Berlin

Christoph Biermann über den Erfolg des 1. FC Union: „Urs Fischer ist der beste Trainer der Bundesliga“

Herr Biermann, in Ihrem neuen Buch „Um jeden Preis“ beschreiben Sie, wie der sportliche Wettbewerb im europäischen Fußball in den letzten Jahrzehnten erodiert ist und wie wenige reiche Klubs die Titel unter sich aufteilen. Seit sieben Spieltagen steht der 1. FC Union nun an der Spitze der Bundesliga. Wie passt das zusammen?
Es ist nicht nur eine Laune des Schicksals, denn in der Mannschaft steckt Substanz. Aber es ist auch eine Tabellenführung durch den FC Bayern, so wie jeder andere Tabellenführer in der Bundesliga eine durch den FC Bayern wäre. Zu Beginn der Saison hatten die Münchner entweder keine wirkliche Lust oder mussten erst ernsthafte Probleme lösen. Das ist inzwischen passiert, daher bezweifle ich, dass der Vorsprung von Union ewig Bestand haben wird.

Zuletzt wurden Vergleiche mit Leicester City, dem sensationellen englischen Meister von 2016, angestellt. Sehen Sie ein Szenario, in dem der 1. FC Union tatsächlich den Titel gewinnen könnte?
Ja, wenn die Bayern ihn lassen. Dafür müssten sie das Interesse an der Bundesliga verlieren oder so euphorisch oder deprimiert von der WM in Katar zurückkehren, dass sehr seltsame Dinge passieren würden. Aber normalerweise ist es unmöglich.

Das Drama des modernen Fußballs ist, dass jeder sportliche Erfolg mit einem Preisschild verbunden ist. Deshalb freuen wir uns, wenn so etwas passiert wie bei Union oder Leicester, wo sportlicher Erfolg und Preisschild nicht zusammenpassen. Das sind die schönen Momente, in denen man denkt: Nicht alles ist durch Geld vorgegeben. Aber letztlich ist es wie beim Klimawandel, wenn es während einer sommerlichen Dürre zwei Tage lang regnet. Dies ist die Ausnahme von der Regel. Wenn du reich bist, kannst du es dir leisten, im Fußball Fehler zu machen. Wenn du arm bist, kannst du das nicht.

Grundvoraussetzung für den Titelgewinn wäre, dass Union weiter so konstant punktet wie bisher. Wie realistisch ist das?
Ich sehe keinen Grund, warum das nicht passieren sollte. Theoretisch könnte es natürlich zu einer bösen Verletzungswelle kommen, aber Union ist das Team mit den wenigsten Verletzungen in der Bundesliga – und das ist kein Zufall. Die Leistungen sind bisher absolut stabil, trotz der Doppelbelastung durch nationale und internationale Spiele. Ich sehe kein Szenario, warum sie einbrechen sollten.

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Was macht Union so viel stärker als die vielen anderen Vereine mit besseren Bedingungen, mit höherem Budget?
Ich glaube, dass es Urs Fischer und seinem Trainerteam gelungen ist, einen besonderen Fussballstil zu entwickeln, der die Schwächen, die diese Mannschaft zweifellos hat, mit einer steinharten und unglaublich gut organisierten Abwehr kompensiert. Union verteidigt nicht nur sehr gut, Union verteidigt auf Champions-League-Niveau. Das hilft auch über die Schwächen im Offensivspiel hinweg.

Warum haben viele Konkurrenten seit Jahren kein Gegenmittel zu dieser Art von Fußball gefunden, die viele als recht einfach bezeichnen?
Fußball ist nicht einfach, er tut Union Unrecht. Es ist nicht nur eine Frage des Willens, es steckt viel Arbeit dahinter. Die These, dass das Gameplay bald entschlüsselt wird, halte ich übrigens auch für Quatsch. Es ist nicht wie ein Zaubertrick, den man einfach durchschauen muss und dann weiß man: ach, so geht das. Wenn etwas so gut gemacht wird wie bei Union, muss man sich wirklich etwas einfallen lassen.

Sie haben die Arbeit des Teams von Urs Fischer ein Jahr lang sehr genau verfolgt. Stand damals die defensive Organisation im Mittelpunkt des Trainings?
Nein, es ging um alle Aspekte des Spiels. Wer keine herausragenden Spieler zur Verfügung hat, muss sein Spiel sinnvoll organisieren. Es ist sehr zeitaufwändig, und so war es vor drei Jahren auch.

Herr Windhorst hätte sein Geld besser investiert, wenn er es zu Union gebracht hätte.

Christoph Biermann

Wie groß ist Fischers Anteil an den Erfolgen von Union in den letzten Jahren?
Ich bin vielleicht etwas voreingenommen, aber Urs Fischer ist der beste Trainer der Bundesliga. Wenn man sich anschaut, wer was mit welchen finanziellen Mitteln macht, also in welchem ​​Verhältnis wirtschaftliches Engagement und sportlicher Ertrag stehen, dann liegen Fischer und seine Leute ganz klar vorn – mit großem Abstand.

Seit einiger Zeit herrscht ein reger Trainermarkt mit Ablösesummen und hohen Gehältern. Wie groß ist die Gefahr, dass Fischer irgendwann einer Versuchung erliegt?
Das finde ich relativ gering, weil ich den Eindruck habe, dass er sich hier sehr wohl fühlt. Sonst hätte er den Vertrag nicht einfach verlängert, sondern im Sommer auslaufen lassen und auf einen großen Klub gewartet, der sicher gekommen wäre.

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Wo sehen Sie die Grenze für einen Klub wie Union?
Das hängt von den wirtschaftlichen Möglichkeiten ab, die Sie entwickeln. Union wird in einer Woche auf der Mitgliederversammlung ihre Zahlen präsentieren, und auch wenn ich sie nicht kenne, sollten sie sich sehen lassen, weil sie allen über den Weg laufen. Schließlich ist dies eine Erfolgsgeschichte für Sponsoren, mit denen man sich gerne verbindet. Kaum hat der Verein das Stadion erweitert, erreicht es noch einmal neue Dimensionen. Union hat die Chance, sich langfristig im oberen Tabellenmittelfeld zu etablieren.

Braucht es für mehr einen großen externen Investor?
Ich weiß, dass Unionspräsident Dirk Zingler nicht per se gegen Investoren ist, aber Union ist immer noch ein eingetragener Verein ohne ausgelagerte Kapitalgesellschaft. Und ich sehe nicht, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird. Herr Windhorst hätte sein Geld besser investiert, wenn er es zu Union gebracht hätte. Obwohl ich nicht glaube, dass sie zugestimmt hätten.

Wenn Sie mit Lars Windhorst sprechen. Wie sehen Sie die Situation bei Hertha mit dem neuen Präsidium?
Hertha befindet sich in einer unglaublich komplizierten Situation, auch wenn der Wechsel an der Vereinsspitze etwas Ruhe in die Menge gebracht hat. Mein Gefühl ist zunächst positiv, aber mir fehlt die Vorstellungskraft für einen schnellen Ausweg aus der Misere. Sollte ein anderer Investor Windhorst auslösen, was ich bei diesem Preis für völlig unrealistisch halte, landet das Geld nicht auf dem Konto von Hertha, sondern bei Herrn Windhorst. Daher muss Hertha mit bescheidenen finanziellen Mitteln weiterarbeiten.

Union bleibt also auf absehbare Zeit die Nummer eins in der Stadt?
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Menschen aus ganz Europa jetzt auf Union schauen und nicht auf Großstadt Hertha. Windhorsts Idee war eigentlich gar nicht falsch. Die größte deutsche Stadt, die international viele Menschen elektrisiert, mit einem Verein, der im zweitgrößten deutschen Stadion spielt, hat noch viel Potenzial. Doch Hertha verpasste die Chance, mit Geld von außen den großen Sprung nach vorne zu machen.

Andererseits wissen wir alle, wie schnell es im Fußball gehen kann. Union zeigt das daran, dass der Verein über seine Möglichkeiten hinaus erfolgreich ist. Was aber, wenn Urs Fischer eines Tages geht und ein anderer Trainer vielleicht Kinderkrankheiten hat? Dann sind Sie mit Ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten womöglich im Handumdrehen wieder im Abstiegskampf.

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Fußballfans aus dem Ausland schauen nicht nur wegen des Erfolgs auf Union, sondern auch wegen der Stimmung im Stadion. Wie wichtig sind Spielerlebnis und Tradition für einen Klub wie Union?
Ich glaube, dass beides sehr wichtig ist und dass die Beteiligten, allen voran der Präsident, einen klaren Kompass haben, was möglich ist und was nicht. Die meisten Fans wissen auch genau, was sie wollen und was nicht.

Aber eines interessiert mich: Bei Klubs, die unerwartet an die Spitze aufsteigen, besteht immer die Gefahr, dass man irgendwann den Erfolg als selbstverständlich hinnimmt, international spielt oder Borussia Dortmund schlagen kann. Das ist menschlich, weil man sich dagegen nicht wehren kann. Ansonsten finde ich es wirklich vorbildlich und das sage ich als Fan des VfL Bochum, wie Union mit dem Thema Stadionerlebnis umgeht.

Nur vegane Wurst gibt es nicht.
(lacht) Wenn genug Leute nach veganen Würstchen fragen, werden sie da sein. Das regelt auch in Köpenick der Markt, und das geht schneller, als manch einer denkt, denn bei Union gibt es Geschäftsleute und keine Ideologen

Vor allem die Gewerkschaftsführung und Dirk Zingler werden von außen wegen Äußerungen wie vegane Wurst oder einigen umstrittenen Äußerungen zu Beginn der Pandemie kritisch betrachtet. Wie haben Sie die vielzitierte „Wagenburg-Mentalität“ in Ihrer Zeit bei Union erlebt?
Nicht so exklusiv wie oft behauptet wird. Ich diskutiere eigentlich sehr gerne mit den Leuten bei Union, zum Beispiel mit Dirk Zingler oder mit Christian Arbeit, dem Leiter der Kommunikation. Ich mit meiner BRD-Biographie und sie mit ihrer DDR-Biographie gehen teilweise sehr unterschiedlich auf Themen ein und ich finde die Diskussionen sehr bereichernd. Wir sind oft anderer Meinung, aber ich habe nie gedacht: Sie haben nicht alles im Schrank.

Bleibt Union ein Ostklub?
Für mich ja, ganz klar, denn fast alle Menschen, die die Geschicke des Vereins lenken und auch große Teile der Zuschauer haben eine östliche Biografie. Da steckt viel Stolz und Sturheit drin, das gefällt mir.

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