Berlin

Ab zu den Pilzen: Ranger und Biologen geben Tipps zum Sammeln in Brandenburg

Pilze sammeln ist ein Abenteuer. Nase und Augen sind auf dem weichen, duftenden Waldboden, die Erde ist mit bunten Blättern bedeckt und sie suchen nach Essbarem. Aber welche Pilzsorte kann man mehrmals hintereinander genießen und welche nur einmal? Und wie sammelt man eigentlich Pilze?

„Am besten einen großen Korb, ein Messer und gute Laune mitnehmen“, rät Katrin Schulze, Ranger der Naturwache Westhavelland. So ausgerüstet treffen wir uns am kleinen Parkplatz an der Bammer Landstraße, etwas außerhalb der Kreisstadt Rathenow, wo die Naturwacht Westhavelland zu einer Pilzwanderung mit Pilzexpertin Annemarie Kopsch eingeladen hat. Aber Sammler werden in ganz Brandenburg fündig – so waren wir schon an vielen Orten unterwegs.

Das größte Lebewesen der Welt

Die Aufgabe unseres Pilzführers ist einfach: Finden und bringen Sie Pilze, ob Sie denken, dass sie essbar sind oder nicht. Dafür stehen etwa zwei Stunden zur Verfügung. Um die Pilze zweifelsfrei identifizieren zu können, ist es wichtig, sie nicht einfach abzuschneiden. Sie werden vorsichtig aufgeschraubt, der ganze Fruchtkörper ist zu begutachten. Decken Sie danach das entstandene Loch vorsichtig mit Erde und Blättern ab, um das darunter liegende Myzel zu schützen. Dies ist das unterirdische Pilznetz, das manchmal auch als Internet des Waldes bezeichnet wird. Das Myzel kann sich über weite Strecken ausbreiten, den Rekord hält angeblich ein Hallimasch im US-Bundesstaat Oregon, der sich auf 3,7 Quadratkilometer ausgebreitet hat. Das größte Lebewesen der Welt ist – ein Pilz.

Zurück nach Rathenow, hier haben einige Pilzsammler ihre Körbe zwischen den Kiefernreihen gefüllt. Kiefernwälder werden auch oft als Kastanienplantagen bezeichnet. Kopsch hat auf dem Parkplatz einen Tisch aufgestellt und legt nun die Fundstücke darauf aus. Schnell ist der Tisch voll, rund zehn Minuten später auch der Kopf – denn Kopsch erklärt, was essbar, ungenießbar oder giftig ist.

Dies zeigt, dass die Augen allein nicht ausreichen, um zu beurteilen. Kopsch schnüffelt, tastet, schneidet Teile ab. Verfärbt sich etwas, tritt Flüssigkeit aus und wenn ja, welche Farbe hat es? Hat der Pilz einen Ring, ist der Stiel gerade oder nicht? Wo wurde der Pilz gefunden, war er auf dem Boden unter Blättern oder im Moos? Oder hat er sich für Holz entschieden, einen Baumstamm? Welche Bäume waren in der Nähe, war es Birke oder Kiefer? Auch die Jahreszeit ist wichtig. Ob ein Pilz essbar ist oder nicht, lässt sich nicht pauschal sagen.

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Eine allgemeine Faustregel gebe es nicht, sagt Kopsch. Lamellen oder Schwamm, beides kann schmackhaft oder schmerzhaft werden. Jeder Pilz sollte unter die Lupe genommen werden – und erst wenn man sich wirklich sicher ist, geerntet werden, empfiehlt Kopsch. Ansonsten belassen Sie es, denn was den Menschen nicht gefällt, findet im Tierreich dankbare Abnehmer.

Rotkäppchen, weiße Punkte

Die mit Rotkäppchen und weißen Punkten lassen Tagesausflügler in der Nähe von Bestesee ihre Handykamera zücken: Fliegenpilze. Im Gegensatz zum Knollenblätterpilz, der schon in geringen Dosen tödlich sein kann, ist er eher harmlos. Dennoch ist Vorsicht geboten. In großen Mengen konsumiert, kann es auch gefährlich sein. Beim Zubereiten oder Trocknen verwandelt sich die giftige Ibotensäure in Muscimol, was zu berauschender Ekstase führen kann. Wir lassen die hübschen Fliegenpilze wo sie sind und freuen uns über Kastanienpilze als Geschenk. Erkennbar an der braunen Kappe und der tintenblauen Farbe, die von den eingekerbten kleinen Schwämmchen leuchtet.

Kopsch ist Pilzexperte und wird von Krankenhäusern bei Verdacht auf eine Pilzvergiftung zu Rate gezogen. Ihre Aufgabe ist es herauszufinden, welcher Pilz besser nicht in der Pfanne gelandet wäre. Im Zweifelsfall, rät Kopsch, sollten Sie einen Pilzexperten zu Rate ziehen. Von Apps zum Identifizieren von Pilzen hält sie nicht viel; ein neues Pilzbuch wäre besser. Am Ende schaut Kopsch in alle Körbe, bevor die Teilnehmer gehen dürfen.

Pilze können laut Kopsch das ganze Jahr über gepflückt werden. Der Herbst hat Saison, aber der Oktober ist zu spät für Pfifferlinge, sie sind im Sommer erhältlich. Auch für Kastanien-Steinpilze und Steinpilze neigt sich die Saison dem Ende zu. Auch wenn es wegen des trockenen und dann nassen Sommers noch viele sind. Eine Bauernregel besagt: viele Pilze, kalter Winter. Wir brauchen es eigentlich nicht.

Im Spreewald ist die falsche rote Mütze auf dem Vormarsch.

Die Biologin Hannelore Kretke über das Wachstum neuer Arten durch den Klimawandel

Vorsicht ist geboten bei den ersten Nachtfrösten, die das Pilzprotein verderben können. Sicherheitshalber müssen die Rohre jetzt besonders genau inspiziert werden, rät Hannelore Kretke. Der Diplom-Biologe aus Bad Freienwalde ist ehrenamtlicher Pilzexperte. Besser wäre es dann, auf die sogenannten Winterpilze umzusteigen. Austernpilze und Winterrüben stellen ihr eigenes Frostschutzmittel her, sagt sie. Während in anderen Teilen Brandenburgs der Regen nach einem viel zu heißen Sommer für reichlich Pilze sorgte, ist das Pilzjahr in Ihrer Region nicht ganz so ertragreich.

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Die Region ist in vielerlei Hinsicht entscheidend, das Wetter, der Boden, sie schaffen sich mit ihren eigenen Pilzen ihre eigenen Lebensräume. Wer die brandenburgischen Pilze kennt, ist nicht unbedingt auf die Pilze aus anderen Regionen eingestellt. Es gibt einen giftigen Pilz, der in Sachsen ein schmackhaftes Doppel hat. Immer wieder ernten sächsische Touristen diesen Pilz und landen dann im Krankenhaus. Dies brachte dem Pilz den Spitznamen „Sächsisches Gift“ ein.

Mütze oder Hut wegen Hirschläuse empfehlenswert

Ähnlich verhält es sich mit der Radioaktivität. „Von Region zu Region unterschiedlich und auch bei den Pilzen unterschiedlich“, sagt Kretke. „Kastanien sind besonders betroffen“, fügt sie hinzu. Auch Kretke hält Apps für ungeeignet zur Artbestimmung. Um bei der Bestimmung der rund 3000 in Brandenburg vorkommenden Großpilzarten auf dem Laufenden zu bleiben und als Sachverständige weiterarbeiten zu können, muss sie alle zwei Jahre eine Weiterbildung absolvieren. Sie gehe normalerweise öfter, sagt sie. Durch den Klimawandel kommen neue Arten hinzu. „Im Spreewald zum Beispiel ist die falsche Rotkappe auf dem Vormarsch“, sagt sie.

Auch die richtige Vorbereitung ist wichtig. Die meisten Pilze seien roh giftig, sagt Kretke. Pilze, auch getrocknete, müssen mindestens zehn Minuten kochen. Bei manchen Arten muss die Haut vor dem Genuss entfernt werden, zum Beispiel beim Butterpilz. „Das verträgt nicht jeder“, sagt Kretke. Das gilt auch für den Lärchensteinpilz, der gerade unter diesen Bäumen wächst. Kretke sammelt gerne rund um den Werbellinsee und überall dort, wo unterschiedliche Waldarten aufeinandertreffen. Tipp vom Pilzexperten: Mütze oder Hut aufsetzen. „Die Hirschläuse sind unterwegs. Sie gehen bis zum Haaransatz und ihre Stiche jucken wirklich.“

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Auch Pilzliebhaber kommen im Herbst in den Wäldern des Naturparks Hoher Fläming auf ihre Kosten, zu denen kleinere Orte wie Ragösen oder Werbig gehören – oder das malerische Verlorenwasser, geografischer Mittelpunkt der ehemaligen DDR. Auf jeden Fall scheint der dortige Waldboden mit seinem oft dichten Moos ideal für eine Vielzahl von Pilzen zu sein – seien es Kastanien, Butterpilze, Ziegenlippen oder andere Steinpilze und mit etwas Glück auch Ringelhühner.

Es kann sich lohnen, zweimal zu kommen

In diesem Jahr lohnt es sich angesichts des vergleichsweise warmen Wetters und regelmäßiger Niederschläge, den gleichen Ort nach einer Woche noch einmal zu besuchen. Dann ist das sogenannte „Fleisch des Waldes“ nachgewachsen, wie einige Pilzfreunde dem Tagesspiegel berichten. Eine Pilzwanderung im Hohen Fläming lässt sich übrigens mit einem Restaurantbesuch zum Mittagessen abrunden. Ausflugslokale wie das „Dippmannsdorfer Paradies“ sind nicht nur bei Einheimischen beliebt.

Wer sich nicht traut, Pilze zu essen, aber gerne Pilze fotografiert, ist in der Naturlandschaft Döberitzer Heide genau richtig. Mehr als 700 Pilzarten wurden hier identifiziert. Sie dürfen von weitem bewundert, aber nicht geerntet werden. Dort, wo das Verlassen der Wege verboten ist, wie etwa in Naturschutzgebieten, dürfen demnach keine Pilze gesammelt werden. Je nach Bundesland können auch sehr große Mengen gesammelter Pilze mit einem Bußgeld belegt werden. In Berlin und Brandenburg sind kleine Mengen für den Eigenbedarf erlaubt, sofern sich keine geschützten Arten im Körbchen befinden.

Um auf den Geschmack zu kommen, empfiehlt der Pilzexperte die Teilnahme an einer geführten Pilzwanderung. Die Nature Watch und der Naturschutzbund (NABU) Brandenburg bieten solche Exkursionen an. Zum Beispiel im Barnim, hier lädt der NABU am Sonntag, 30. Oktober, zu einem „Naturkundlichen Spaziergang zum Thema Pilze im Herbst“ ein.

  • Ausflüge in Brandenburg
  • Klimawandel
  • Kürbis mit Algenbutter, Wolfsbarsch in Räucherbrühe

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