Berlin

Boden gut machen: Berlin will über sich hinauswachsen

Im voll asphaltierten Manhattan ist Entsiegelung seit Jahren an der Tagesordnung, egal wie winzig die neue Grünfläche an der einen oder anderen Straßenecke entsteht. Im Frühjahr bauten sie dort sogar einen öffentlichen Park auf Betonpfählen in den Hudson River hinein – Little Island. Es war eine Frage der Zeit, bis die New Yorker Welle des ehemaligen Bürgermeisters Bloomberg nach Berlin überschwappte, wo das Thema Entsiegelung noch immer auf tönernen Füßen steht. Sie ist angesichts der Anzeichen der Klimakrise immer erforderlich.

Obwohl Friedrichshain-Kreuzberg – welcher andere Bezirk? – Zur Erfassung des Entsiegelungspotenzials wurde bereits eine interaktive Website eingerichtet. Mit der Urban Green Charter gibt es auch eine Selbstverpflichtung des Landes. Aber was hat Berlin sich und seinen Bürgern nicht schon versprochen? Denken Sie nur an das 2019 gestartete Förderprogramm „1000 Gründächer (GründachPLUS)“.

Ohne Entschädigung keine Genehmigungen für Bauvorhaben

Also jetzt ein anderer Ansatz. Das Berliner Immobilienmanagement BIM, das die landeseigenen Immobilien und Flächen verwaltet und entwickelt, soll mit Weitblick aufholen. Die zweite Überlegung neben dem natürlichen Ansatz: Baugenehmigungsverfahren, insbesondere für kommunalen Wohnungsbau, könnten so beschleunigt werden. Ausgleichsbereiche müssen nicht mehr gesucht werden – sie sind bereits im Vorfeld definiert.

„Egal wo wir bauen – immer müssen Bäume umfallen und Flächen versiegelt werden“, sagt BIM-Geschäftsführer Sven Lemiss zur Ausgangsvoraussetzung. Es geht auch um den Verlust artenschutzrelevanter Strukturen und Eingriffe in das Berliner Stadtgrün. Ohne Entschädigung gibt es jedoch keine Genehmigungen für Bauvorhaben. BIM arbeitet derzeit an einer Entschädigung für den Bau von sechs Feuerwachen.

Es gibt keine klaren Vorschriften zur Vermeidung von Versiegelungen

Die Versiegelung schreitet voran, wenn auch langsamer als zuvor. 1992 waren zunächst 5,3 Prozent des Bundesgebiets versiegelt, 2018 waren es bereits 6,5 Prozent. Der Anstieg hängt mit dem der Siedlungs- und Verkehrsflächen zusammen, von denen fast die Hälfte (45,1 Prozent) versiegelt sind, schreibt die Bundesstiftung Baukultur in ihrem aktuellen Gutachten, das diese Woche in Berlin vorgestellt wurde. Diese Flächen werden bebaut, betoniert, asphaltiert, gepflastert oder mit Folien luft- und wasserdicht versiegelt.

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Es fehlen noch wirksame Regelungen, um eine Versiegelung oder gar eine Entsiegelung zu verhindern. Die Naturschutzverordnungen des Bundes und der Berliner Länder sehen im Hinblick auf die Versiegelung eine „Verhinderungsanordnung“ vor. Sind sie unvermeidlich, müssen Ersatz- und Ausgleichsmaßnahmen getroffen werden. Und wenn auch diese nicht möglich sind, wird die Zahlung eines Ersatzgeldes angekündigt. Der sparsame Umgang mit Flächen ist Bestandteil von Flächennutzungsplänen – das ist aber Auslegungssache.

Eine „Neue Umbaukultur“ – so der Untertitel des Baukulturberichts – scheint dringend geboten: Tag für Tag werden in der Bundesrepublik Deutschland 54 Hektar Wald- und Agrarflächen umgewidmet. Das Ziel, den geplanten Flächenzuwachs bis 2020 auf 30 Hektar zu begrenzen: verfehlt. Nun soll es bis 2030 möglich sein. Dann soll die Versiegelung vorbei sein, wie es im Koalitionsvertrag steht. Dazu gehört für die Grünen auch die Fassadenbegrünung. Netto-Null-Versiegelung heißt das Zauberwort. Zum Beispiel mit Rasengittern oder grünen Mittelstreifen. Für jeden Zentimeter, der gebaut wird, soll an anderer Stelle einer abgebaut werden. Aber wie soll das in der Praxis funktionieren?

Pilotprojekt ist eine ehemalige Kreisgärtnerei in Marienfelde

Bevor Ausgleichsflächen – wegen Neubau von Häusern oder Verkehrsflächen – notwendig werden, sollten Potenziale gefunden werden, wo Flächen ohne Asphalt und Beton brach liegen könnten. Passenderweise entdeckte und renaturierte das BIM zunächst eine baufällige Kreisgärtnerei in Marienfelde. Früher war hier alles mit Beton bedeckt. Hier sprießen bald Gräser und Büsche. Damit soll der Bau einer Feuerwache kompensiert werden. 25.000 Quadratmeter Fläche werden entsiegelt.

„Wir haben eine Million Euro für den Abriss ausgegeben“, sagt BIM-Geschäftsführer Sven Lemiss. Und wer kümmert sich dann um das Ödland? „Wir verpflichten uns, diese Immobilie mindestens 15 Jahre lang zu erhalten. Ich sehe uns dort in einer Führungsfunktion.“ Mit anderen Worten: Es wird eine Firma beauftragt, die dafür sorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Berlins geschwächte Grünflächenämter stört das BIM jedenfalls nicht.

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Das BIM hat bereits zwei weitere Bereiche auf dem Bildschirm. Sie kümmert sich vor allem um größere Liegenschaften. Ein weiteres landeseigenes Gartencenter befand sich in Reinickendorf (Quickborner Straße 192 E/F) und in Lichtenberg (An der Margaretenhöhe 65) steht ein ehemaliges Polizeigrundstück zur Verfügung. Weitere Freiflächen werden derzeit kategorisiert. Die entsprechenden Vereinbarungen werden über eine Gebietsstelle in der Umweltverwaltung getroffen. „Es gibt Bereiche, in denen sich kein Nutzungsszenario abbilden lässt“, sagt Lemiss.

Wir brauchen eine flächendeckende grüne Infrastruktur – wir brauchen eine grüne Querung durch die ganze Stadt.“

Christian Hönig, Baumschutzfachmann beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND)

Aber sollte es nicht auch aufs Wesentliche ankommen, zum Beispiel in Berliner Hinterhöfen? Christian Hönig, Baumschutzfachmann beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), hält das für Stückwerk. „Manchmal funktioniert es mehr und manchmal weniger schlecht“, sagte er der rbb-Abendshow. „Man muss wirklich groß rauskommen. Wir brauchen eine flächendeckende grüne Infrastruktur – an den großen Plätzen, an den Mittelstreifen, und wir brauchen eine grüne Querung durch die ganze Stadt.“ Entsiegelung ist nur ein Aspekt, wenn man das große grüne Ganze betrachtet: „Je mehr Verdichtung, je mehr Menschen in den Parks, desto weniger Platz für den Einzelnen in den Parks – desto höher die Übernutzung.“

Eine riesige Problemwelle kommt auf uns zu, findet nicht nur Christian Hönig. Durch den hohen Versiegelungsgrad leidet das Kleinklima in den Städten: Die Luft ist trockener und die Durchschnittstemperaturen höher als im Umland. Der Trend zu steigenden Temperaturen wird durch den Klimawandel steiler. Luftschadstoffe konnten nicht mehr gefiltert werden. Es fließt weniger Wasser ins Grundwasser. Entwässerungs- und Kläranlagen werden durch das Abfließen von Oberflächenwasser – wie es in Berlin häufig bei Starkregen zu beobachten ist – stärker belastet.

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Umfangreiche Anpassungsmaßnahmen sind die Folge. „Bodenversiegelung bedeutet den vollständigen Verlust natürlicher Bodenfunktionen. Regenwasser kann auf versiegelten Flächen nicht versickern und die Grundwasservorräte auffüllen“, sagt Carsten Preuss, Landesvorsitzender des Bundes für Naturschutz (BUND) Brandenburg.

Auch in Brandenburg wächst die Zahl der versiegelten Flächen

Nach BUND-Angaben sind 9,5 Prozent der Landesfläche in Brandenburg als Verkehrs- und Siedlungsgebiete ausgewiesen. „Das klingt nicht nach viel, aber zwischen 2000 und 2018 wuchs die Fläche um 16,6 Prozent: durchschnittlich 6,1 Hektar pro Tag“, sagt Preuß.

Doch wer soll und wer wird sich um die unversiegelten Flächen in Berlin kümmern, wenn sie nicht im BIM-Portfolio sind? Die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz verweist auf die Grünflächenämter der Bezirke.

Auch Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, sieht die Grünflächenämter vor neuen Aufgaben. Nagel ist seit 2005 Referatsleiter in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für die Bereiche Stadtentwicklung, Stadt- und Freiraumplanung. „Man muss nur das Grünflächenbudget in Berlin von 80 auf 160 Millionen Euro erhöhen“, schlägt er vor. Die unversiegelten Flächen sollten übrigens „mit hochwertigen Materialien“ wieder versiegelt werden. Sehr leicht.

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