Berlin

Architekt Tobias Nöfer über Friedrichstraße: „Vorfahrt für ein Verkehrsmittel ist in der Innenstadt falsch“

Herr Nöfer, die Berliner Friedrichstraße ist aufgrund eines Beschlusses des Verwaltungsgerichtshofs seit Mittwoch wieder für den Verkehr freigegeben. Im Wohnhaus von Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch laufen die Vorbereitungen für den Umbau in eine Fußgängerzone. Der bisherige Versuch, bei dem die Fußgängerzone mit einem Radschnellweg kombiniert wurde, funktionierte dort nicht. was schief gelaufen ist
Es gab kein Gesamtkonzept. Es wurde ein Aktionismus gestartet, der nicht auf einer Situationsanalyse beruhte, sondern ein politisches Statement war. Friedrichstadt ist ein Netzwerk, und wenn man plötzlich eine Zeile hervorhebt oder wegnimmt, hat das Konsequenzen. In Deutschland haben wir umfangreiche Erfahrungen mit Fußgängerzonen, die immer eine eindeutige Vorder- und Rückseite ergeben, und dann mit Lieferverkehr und Müll.

Die Friedrichstraße ist ein Mythos. Was war diese Straße historisch?
Diese mehr als drei Kilometer lange Straße hatte in der Vergangenheit unterschiedliche Abschnitte und führt durch die beiden 300 Jahre alten Stadterweiterungen Friedrichstadt und Dorotheenstadt, südlich und nördlich der Linden. Es wurde nicht alles in einem Rutsch entwickelt. Die Friedrichstraße wurde sukzessive von Norden nach Süden ausgebaut. Es gab also natürlich verschiedene Bereiche.

Eigentlich war die Leipziger Straße Ende des 19. Jahrhunderts die Hauptverkehrs- und Einkaufsachse. Die Friedrichstraße, zeitweise auch Zentrum der Berliner Prostitution, stellte die Verbindung zwischen Leipziger, Linden und Bahnhof dar. Dieses Zentrum entwickelte sich bis in die 1940er Jahre sehr urban, dann kamen Krieg, Teilung und Mauerbau. Jetzt schafft es neue Probleme, wenn man aus diesem großen Innenstadtbereich eine Vene herausnimmt und sagt: Da setzen wir einen Stent.

Um bei der medizinischen Terminologie zu bleiben: Der Kurfürstendamm ist eingebettet in ein gesundes Stadtgefüge, die Friedrichstraße nicht. Wie kann es wieder gedeihen, wenn die Umgebung nicht gedeiht?
Der Unterschied zwischen Kurfürstendamm und Friedrichstraße ist maximal, nicht nur historisch, sondern auch in der Nutzung. Der Kurfürstendamm ist historisch gesehen der exzentrische Westen, auch in dem Sinne, dass er das maximale Stadtwachstum in diese Richtung darstellt. Es ist umgeben von weitläufigen Wohngebieten, die durchweg modisch bewohnt wurden, auch wenn sie sich natürlich verändert haben.

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Die Friedrichstadt ist 300 Jahre älter und gehört zur historischen Innenstadt, war aber bis 1990 Grenzgebiet, Zonenrand. Die DDR interessierte eigentlich nur die Mitte bis zum Palast der Republik, das Außenministerium fungierte als eine Art Mauer nach Westen, da hörte die Hauptstadt der DDR mehr oder weniger auf. Solche brachialen Schnitte lassen sich nicht einfach wegfegen.

In den vergangenen 30 Jahren ist es nicht wirklich gelungen, Friedrichstadt wieder auf eigene Beine zu stellen.
Nach der Wiedervereinigung gab es verschiedene Möglichkeiten. Wenn man sieht, was da entstanden ist, kann man sagen: Wir hatten Glück. Immerhin ist der barocke Grundriss erhalten und ein städtebaulich halbwegs angenehmer, homogener Stadtkörper nachgebildet worden. Andererseits wurden auch Fehler gemacht. Das Größte: Sie haben nicht unterteilt, sondern ganze Blöcke verkauft, die dann mit riesigen Objekten bebaut wurden. Die fehlende Parzellierung verhindert eine Wandelbarkeit.

„Grundstücke“ ist ein Zauberwort in der Stadtentwicklung. Denn sie sind meist die Bedingung einer kleinräumigen und damit auch menschlichen Struktur.
Wir haben vor 25 Jahren die Berliner Schwarz- und Parzellenpläne untersucht und herausgefunden, dass, obwohl die physische Zerstörung Berlins durch Krieg und Abriss erfolgte, die große Veränderung in der Matrix der Stadt zwischen 1950 und 1989 stattfand. Grundstücke waren zusammengekauft, der Umbau zur autogerechten Stadt vorangetrieben, große Flächen mit städtebaulichem Recht geschaffen.

Insofern konnte mancherorts nichts eingespart werden, vor allem weil die öffentliche Stadtplanung wenig Einfluss auf privates Eigentum hat. Es hätte eines brutalen Eingriffs in Eigentumsrechte bedurft, wenn man es hätte parzellieren wollen. Auch im Osten, auch in Friedrichstadt, wurden Grundstücke zusammengelegt und oft ohne Restitution bebaut.

Ich kann verstehen, dass Trader auf die Barrikaden gehen.

Tobias Nöfer

Was kann jetzt aus der Friedrichstraße werden? Ist die Rückkehr des Autoverkehrs die Rettung? Oder eine Fußgängerzone?
Da haben wir ein erkennbares städtebauliches Konzept, das ist schon was. Man muss auch benennen, was gut ist. Der Gendarmenmarkt ist ein schöner Platz. Ich glaube nicht, dass massive Änderungen notwendig sind. Sie sehen immer aus wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird und Wellen schlägt. Wenn wir dort jetzt eine Fußgängerzone machen, entwertet das die anderen Straßen. Du kannst es tun, aber du musst es bewusst tun. Was passiert, wenn Querstraßen zu Sackgassen werden, sehen Sie jetzt: Alles ist voller Lieferverkehr.

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Ich kann verstehen, dass Händler auf die Barrikaden gehen, weil sie plötzlich 1b-Lagen sind. Als Verband von Architekten und Ingenieuren müssen wir oft mit ansehen, wie unsere fachlichen Einwände von politischen Interessen beiseite geschoben werden. Wer so hart mit der Straße umgeht und kurz nach der Corona-Delle das nächste leichtsinnige Experiment macht, schadet einzelnen Menschen und der ganzen Stadt.

Auf dem Kudamm stehen prächtige Platanen, und es heißt immer, auf der Friedrichstraße dürfen keine Bäume gepflanzt werden, weil die U6 direkt unter dem Bürgersteig verläuft.
Das stimmt, aber nur auf die Friedrichstraße zu schauen, reicht nicht. Die Seitenstraßen und die Leipziger Straße scheinen niemanden zu interessieren. Man muss es als Netzwerk verstehen und darüber nachdenken, wie sich Grün in diesen barocken Stadtplan integrieren lässt. Und Gestaltungsvorschläge erarbeiten, sich mit Anwohnern abstimmen. Es ist mir unbegreiflich, wie man so stark in die Funktionalität der Straße eingreifen konnte, ohne Partizipation, die seit jeher so hoch geschätzt wird.

Der Autoverkehr allein wird die Straße nicht retten.
Und der Radverkehr allein auch nicht. 70 Jahre lang haben die Menschen dem Auto den Vorrang gegeben, aber jetzt kann man nicht den Fehler machen, dasselbe mit Fahrrädern zu produzieren und sich dann zu wundern, wenn es zu Unfällen mit Fußgängern kommt. Der Vorrang eines Verkehrsmittels vor allen anderen ist in der Mitte grundsätzlich falsch.

ichInwiefern ist es auch ein Problem, dass die Friedrichstraße als Sackgasse am Mehringplatz endet? Würde es der Straße helfen, wenn du das änderst?
Ich bin mir sehr sicher. Der Mehringplatz ist eines der markantesten städtebaulichen Probleme, die wir in Berlin haben. Der Ort war komplett zerstört, es war kein Stein mehr auf dem anderen. Dann haben Hans Scharoun und Werner Düttmann ein Konzept entwickelt, das ich als „Open-Heart-Experiment“ bezeichnen würde. Aus heutiger Sicht war es unverantwortlich: Sie erklärten den Platz nach hinten und probierten eine Straße auf der „falschen“ Seite, nämlich zwischen den beiden Wohnringen.

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Allerdings wird diese Zone als Straße nicht ernst genommen, und der zentrale Bereich neigt dazu, zu Slums zu werden, wie alle Parks, die Rückseiten sind. Wenn es kein Vorne und kein Hinten gibt, keinen Unterschied zwischen öffentlich und privat, dann funktioniert eine Stadt nicht. Wobei „privat“ hier nicht „Privateigentum“ bedeutet, sondern sich auf menschliches Verhalten im Weltraum bezieht. Auch das örtliche Quartiersmanagement schreibt, der Mehringplatz sei ein städtebauliches Defizit. Dem würde ich vollkommen zustimmen. Ein gescheitertes Experiment.

Was also tun? Der Platz wurde gerade erst nach einer quälend langen Umgestaltung wiedereröffnet.
Es wird nichts nützen. Ich halte den Mehringplatz in seiner jetzigen Form für einen hoffnungslosen Fall. Der Denkmalschutz schützt hier ein höchst problematisches städtebauliches Defizit. Das muss man diskutieren und auch an Abriss und Neubau denken.

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