Berlin

Berliner Stromversorgung seit 1848: Kurioses aus 137.000 Fotos aus der Bewag-Sammlung

Der Schirm hat einige Regengüsse abgehalten, zeigt Schimmelflecken, erfüllt aber dennoch seinen Zweck. Ihn auf diese Makel aussortieren? Seine Prägung macht es immer wieder wett. Wer kann bei einem Wolkenbruch zeigen, dass er „Gast beim Bundespräsidenten“ war.

Er hieß Roman Herzog und lud am 5. September 1996 zum „Fest der Kulturen“ in den Park von Schloss Bellevue ein. Leider war es ein Regentag – Pech für den Präsidenten und seine Gäste, aber viel Glück für die Bewag: Der Berliner Stromversorger hatte vorsorglich mit seinem Logo verzierte Regenschirme zur Verfügung gestellt, die fleißig genutzt wurden.

Der Regenschirm ist ein Museumsstück, keine Frage. Dennoch dürfte es keine Chance haben, in die Sammlung des Deutschen Technikmuseums in Kreuzberg aufgenommen zu werden. Zumal das Museum, wie berichtet, kürzlich vom Vattenfall-Konzern – der den später aufgelösten Berliner Konkurrenten 2003 übernommen hatte – in das Bewag-Archiv gestiftet wurde: 200 Meter Regalfläche, 137.000 Fotos und 1000 historische Pläne, die die Firmengeschichte ab 1884 zeigen bis 2005 Dokument.

Schon der wahllose Griff ins Regal lässt erahnen, was es in den Kisten zu entdecken gibt. Oben auf der ersten Kiste, die Archivar Marcel Ruhl zückt, Fotos der längst vergangenen Skulptur „Electricity“ des Bildhauers Louis-Ernest Barrias, die 1889 auf der Pariser Weltausstellung gezeigt wurde, ein Objekt mit eher losem Bewag-Bezug, abgesehen davon – neue Schachtel – ein Fotoalbum aus dem Jahr 1930, das die Berliner Kraftwerke in Masse und im Detail zeigt, eine Schnittzeichnung eines Wasserkochers oder eine grafische Darstellung des Stromverbrauchs einer durchschnittlichen Familie.

Das Archiv ist nur eingeschränkt nutzbar. Vattenfall hatte bereits einen Dienstleister beauftragt, das Material aufzubereiten und digital zu erfassen, das nun fein säuberlich verpackt im Museumskeller lagert. Die dazugehörigen Datensätze, die den Zugang zu diesem Schatz überhaupt erst ermöglichen, würden demnächst geliefert und im Oktober in die Datenbank des Museums aufgenommen, erklärt Ruhl. Dann wird auch das Archiv vollständig öffentlich zugänglich sein, Material kann im Lesesaal von Archiv und Bibliothek eingesehen werden – eine „wichtige Ergänzung der Electropolis-Sammlung des Museums“, wie es bei der Bekanntgabe der Schenkung hieß.

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Radtouren zu den Industriedenkmälern

Aber für manche ist das Stöbern in Archiven nichts für sie, trotz ihres Interesses an Technik- und Industriegeschichte hier. Perfekt wäre ein weiteres Angebot, das auch vom Deutschen Technikmuseum mit verantwortet wird und dazu einlädt, die historisch relevanten Stätten Berlins mit dem Fahrrad zu erleben. Gemeinsam mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin betreibt das Museum das Projekt Berliner Zentrum Industriekultur (BZI), das seit kurzem auch in die „berlinHistory App“ aufgenommen wurde. Es wird vom Verein berlinHistory betrieben und bietet eine offene Plattform „für Kultureinrichtungen, Museen, Archive und gleichzeitig für private Initiativen, lokale Forscher und Bürger“, wie es auf der Website heißt.

Hier könnten alle möglichen historischen Dokumente veröffentlicht werden – natürlich nach redaktioneller Prüfung. Eine Art digitales Museum und gleichzeitig ein Wegweiser zu den entsprechenden Orten in der Stadt, reich gefüllt mit Karten, Texten, Fotos und fünf Radtourenvorschlägen. Sie sind nicht nur in ihren Industriegebieten zu finden, sondern auch in Parks, Hinterhöfen und anderen versteckten Orten.

Bleiben wir beim Thema „Elektropolis“: Klar, die „Kathedralen der Elektrizität“ sind in der App versammelt, wie etwa das ehemalige Umspannwerk Scharnhorst in der Sellerstraße 16-26, entworfen von Bewag-Hausarchitekt Hans Heinrich Müller und eröffnet 1927 Vattenfalls Vertrieb und Kundenzentrum, das Backsteinberge mit einer merkwürdigen, hoch aufragenden Glaskanzel auf dem Dach bedient. Die App verrät uns, dass dort bis in die 1940er-Jahre ein Mitarbeiter entschied, wann die Straßenlaternen eingeschaltet werden.

Ein zentraler Standort in Electropolis. Aber wer erwartet zum Beispiel im Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge in Lichtenberg ein heute denkmalgeschütztes und zu einem kleinen Technikmuseum umgebautes Kesselhaus aus dem späten 19. Jahrhundert mit drei aufwendig restaurierten Kesseln von 1892, 1938 und 1960. Bereits die erste versorgte das Gebäude zuverlässig mit Wärme und Strom.

Dass in den 1980er-Jahren in der Teltowkanalstraße 9 in Lankwitz der damals größte Batteriespeicher der Welt gebaut wurde, ist selbst Alteingesessenen kaum bewusst, geschweige denn Neu-Berlinern. Seit 1911 gab es ein Kraftwerk, das nach der Bildung von Groß-Berlin 1920 von der Bewag übernommen wurde. Es wurde wenige Jahre vor der Wiedervereinigung zu einem Speicher umgebaut, um die Kraftinsel West-Berlin vor einer möglichen weiteren Auskühlung zu schützen der kalte Krieg.

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Nach ihrem Ende schien die Anlage überflüssig und wurde geschlossen. Seit 2001 beherbergt das Gebäude das Energiemuseum Berlin, in dem die Geschichte der „Elektropolis Berlin“ auf vier Etagen mit über 5000 Exponaten ehrenamtlich betreut nacherzählt wird.

Vor dem Ersten Weltkrieg war dieser Begriff, wie der App-Nutzer erfährt, eigentlich ein „Synonym für die moderne, vernetzte Stadt“, da sich die lokale Elektrizitäts- und Elektroindustrie ab den 1880er Jahren rasant entwickelt hatte und die öffentliche Infrastruktur weltweit zum Vorbild wurde.

Der Tagesspiegel-Verlag hinter historischen Mauern

Werner Siemens und Johann Georg Halske hatten bereits 1847 mit der Eröffnung ihrer „Telegrafen-Bauanstalt“ in der Nähe des ersten Anhalter Bahnhofs den Grundstein gelegt. Zwei Jahrzehnte später meldete Siemens ein Patent für eine elektromagnetische Dynamomaschine an, einen ebenso leistungsstarken wie kostengünstigen Stromgenerator. Auch der Tagesspiegel wird in der App im Zusammenhang mit der Firmengeschichte von Siemens & Halske erwähnt, die 2009 von der Potsdamer Straße in Tiergarten an den Askanenplatz in Kreuzberg in ein ehemaliges Verwaltungsgebäude des Elektrokonzerns umgezogen ist.

Der zweite Vorfahre von Elektropolis Berlin ist Emil Rathenau. Sogar sein Familiengrab lässt sich per App finden: Beim Rundgang „Wasser und Strom“ befindet es sich zwischen den Stationen AEG-Siedlung Oberschöneweide und Funkhaus Nalepastraße, auf dem von Rathenau beauftragten Waldfriedhof in der Wuhlheide. Die Initialzündung für seinen Aufstieg zum Elektroinstallateur kam 1881 auf der Internationalen Elektrizitätsausstellung in Paris, wo der Amerikaner Thomas Alva Edison seine neu patentierten Glühbirnen vorstellte.

Auch Rathenau reiste an die Seine, erkannte die Chancen der Erfindung und sicherte sich die Patentrechte für Deutschland. Bereits 1883 wurde in Berlin die Deutsche Edison-Gesellschaft für Angewandte Elektrizität (DEG) gegründet, aus der vier Jahre später die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft (AEG) hervorging.

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Rathenau gelang ein echter Coup, als er am 13. September 1884 um Punkt 18 Uhr im Café Bauer an der Ecke Unter den Linden/Friedrichstraße einen Knopf drückte und Hunderte von Glühbirnen in dem berühmten Café und seiner Umgebung einschaltete. Den Strom lieferten vier Dampfmaschinen und sieben Dynamos, eine Art frühes Blockkraftwerk im Keller, das noch recht störanfällig war. Angeblich mussten die überhitzten Lager der Maschinen mit Eis aus den Sektkübeln gekühlt werden. Das Berliner Publikum beschwerte sich jedenfalls, wie es seine Art ist: „Die Gaslaternen brennen viel heller. Es wird kein echtes Ja im Leben sein.“

Eine Gedenktafel erinnert an den „Hauptbahnhof Markgrafenstraße“

Die Inbetriebnahme des ersten öffentlichen Kraftwerks am 15. August 1885 fand nicht nur Zustimmung. Das war am Gendarmenmarkt, im Hof ​​des Grundstücks Markgrafenstraße 35. Dort erinnert eine gusseiserne Gedenktafel an den „Hauptbahnhof Markgrafenstraße“. Das Kraftwerk mit einer Leistung von 540 kW Gleichstrom versorgte unter anderem das Theater und die Reichsbank mit Strom. Die Nachbarn beschwerten sich jedoch über dicke Rußflocken auf ihren Fensterbänken, vibrierende Wände, klapperndes Geschirr und überhitzte Kellerräume.

Das irritierte Emil Rathenau nicht, wie er kurz nach Fertigstellung des Hauptbahnhofs gegenüber dem Elektroingenieur Adolf Slaby bemerkte: „Nein, wie verkennst du den unstillbaren Stromhunger der Menschheit in einigen Jahren. Statt dieser Kellerräume mit ihrem ohrenbetäubenden Lärm sehe ich hohe, luftige Riesenhallen und Maschinen von vielen tausend Pferden, die die Millionenstadt automatisch und lautlos mit Licht und Strom versorgen.“ Und so geschah es.

1884 gründete die DEG die Städtischen Elektrizitätswerke, aus denen die Städtischen Elektrizitätswerke Berlin Akt.-Ges. (Bewag) waren. Längst hat sich Berlin zu einer Hauptstadt des elektrischen Lichts entwickelt. Bereits 1913 empfahl ein Reiseführer, am Potsdamer Platz in einen Bus in Richtung Friedrichstraße einzusteigen. Wenn Sie in ihn einbiegen, erwartet Sie als Höhepunkt der Fahrt eine „Leuchtflut aus Leuchtreklamen, Lampen und Transparenten bis weit zum Bahnhof Friedrichstraße“.

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