Berlin

Das Flipped Berlin Classroom: Besser lernen im Flipped Classroom

Früher hielt Mareike Gloeckner ihren Unterricht meist nach dem üblichen Schema ab: Die Schüler kamen in den Unterricht, nahmen neues Wissen auf, absolvierten entsprechende Übungen und vertieften dann ihr Wissen mit Hausaufgaben. Gloeckner nutzt das Flipped Classroom jedoch seit einigen Jahren für ihren Sprachunterricht an der Anna-Freud-Schule in Charlottenburg.

Das ist eine Unterrichtsmethode, die man mit „Umgekehrtes Lehren“ übersetzen kann – und die immer häufiger an Berliner Schulen Anwendung findet. Aber was ist das Konzept dahinter? Und wie funktioniert Flipped Classroom in der Praxis?

Ich habe viel mehr Zeit, um auf die Bedürfnisse einzelner Schüler einzugehen.

Mareike Glöckner, Lehrerin

„Mit Flipped Classroom wird der Wissenserwerb ausgelagert“, erklärt Mareike Gloeckner. Es findet also bereits zu Hause in Vorbereitung auf den Unterricht statt. Gloeckner nutzt Flipped Classroom, um ihren spanischen Schülern neue Grammatikregeln beizubringen. „Als Hausaufgabe bekommen die Schüler ein Arbeitsblatt mit einem Link zu einem Video“, sagt die Lehrerin. „Das Video erklärt eine neue Zeitform, zum Beispiel eine Vergangenheitsform.“ Die Schüler sehen sich das Video zu Hause an und füllen das Arbeitsblatt aus.

Damit kommen sie in den Unterricht und haben zehn Minuten Zeit, um ihre Lösungen in Dreiergruppen zu diskutieren. Anschließend erhalten sie einen Lösungsbogen als Vergleich und üben weiter mit dem Lernstoff.

Die Methode hat mehrere Vorteile: Zum einen spart sie Unterrichtszeit, weil der Stoff nicht erst im Unterricht neu erarbeitet wird. Zweitens können sich die Schüler Wissen in ihrem eigenen Tempo aneignen – manche schneller, manche etwas langsamer. „Außerdem habe ich viel mehr Zeit, auf die Bedürfnisse der einzelnen Studierenden einzugehen“, betont Mareike Gloeckner.

Wer den Lernstoff schnell verstanden hat, kann sofort mit Übungen beginnen, anstatt sich beim Warten zu langweilen. Wer sich hingegen noch unsicher ist, kann ruhig Fragen stellen – und vielleicht auch mit weniger Hemmungen, weil es nicht vor der ganzen Klasse, sondern auch in den Arbeitsgruppen gemacht wird. Dort werden kleine Experten gebildet, die ihre Mitschüler unterstützen. „Für mich ist das eine Erleichterung“, sagt Gloeckner. „Außerdem stärkt es die soziale Kompetenz der Studierenden.“

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Flipped Classroom ist keine völlig neue Lehr- und Lernmethode. Der Begriff entstand in den 1980er Jahren und wurde dann vor allem an US-amerikanischen Universitäten weiterentwickelt. In Deutschland beschränkte sich das Thema auf Einzelinitiativen: So veröffentlichte der Mathematikprofessor Christian Spannagel 2010 die ersten Flipped-Classroom-Lernvideos auf YouTube.

Ein weiterer Pionier ist Sebastian Schmidt: Er unterrichtet Mathematik, Informatik und Katholische Religionswissenschaft an der Inge-Aicher-Scholl-Realschule in Neu-Ulm. „Ich nutze Flipped Classroom seit fast zehn Jahren“, sagt Schmidt, der die Klassen 5 bis 9 unterrichtet. Auf seiner Website flippedmathe.de stellt er zahlreiche selbst erstellte Erklärvideos zu Themen wie Brüchen, Geometrie oder natürlichen Zahlen zur Verfügung. Schmidt teilt auf flippedmathe.de auch viele Informationen mit Kollegen, die sich für Flipped Classrooms als Methode interessieren.

Ein neuer Unterrichtsrhythmus

„Das Flipped Classroom ist für mich ein neuer Unterrichtsrhythmus“, sagt Schmidt. Auf die Hausaufgaben wird alles ausgelagert, was die Schüler gut alleine können – zum Beispiel Ideensuche, Recherche im Internet oder Einträge in Hefte. „Man hat dann im Unterricht mehr Zeit für die Zusammenarbeit und Kommunikation“, sagt Schmidt. Erklärvideos eignen sich zwar besonders gut für Flipped Classrooms, sind aber keineswegs die einzige Möglichkeit. „Viel entscheidender für die individuelle Vorbereitung zu Hause ist eine gut gestellte Frage oder Aufgabe.“

In der Berliner Schullandschaft taucht das Thema „Flipped Classrooms“ mittlerweile immer häufiger auf. Flipped Classroom ist eine Blended-Learning-Komponente oder ein Format, das die Vorteile von Präsenz- und Online-Unterricht kombiniert. Blended Learning hat während der Corona-Pandemie enorm an Bedeutung gewonnen – und wird nun im deutschen Bildungssystem weiter ausgebaut. Die Senatsbildungsverwaltung hat mehrere Projekte initiiert, in denen Blended Learning eine wichtige Rolle spielt.

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Weiterbildungen sollen Berliner Lehrkräfte Blended Learning näher bringen

Zwei dieser Projekte laufen gemeinsam unter dem Namen „Blending4futures“. „Einerseits haben wir seit 2022 eine Reihe von Weiterbildungen zum Thema Blended Learning als Chance zur Verzahnung didaktischer Kompetenzen“, berichtet Jonas Vollmer, Referent für Digitalisierung und Berufsbildung. Als zweites Projekt nennt Vollmer einen Schulversuch, der im März nächsten Jahres starten soll. Titel: „Blending4futures – Hybrides Lehren und Lernen in Schule und Berufsausbildung“.

Ziel der Fortbildungsreihe ist es, Berliner Lehrkräften Blended Learning – und damit unter anderem die Flipped-Classroom-Methode – näher zu bringen. In Kooperation mit der HU Berlin und der Berliner Weiterbildung finden bis März 2023 insgesamt drei Präsenzworkshops und mehrere Online-Trainingsphasen statt. Die Teilnehmenden erhalten Informationen zu hybridem Lehren und Lernen, tauschen Erfahrungen aus und entwickeln eigene „Lehr-Lern-Settings“ für verschiedene Studiengänge (Berufsschule, Berufsschule, Berufsoberschule, Fachoberschule, Berufsoberschule und Fachschule). Das heißt, sie entwickeln Möglichkeiten, wie Blended Learning in diesen Schultypen eingesetzt werden kann.

Mareike Gloeckner fungiert als Hintergrundberaterin in der Trainingsreihe. Sie hat in diesem Bereich bereits viel Erfahrung sammeln können, da sie auch als Beraterin beim Regionalen Bildungszentrum in Berlin tätig ist. Dabei handelt es sich um ein großes Netzwerk für allgemeinbildende und berufliche Schulen, in dem Lehrkräfte als Multiplikatoren ihr Wissen weitergeben.

Als Referent bringt Gloeckner interessierten Lehrkräften die Flipped-Classroom-Methode näher – und zwar mit genau dieser Methode. „Beispielsweise stelle ich Erklärvideos oder Informationstexte auf einer digitalen Pinnwand zur Verfügung“, berichtet Gloeckner. „Die Kursteilnehmer sollten sich das vorab anschauen und damit auseinandersetzen. In der Weiterbildung gehe ich dann direkt auf diese Inhalte ein, zum Beispiel mit einem kurzen Quiz.“ Auf diese Weise lernen die Lehrkräfte, das Flipped Classroom in die Praxis umzusetzen.

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Auch gegen die Methode gibt es Vorbehalte

Natürlich gibt es immer wieder Vorbehalte gegen die Methode. Zum Beispiel, dass unmotivierte Schüler das Flipped-Classroom-Konzept ausnutzen könnten. „Es wird immer Studierende geben, die sich nicht zu Hause vorbereitet haben“, sagt Mareike Glöckner. „Aber während der Austauschphase merken sie, dass es ungünstig ist, wenn sie nicht mitreden können.“ Erfahrungsgemäß kommt es in den Arbeitsgruppen nicht gut an, wenn man gar nichts beitragen kann.

Es geht nicht darum, Lehrer zu ersetzen. Es geht darum, das Beste aus zwei Welten – Präsenz und Online – didaktisch durchdacht und kompetenzorientiert zu verbinden.

Jonas Vollmer, Senatsbildungsverwaltung

Ein weiterer Einwand gegen Flipped Classroom ist der vermeintlich hohe Aufwand bei der Erstellung individueller Unterrichtsmaterialien – schließlich ist nicht jeder ein begnadeter Erklärvideo-Produzent. Laut Mareike Glöckner hält sich der Aufwand jedoch in Grenzen. „Vorgefertigte Unterrichtsmaterialien sind für den Input durchaus geeignet“, sagt sie. „Ich nutze zum Beispiel die Sofatutor-Videos, weil sie didaktisch gut gestaltet sind.“

Auch eigene Erklärvideos habe sie gemacht, berichtet Gloeckner – was mit den richtigen Tools überraschend einfach geht. In vielen Fällen frischt der Lehrer vorhandenes Material mit verschiedenen Internetlinks auf. Die Materialien stellt sie ihren Schülern über das Schulnetzwerk IServ zur Verfügung.

Wie sehr wird Blended Learning die Schullandschaft verändern? Jonas Vollmer von der Bildungsverwaltung betont, dass nicht beabsichtigt sei, den Präsenzunterricht abzuschaffen. „Es geht nicht darum, Lehrkräfte zu ersetzen. Es geht darum, das Beste aus zwei Welten – Präsenz und Online – didaktisch durchdacht und kompetenzorientiert zu verbinden.“

Lehrerin Mareike Gloeckner sieht eine positive Entwicklung: „Immer mehr Lehrer erkennen, dass Flipped Classroom eine Methode ist, die sich ohne großen Aufwand umsetzen lässt. Viele sind neugierig und probieren es aus.“

  • Charlottenburg-Wilmersdorf

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