Berlin

Angriffe von Klimaaktivisten auf Gemälde: Finger weg von der Kunst!

Jedes Kind kennt die Metapher, dass es „fünf Minuten vor zwölf“ ist. Dass es seit 1947 eine Weltuntergangsuhr gibt, die anzeigen soll, wie nahe die Bedrohung durch eine globale Katastrophe seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs geworden ist, dürfte weit weniger bekannt sein.

Eingeführt wurde sie von einer hochrangigen Gruppe von Naturwissenschaftlern, die nach Beginn des Atomzeitalters der Öffentlichkeit zeigen wollten, wie ernst es ihr mit dieser symbolträchtigen Uhr, die in der Fachzeitschrift Bulletin of the Atomic Scientists abgebildet war und ist, geht seitdem immer wieder mit dem Minutenzeiger zurückgesetzt.

Jedes Mal, wenn die Gefahr eines Ausbruchs eines Atomkriegs in den letzten Jahrzehnten zunahm, näherte sich der Minutenzeiger der magischen Zahl Zwölf. Nachdem mit einer Einstellung von „sieben bis zwölf“ begonnen wurde, kam 1953 aufgrund der Wasserstoffbombentests der USA und der Sowjetunion „zwei bis zwölf“ der Grenze gefährlich nahe.

Eine ähnliche Gefahrenkonstellation wurde nur 2018 und 2019 bei gleicher Zeigerstellung erreicht. Das liegt interessanterweise nicht mehr nur an der Gefahr eines Atomkrieges, sondern auch an einer drohenden Klimakatastrophe. Seitdem heißt es, die Menschheit sei von „zwei existenziellen Gefahren“ bedroht: Atomwaffen und Klimawandel.

Um allen die unbestreitbaren Gefahren der globalen Klimakrise bewusst zu machen, begann Greta Thunberg im Herbst 2018 mit immer drastischeren Metaphern. Damit wollte sie signalisieren, dass es jetzt darauf ankommt, die letzte verbleibende Chance zu nutzen, um das Drohende abzuwenden Katastrophe. Dabei bediente sie sich implizit und explizit einer existentiellen Rhetorik.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos sprach sie beispielsweise von einem brennenden Haus, das „in Flammen“ stehe, und drohte, die Erwachsenen sollten deshalb „in Panik geraten“. Und auf einer UN-Klimakonferenz in Katowice riet sie der Politik, die einzig vernünftige Entscheidung könne sein, „die Notbremse zu ziehen“.

Verschiedene Aktionsgruppen haben in letzter Zeit versucht, diese Finalisierungslogik zu übernehmen. Zuerst war es eine britische Gruppe namens „Extinction Rebellion“, die zeitweise sogar vorhatte, Europas größten Flughafen in Heathrow mit Drohnen lahmzulegen. Und nun steht die „Letzte Generation“ im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Schon ihre Namensgebung weckt den Verdacht der Selbstermächtigung. Anscheinend wird behauptet, sie seien es, in deren Händen die Macht liege, Zeit und Geschichte zu definieren.

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Sitzblockaden und Straßenblockaden folgten zuletzt Anschläge auf Gemälde in Dresden, Frankfurt, München, London und Potsdam. Nämlich solche von möglichst ikonographisch geprägten Künstlern, deren Werke, wie im Fall von Monets „Heuhaufen“-Bild, auch einen exorbitanten monetären Wert darstellen. Angeblich soll die Empörung über die drohende Klimakatastrophe noch gesteigert werden. Seitdem wird über Sinn und Unsinn von Kunstangriffen mit Tomatensuppe oder Kartoffelpüree diskutiert.

Nun, ein impressionistischer Maler wie Claude Monet ist nicht gerade umweltsündverdächtig. Wer einmal durch seinen Garten in Giverny wandern konnte, hat eine Naturoase nahe der Seine erlebt, mit einem Atelier umgeben von Seerosen und anderen wunderbaren Pflanzen. In ihm und seinen Bildern einen Grund für irgendwelche Attacken sehen zu wollen, ist verfehlt. Genau das Gegenteil, wo ein Grund für einen Angriff sein sollte, klafft ein Loch.

Ein impressionistischer Maler wie Claude Monet wird nicht gerade einer Umweltsünde verdächtigt.

Wolfgang Kraushaar

Kurz gesagt, die Klimaaktivisten haben sowohl ihr Ziel als auch ihre Mittelwahl verloren. Niemand sollte ihnen auf diesem falschen Weg folgen. Nicht einmal ein Rockmusiker wie der durch seine Live-Aid-Konzerte bekannt gewordene Bob Geldof, der plötzlich das Gefühl hat, die Tomatensuppen-Aktion gegen van Goghs „Sonnenblumen“-Bild „zu 100 Prozent“ mittragen zu müssen. Egal ob mit Suppe oder Brei, die Wurfaktionen sind Akte der Beschmutzung und Erniedrigung, mit denen Künstler und ihre Werke massiv herabgesetzt werden.

Die Geschichte der Bilderstürmer geht auf eine lange Tradition zurück, die meist auf religiöse Motive gegründet ist. Unter dem Begriff Ikonoklasmus ist sie selbst in die Kunstgeschichte eingegangen. Und mancher Avantgardist des 20. Jahrhunderts kam nicht umhin, dieses umkämpfte Terrain zu betreten.

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Doch was nützt es, im Kontext der Umweltschutzbewegung zu solchen Mitteln zu greifen? Warum werden Kunstwerke als Objekte ausgewählt? Und hat es nicht etwas damit zu tun, Prominente zu ergreifen, um auf diese Weise mehr Aufmerksamkeit zu erlangen?

Ein von der „Last Generation“ nach ihrer Wurfaktion im Potsdamer Museum Barberini auf Twitter veröffentlichtes Video trägt die Überschrift: „Was ist allen mehr wert – Kunst oder Leben?“ Was im Umkehrschluss natürlich nichts anderes als ein Kunstwerk bedeutet, kann angesichts der zunehmenden Zerstörung der Lebensgrundlagen wenig oder gar keine Bedeutung haben.

Ist Monets Kunst angesichts der Krise nichts mehr wert?

Und so heißt es schließlich, dass ein Bild wie das Monet-Gemälde „nichts wert“ sei, wenn man sich erst einmal ums Essen streiten müsse. Im nackten Kampf ums Überleben bleiben einige Dinge auf der Strecke. Und die Kunst wahrscheinlich unter den ersten. Wer bereit ist, dies zu opfern, wird vor anderen zivilisatorischen Errungenschaften kaum Halt machen.

Wir beobachten derzeit überall eine zunehmende Existentialisierung des Politischen. Sie findet keineswegs nur im Zuge einer katastrophal unterlaufenen Klimakrise statt. Sie hat sich auch in der Corona-Pandemie und mehr noch in Putins Annexionskrieg gegen die Ukraine eingenistet. Aber der politische Existentialismus ist ein schlechter Ratgeber für all jene Kräfte, die sich gegen diese Gefahren wehren wollen.

Wenn irgendetwas an einer Endzeitgruppe wie der „letzten Generation“ ernst zu nehmen ist, dann ist es die Hoffnungslosigkeit, die die Klimapolitik trotz aller Rechtfertigungsrhetorik prägt. Daran konnten weder die an die Staatsmacht aufgestiegenen Grünen noch eine Massenbewegung wie „Fridays for Future“ etwas ändern. Ein Hebel, um das ökologische Ruder wieder umzudrehen, ist nicht in Sicht. Weder auf nationaler noch auf transnationaler Ebene und schon gar nicht auf internationaler Ebene.

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Selbst Experten wie Hans Joachim Schellnhuber, der Doyen unter den Klimaforschern und Gründer des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, scheinen sich längst einig zu sein, dass die Pariser Klimaziele nicht mehr zu erreichen sind. Völlig resigniert bezeichnete er das 2015 in der französischen Hauptstadt unterzeichnete Abkommen als „falsches Dokument“, dem man nur „in einem Zustand schwerer Schizophrenie“ glauben könne. Denn die dort erreichte Zustimmung der UN-Mitgliedsstaaten zur als notwendig erkannten „radikalen Dekarbonisierung der Weltwirtschaft“ beruht auf der „Freiwilligkeit“ der einzelnen Nationen.

Wer bereit ist, Kunst zu opfern, wird vor anderen zivilisatorischen Errungenschaften kaum Halt machen.

Wolfgang Kraushaar

Aber das ist nichts als Selbsttäuschung. Diese Paraphrase offenbart die tönernen Füße, auf denen das sonst so begeistert gefeierte Pariser Abkommen tatsächlich steht. Da kein Handlungszwang besteht, läuft alles so ausgehöhlt, dass es sich als bloße Phrase desavouiert. Das ist der Nährboden, der junge Menschen zur Verzweiflung treiben kann.

Politische Ausweglosigkeit bringt allerlei bizarre Blüten hervor. Unter Umständen auch solche, bei denen Kartoffelpüree auf Werke von Künstlern geworfen wird, die nicht mehr unter den Lebenden sind, sich also nicht mehr wehren können. Aber solche Taten sind ein Symptom, ein Zeichen eines eklatanten Mangels an politischer Entschlossenheit.

Diese Angriffe, so bedenkenswert die Motive der Angreifer auch sein mögen, sind nicht nur kontraproduktiv, sie sind für eine demokratische Gesellschaft durch ihre Grenzverschiebungen gefährlicher als viele denken. Und sie müssen daher einstimmig verurteilt werden. Mit solchen Angriffen auf Kunstgegenstände wird eine unsichtbare Grenze überschritten. Die Angreifer verletzen einen schützenswerten Raum, letztlich den der künstlerischen Imagination. Nicht nur die Würde des Menschen ist unantastbar, sondern auch die eines Kunstwerks. Deshalb: Finger weg.

Währenddessen läuft die Weltuntergangsuhr unerbittlich weiter. Bei der Atomkriegsgefahr müsste es dank Putins Eroberungswahn eigentlich „vor zwölf“ sein und bei der Klimakatastrophe wohl schon „zwei nach zwölf“.

  • Klimawandel
  • Museum Barberini
  • Wladimir Putin

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