doch Gröner verkaufte den Block mit seinen Plänen zum Umbau des ehemaligen Büroturms in ein Wohnhaus an ein Unternehmen der Consus/Adler-Gruppe; Eigentümer ist heute die „Steglitzer Kreisel Turm-GmbH“.

Etwa 100 Wohnungen im Kreisverkehr wurden verkauft

Mit einem geänderten Plan und einer Verschiebung der Fertigstellung von 2022 auf 2024 wollte der neue Besitzer das Geisterhaus wiederbeleben. Von den 300 im Grundbuch eingetragenen Wohnungen wurden rund 100 verkauft. Die Steglitzer Kreisel Turm-GmbH halte an ihren Plänen fest, sagte ein Anwalt.

Bei Wohnungskäufer Unger laufen die Kosten weiter. „Die Banken sitzen mir im Nacken und kassieren fleißig.“ Aus den Kauf- und Darlehensverträgen für die Wohnung wollte er schon vor gut einem Jahr aussteigen. Daraufhin räumte die Adler-Gruppe ein, dass das Objekt nicht wie geplant im Sommer 2022 fertiggestellt werde.

Die Banken haben die Käufer in der Hand“

Ulrich Poppelbaum, Anwalt für zehn Käufer.

„Aber allein der Ausstieg aus den Kreditverträgen hätte 35.000 Euro gekostet“, sagt Unger. So viel verlangt die Bank, dass Unger den Kredit nicht wie vereinbart annimmt. Unger hätte auch das Geld verloren, das er an das Land Berlin gezahlt hat, also die Grunderwerbsteuer, sowie die Notar- und Gerichtskosten.

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„Die Banken haben die Käufer in der Hand“, sagt Rechtsanwalt Ulrich Poppelbaum. Er vertritt zehn Mandanten, die Wohnungen im Steglitzer Kreisel gekauft haben. Alle wollten nur raus aus den Verträgen. Der Jurist hat Verständnis dafür: „Im Moment scheint der Bau nicht voranzukommen oder kaum voranzukommen, wann mit der Fertigstellung zu rechnen ist, ist unklar.“

„Die Verkäufer haben uns die Pläne schmackhaft gemacht“

Unter den Käufern sind junge Familien wie die Ungers mit ihrer dreijährigen Tochter. Die meisten kommen aus Berlin oder der Region und sind keine vermögenden Großinvestoren. Einkäufer Unger sagt: „Dieses Luftschloss hat unsere gesamten Ersparnisse aufgezehrt, wir fangen wieder bei Null an.“

Warum ist er nicht früher ausgestiegen? „Die Verkäufer haben uns die neuen Pläne schmackhaft gemacht. Sie haben uns eine kostenlose Küche und Kühldecken versprochen, wenn wir länger warten und länger Zinsen an die Bank zahlen müssten.“ Unger weich gemacht und signiert. „Der Blick über Berlin, die Lage zwischen Schloßstraße und Botanischem Garten – das Projekt begeistert mich noch heute“, sagt er.

Doch nachdem Unger die „Zusatzvereinbarung“ zum Kaufvertrag unterschrieben und damit dem neuen Fertigstellungstermin im Juni 2024 zugestimmt hatte, brach der Kontakt zu den Verkäufern komplett ab. Auf die vielen E-Mails, die er schrieb, kam von keinem der Kontaktpersonen eine Antwort. „Und Fortschritte auf der Baustelle sind auch nicht mehr zu sehen.“

Zweifel an der Fertigstellung des Bauvorhabens werden vom Bauherrn, der Steglitzer Kreisel Turm-GmbH, zurückgewiesen. Es wird gebaut, und: „Es wird alles dafür getan, dass der geplante Fertigstellungstermin der Wohnungen im Juni 2024 eingehalten wird“, sagt deren Anwalt Knauthe.

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Wer der Fristverlängerung zugestimmt hat, kann nicht mehr zurücktreten

Ungers Anwalt Poppelbaum verhandelt mit Vertretern der Verkäufer über die Abwicklung der Kaufverträge für seine zehn Mandanten. „Sie müssen zumindest so zurückgestellt werden, als hätten sie den Vertrag nie unterschrieben“, sagt er. Genau genommen ist der Schaden noch größer, weil die Immobilienpreise inzwischen gestiegen sind und Unger sonst jahrelang eine andere Immobilie besessen hätte. Zudem sind die Finanzierungskosten deutlich gestiegen.

Wie stehen die Chancen, dass Unger da rauskommt? Der Anwalt der Kreisel Turm-Gesellschaft Knauthe sagt: „Die Käufer haben ein gesetzliches Rücktrittsrecht, wenn die ursprünglichen Fertigstellungstermine nicht eingehalten und keine Verlängerung der Produktionstermine bis Juni 2024 vereinbart wurde.“

Die meisten Käufer stimmten jedoch im Rahmen von Nachträgen einer Verlängerung der Fertigstellungsfrist bis Juni 2024 zu. Diese hätten kein Recht auf Rücktritt vom Kaufvertrag.

Knauthe sagte weiter, dass 20 bis 25 Verträge zum Kauf von Wohnungen bereits „zurückgegeben“ seien oder kurz vor der Rückgabe stehen. Das Grundstück Steglitzer Kreisel ist nicht mit Krediten belastet. Außerdem stünde „Bargeld“ zur Verfügung, um die Kosten von Käufern auszugleichen, die von ihren Verträgen zurücktreten.

Die Familie Unger hat den Vertrag unterschrieben und muss nun weiter bangen und hoffen – bis die Wohnung 2024 fertiggestellt ist oder ihr Anwalt eine Lücke im Vertrag findet.

  • Steglitz-Zehlendorf

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